Mit Königen auf der Opernbühne meint es das Schicksal meist nicht gerade gut. König Philipp in Verdis Don Carlo ist der Depression zumindest nicht fern, Boris Godunow verfällt kurz vor seinem Tod dem Wahnsinn, King Lear nach Shakespeares Vorlage bei Aribert Reimann gleichfalls. Der englische König Georg III., den Peter Maxwell Davies 1969 ins Zentrum einer Bühnenkomposition stellte, ist von Anfang an verwirrt. Damit folgt der Komponist der Historie, denn 1810 war der König bereits unrettbar krank, ein Jahr darauf übernahm sein Sohn die Regentschaft, der König irrte in den Gängen von Schloss Windsor umher. Was er dabei vor sich hin redete, wurde zum Teil aufgezeichnet.

Holger Falk © Wilfried Hösl
Holger Falk
© Wilfried Hösl

Für die Bühnenkomposition Eight Songs for a Mad King ließ sich Librettist Randolph Stow von einer alten kleinen Orgel inspirieren, die Georg III. gehörte und auf der er einige Töne spielen konnte, und so stellte sich Stow den König vor, wie er in seiner Abgeschiedenheit seinen geliebten Vögeln das Singen seiner Lieblingsmusiken beibringt. Bei der Uraufführung waren daher die sechs Instrumentalisten, die dem Sänger zur Seite stehen, in Vogelkäfigen untergebracht.

Peter Maxwell Davies hat für dieses sehr introvertierte Geschehen – die acht Gesänge gleichen Selbstgesprächen des verwirrten Geistes – eine raffinierte Musikmischung gefunden. Sie reicht von geradezu betörenden Kantilenen bis zur krassen Kakophonie, das heißt von der Reminiszenz des Protagonisten an die Normalität der Vergangenheit bis zur absoluten geistigen Zerrüttung. Das verlangt dem Sänger klangliche Leistungen ab, die weit über das hinausgehen, was selbst in der Musik unserer Tage bisweilen gefordert wird. Der Bariton Holger Falk intoniert die seltenen kantablen Passagen mit einem herrlich lyrischen Bariton, ist aber ebenso fulminant zu den krassen Geräuschen fähig, die bis zu fünf Oktaven umfassen. Das geht von einzeln hervorgestoßenen Tönen bis hin zu Kreischen, Krächzen, Kichern, Blöken.

Holger Falk © Wilfried Hösl
Holger Falk
© Wilfried Hösl

Zudem gestaltet er die einzelnen Stimmungslagen minutiös aus. Wenn der Protagonist sich mit Gott vergleicht, der ja auch ein König sei, stößt Falk das Wort „King“ geradezu ekelerfüllt hervor. Wenn der König betont, er sei nicht krank, aber sehr wohl nervös, kommt nur noch ein Stottern aus dem Mund des Sängers; schließlich endet im letzten der acht Gesänge der Gesang, der Sänger muss sich auf ein Deklamieren beschränken, was Falk bis ins Letzte verständlich über die Lippen bringt. 

Regisseur Andreas Weirich hat mit dem Sänger jede Silbe des Textes genau analysiert und macht die Zerrüttung des Geistes in Mimik und Gestik glaubhaft deutlich. Dasselbe gelingt Dirigent Olivier Tardy mit dem sechsköpfigen Instrumentalensemble der Bayerischen Staatsoper. Grandios lotet er den kakophonischen Akkordbeginn aus und lässt dann die Musik Schritt für Schritt sich auflösen, ein Widerhall dessen, was mit dem Geist des Königs geschah. Jeder Instrumentalist ist hier immer wieder auch Solist, wenn der König etwa in ein Duett mit der Flöte eintritt und in Weirichs Inszenierung der Flötistin durchaus bösartig zu nahe kommt. Das Publikum erlebt das alles hautnah mit, denn es sitzt auf der Bühne, im Fall der Aufführung für den Stream, der gegen eine Gebühr bis Anfang Februar abrufbar ist, allerdings vertreten durch Puppen.

<i>Eight Songs for a Mad King</i> © Wilfried Hösl
Eight Songs for a Mad King
© Wilfried Hösl

Weirich verzichtet auf jedwede Anspielung auf den von Librettist Stow ausgedachten Inhalt. Von Vögeln keine Spur, an den König erinnert lediglich ein Thron mit Krone und die kleine Orgel, auf der Falk gelegentlich wild draufloshämmert. Weirich bringt einen klinischen Fall auf die Bühne. So lässt er die stark halbstündige Aufführung nicht mit dem kakophonischen Ausbruch beginnen, der am Anfang der Partitur steht, sondern mit einem langen Trommelsolo, zu dem feierlich – schließlich sind wir bei Hof – die späteren Instrumentalisten als klinisches Personal in weißen Kitteln mit Mundschutz einmarschieren. Der Protagonist sitzt derweil auf seinem Thron, den Kopf vollständig einbandagiert. Erst allmählich reißt er sich die Vermummung vom Kopf und wird sie am Ende wieder herstellen. Zu Beginn wie am Ende ist er zudem mit einem breiten Gürtel an den Thron gefesselt wie in einer Zwangsjacke. 

Damit begibt sich Weirich freilich auch der Möglichkeit, das Aberwitzige dieser Bühnenkomposition auszuloten, in der ein Mensch Vögeln das Singen beibringen will. Bei ihm ist es ein Fall für die Psychiatrie, und für den Zuschauer ein grandioses Stimmtheater durch einen fantastischen Sängerdarsteller.

Die Vorstellung wurde vom Livestream der Bayerischen Staatsoper rezensiert.

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