Jedes Jahr präsentiert die Orpheum Stiftung zur Förderung junger Solisten mindestens ein Konzert, das vielversprechenden angehenden Instrumentalsolisten den Einstieg in eine internationale Konzertkarriere ermöglichen soll. Diesmal spielte das Tschaikowsky-Symphonieorchester Moskau unter der Leitung von Vladimir Fedoseyev ein reines Tschaikowsky-Programm.

Vladimir Fedoseyev und das Tschaikowsky-Symphonieorchester © Thomas Entzeroth
Vladimir Fedoseyev und das Tschaikowsky-Symphonieorchester
© Thomas Entzeroth

Es war ein ungewohnter Anblick: Angesichts des großen Publikumsandrangs war das Podium auf Minimalgröße belassen worden und für die einleitende Tondichtung Francesca da Rimini drängte sich die volle Formation des russischen Orchesters dicht an dicht auf der Bühne. Es war faszinierend, die Musiker des Ensembles bei ihrer Arbeit zu beobachten. Die Fülle an Berufserfahrung und die Vertrautheit mit dieser Musik waren evident, aber wer hier Zeichen von Routine und Berufsalltag erwartet hätte, suchte vergebens. Keiner der Musiker lehnte sich bequem im Stuhl zu passivem Spiel zurück (das erlaubte bei den meisten schon das Notenpult im Rücken nicht): Vom Konzertmeister bis zu den Kontrabassisten hinten links zeigten alle Musiker volles Engagement, waren immer bei der Sache; entsprechend klar und virtuos war das Resultat.

Der Orchesterklang war in diesem Werk berechtigterweise streicherdominiert. Beeindruckend die Klangfülle, satt der Ton der Violinen, trotz der großen Zahl der Instrumente blieb die Artikulation auch in raschen Verzierungen wie Passagen und Doppelschlägen deutlich. Die Bläser erklangen wie ein einziges Instrument aus der Mitte des Streicherglanzes, vollends integriert in den Klangkörper. Fedoseyev dirigierte ohne Taktstock, mit sparsamer Gestik und erzielte trotzdem eine hinreißende, sehr beeindruckende Interpretation: dramatisch-emotional die wirbelnden Winde, die die Liebenden für immer in den Orkus entführen, ergreifend die traurig-schöne Melodik in der Erinnerung an Momente des vergangenen Glücks – alles in allem eine durchweg glanzvolle Leistung!

Jan Mrácek, Vladimir Fedoseyev und das Tschaikowsky-Symphonieorchester © Thomas Entzeroth
Jan Mrácek, Vladimir Fedoseyev und das Tschaikowsky-Symphonieorchester
© Thomas Entzeroth

Das erste, was beim Violinkonzert mit dem 26-jährigen Tschechen Jan Mráček auffiel, war das deutlich unter Tschaikowskys Metronomvorgabe für ein Allegro moderato gewählte Tempo im ersten Satz. Es war eine bewusste Entscheidung, aber nicht aus Rücksichtnahme auf beschränkte Fähigkeiten des Solisten, ganz im Gegenteil: Mráček hat in diesem Konzert von A bis Z überzeugt. Der Geiger nutzte das langsame Zeitmaß für die sorgfältige Gestaltung des Soloparts, die detaillierte Artikulation und Phrasierung, dabei den weichen, in der Tiefe warmen und vollen Klang seines Instruments ausspielend. Er behielt engen Kontakt mit dem Orchester, seine Erfahrung als Konzertmeister nutzend. Im Gegenzug widmete Fedoseyev einen Großteil seiner Aufmerksamkeit liebevoll dem Solisten. Jan Mráček horchte bald in sich hinein, suchte aber ebenso den Blickkontakt mit dem Publikum. Sein Spiel war äußerst intonationssicher, lyrisch, poetisch, intensiv und innig bis in die leisesten Flageolettöne und die Pausen der Kadenz: keine olympische Tempohetze, aber ein Künstler, der weiß, was er will. Das einzige, was man der Interpretation ankreiden konnte war, dass die Musik manchmal nicht vom Fleck, der Allegro-Charakter nicht zur Geltung kam.

In der Canzonetta gefiel der Geiger mit umsichtiger Dynamik, sorgfältig gestalteten Verzierungen und klarer, sicherer Tongebung. Der Spannungsaufbau im Orchester am Ende des Satzes gelang ausgezeichnet; im Finale schließlich stimmte auch das Tempo. Hier spielte Mráček virtuos, praktisch fehlerfrei, emphatisch in den Zwischenspielen, mit manchmal theatralischen Beschleunigungen. Im Orchester gefielen die disziplinierten Pizzicati, anderseits waren nicht alle Tempoübergänge glatt, gelegentlich traten leichte Koordinationsprobleme auf, was wohl auch auf die begrenzte gemeinsame Probenzeit zurückzuführen ist. Das Molto meno mosso, gefolgt von poco a poco rallentando zum Quasi andante fiel vielleicht etwas gar extrem aus; im Ganzen aber fand ich die Leistung des Violinisten überzeugend, in seiner Art fast perfekt, bis hin zur rhythmisch vertrackten Coda. Gratulation dem jungen Talent!

Mélodie Zhao, Vladimir Fedoseyev und das Tschaikowsky-Symphonieorchester © Thomas Entzeroth
Mélodie Zhao, Vladimir Fedoseyev und das Tschaikowsky-Symphonieorchester
© Thomas Entzeroth

Solistin im folgenden Klavierkonzert Nr. 1 war die 23-jährige chinesisch-schweizerische Pianistin Mélodie Zhao, die sehr früh schon konzertant auftrat. Sie hat bereits eine beachtliche Diskothek veröffentlicht, bis hin zu den Etüden von Chopin und Liszt sowie sämtlichen Klaviersonaten von Beethoven. Man konnte also davon ausgehen, dass die Solistin für dieses populäre Werk über alle technischen Voraussetzungen verfügt.

Hier nun überzeugte das moderate Tempo im ersten Satz. Die Eröffnung war vielleicht etwas gar breit, was aber die Pianistin umgehend korrigierte. Es wurde dennoch eine stellenweise episch genießerische Interpretation, oftmals dramatisch, theatralisch weitend, nicht nur glatte, polierte Virtuosität. Zhao spielte rhythmisch durchweg äußerst sicher, artikulierte klar, schien die Sonorität des Steinway D zu genießen. Da standen extrem lyrische oder fast episch verbreiterte Passagen neben genauso extrem behänden Doppeloktav-Kaskaden.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Pianistin einerseits eine gewisse Neigung zu dramatischen Übertreibungen zeigte, anderseits hätte ich mir gelegentlich eine sprechendere, freiere Agogik gewünscht. Accelerandi, allgemein Übergänge zu schnellerem Tempo (auch in der Kadenz und im Prestissimo des langsamen Satzes) waren oft etwas gar stürmisch-drängend und dann auch nicht sehr differenziert; das galt auch für den Beginn des Schlusssatzes. Generell bot Mélodie Zhao eine technisch vollends überzeugende Leistung, gelegentlich etwas über das Ziel hinausschießend – eine Interpretation, die aber durchaus noch Reifungspotenzial hat und in den kommenden Jahren gewiss noch wachsen wird.