Claude Debussy zählt zu den bekanntesten und meistgespielten Komponisten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Um sich der Frage zu nähern, was eine gute Interpretation der Klavierstücke Debussys ausmacht und welche Aufnahmen gar das Zeug zur Referenz haben, fragen wir doch am besten den Komponisten selbst. Claude Debussy, der am 22. August 1862 als erstes von fünf Kindern im französischen Saint-Germain-en-Laye geboren wurde, war eher zufällig durch die musikbeflissene Adelige Mauté de Fleurville als außergewöhnliches musikalisches Talent entdeckt und zunächst von ihr als Pianist ausgebildet worden. Nach einigen Misserfolgen bei angesehenen Klavierwettbewerben seiner Zeit entschied er sich dann jedoch schweren Herzens gegen eine Karriere als Klaviervirtuose. Gut für seine musikalische Nachwelt, denn wer weiß, ob er neben dem strapaziösen Leben eines reisenden Künstlers noch die Zeit gefunden hätte, seine großartigen und wegweisenden Kompositionen in die Welt zu setzen.

Claude Debussy
Claude Debussy

Aufgrund seiner Affinität zum Klavier hatte Claude Debussy eine ausgeprägte Meinung dahingehend, was gute oder schlechte Interpretationen ausmachen. So äußerte er sich beispielsweise zu dem Konzert einer gewissen Mme Olénine, dass die Stücke von Mussorgsky, welche zur Aufführung gekommen waren, besonders notengetreu und deshalb auch besonders gut dargeboten worden seien. Die exakte Wiedergabe der Partitur scheint also eine seiner wesentlichen Anforderungen an die Klavierkunst gewesen zu sein. Offenbar ein Grund dafür, warum er selten mit der Interpretation seiner eigenen Werke durch die effekthascherischen und freiheitsliebenden Klaviervirtuosen der romantischen Ära zufrieden war, wie aus Zitaten des Pianisten Alfredo Casella hervorgeht. Debussy ging sogar so weit zu behaupten, dass er in seiner Lebenszeit nur zwei wirklich gute Pianisten gehört habe, nämlich seine „kleine dicke Klavierlehrerin“ [Mauté de Fleurville] und Franz Liszt, den er einmal in Rom gehört hatte. Dass Franz Liszt die Inkarnation des romantischen und frei interpretierenden Künstlers war, schien ihn hier ausnahmsweise nicht zu stören, vermutlich, weil Liszt ohnehin meist seine eigenen Werke spielte.

Mauté de Fleurville
Mauté de Fleurville
Aus Debussys überlieferten Schriften geht weiterhin hervor, dass ihm neben dem genauen Wissen um Kontrapunkt, Harmonie, Melodieführung, Rhythmus, Phrasierung und Tempo besonders der sparsame Einsatz des Pedals beziehungsweise die kluge Kombination aller drei Pedale wichtig war. So lobte er in Bezug auf seine Klavierstunden bei Mauté de Fleurville, welche angeblich von Frédéric Chopin unterrichtet worden war, dass zu Übungszwecken - wie bei ihrem Lehrer Chopin üblich - komplett auf den Einsatz des Pedals verzichtet wurde und nur im Konzert spärlich davon Gebrauch gemacht werden durfte.

Die meisten uns bekannten Debussy-Interpreten würden wohl durch das strenge Raster Debussys fallen und der Artikel wäre hier zuende. Zum Glück relativierte jedoch Debussy sein eigenes strenges Qualitätskorsett nach einem Recital des großen Ignacy Jan Paderewski, welcher unter anderem Debussys 'Reflets dans l'eau' gespielt hatte. Es ist überliefert, dass der Komponist danach zu Paderewski gesagt haben soll, dass die Aufführung zwar nichts mit dem zu tun habe, was er selbst im Sinn gehabt hatte, aber dass Paderewski doch bitte trotzdem kein Jota an dieser wunderbaren Interpretation ändern solle. Besonders lobte er den perlenden Anschlag Paderewskis.

Wer also sind Debussy-Interpreten, die möglichst werkgetreu, und zugleich ihrem eigenen Gestaltungswillen folgend, perlend, transparent, und mit effektivem Pedaleinsatz Debussys Werke zur Aufführung brachten?

Egal wen man nach den besten Debussy-Interpreten befragt, ein Name wird definitiv fallen: Arturo Benedetti Michelangeli (1920-1995). Der italienische Pianist war bekannt für seinen extremen Perfektionismus und seine unbedingte Werktreue, was dazu führte, dass er für einen Konzertpianisten ein relativ überschaubares Repertoire hatte. Debussys Werke jedoch waren die zentrale Konstante in seinen Konzerten und seine Aufnahmen sind der Goldstandard für gute Debussy-Gestaltung. Sie bringen alles mit, was Claude Debussy wohl selbst entzückt hätte: Notentreue, Transparenz in Bezug auf Melodieführung und Kontrapunkt, sparsamer Einsatz des Pedals und ausgewogene Tempi.

Zu den gemeinhin bekanntesten Pianisten des 20. Jahrhunderts, die sich auch um die Werke Debussys verdient gemacht haben, zählen auch der Chilene Claudio Arrau (1903-1991) mit seinem unvergleichlich natürlich lockeren Anschlag und seiner ernsthaften Auseinandersetzung der Einbettung einzelner Stücke in ihre jeweiligen Werkszyklen. So verwundert es nicht, dass vor allem seiner Interpretation der Préludes Referenzstatus zugesprochen wird. Besonders die Préludes wurden auch von einem anderen Titan des 20. Jahrhunderts, Sviatoslav Richter (1915-1997), technisch makellos und zugleich mit beeindruckender Vielfalt der Klangfarben und Stimmungen interpretiert. Ein Pianist unserer Zeit, der mit seinen umjubelten Aufführungen und der Aufnahme der Préludes beweist, dass er das Zeug zum ganz großen Debussy-Interpreten hat, ist Francesco Piemontesi (*1983). Seine makellose Technik und unerhört vielfältige Palette von Klangfarben reißen Klavierliebhaber allerorten zurecht zu überschwänglichen Lobeshymnen hin.

Weitere Klaviergroßmeister des vergangenen Jahrhunderts, die Debussys Oeuvre mit zeitloser gestalterischer Überzeugungskraft wiedergaben, sind Vladimir Horowitz (1903-1989) und Walter Gieseking (1895-1956). Von Gieseking behauptetet Debussys Witwe angeblich, dass sein Klavierspiel der ihres verstorbenen Ehemannes am nächsten kam. In dieser Reihe nicht fehlen darf auch der große Ungar Zoltán Kocsis (1952-2016), der vor allem für seine Beethoven-Interpretationen gerühmt wurde, aber auch Debussy bemerkenswert klar strukturierte. Ähnliche Attribute kann man auch Emil Gilels (1916-1985) zuschreiben. Gilels verstand es, sowohl feine Details in Anschlag und feinperlenden Arpeggi herauszuarbeiten, zugleich aber auch große musikalische Bögen zu spannen, stets mit der der russischen Schule eigenen architektonischen Strenge.

Eine eher unbekanntere Künstlerin, die sich um die Werke Debussys in besonderer Weise verdient gemacht hat, war Marcelle Meyer (1897-1958). Meyer, die bei Alfred Cortot und Marguerite Long in die Lehre gegangen war, gab den ersten ausschließlich Debussys Kompositionen gewidmeten Klavierabend im Beisein des Komponisten, brachte damit seine Etudes zur Uraufführung und war nebenbei auch die Lieblingspianistin der Gruppe „Les Six“. Zuletzt seien in der Reihe großer Pianisten des vergangenen Jahrhunderts noch drei Künstler erwähnt, nämlich der Amerikaner Paul Jacobs (1930-1983), der fast alle Werke Debussys gespielt und größtenteils auch aufgenommen hat und dessen intellektuelle Vitalität und ansteckende Lebendigkeit immer wieder lobend erwähnt werden, der Franzose Jacques Février (1900-1979) sowie der viel zu früh bei einem Flugzeugabsturz verstorbene William Kapell (1922-1953).

Gerade in der jüngeren Vergangenheit haben sich einige Debussy-Spezialisten hervorgetan, die sein Gesamtwerk neu interpretiert und aufgenommen haben. Bemerkenswert sind vornehmlich der Franzose Jean-Efflam Bavouzet (*1962), der u.a. für seine faszinierend differenzierten Einspielungen der Werke Debussys vielfach ausgezeichnet wurde, und der Brite Gordon Fergus-Thompson (*1952), der sich auch um die eher unbekannten Werke Debussys bemüht hat. Fergus-Thompson hat mit seiner Gesamtaufnahme der Klavierwerke Debussys die Fachwelt aufhorchen lassen. Es ist ihm gelungen, nach Michelangeli und Gieseking eine neue Referenzinterpretation zu liefern, die eine wohltemperierte Kombination aus dem Klangideal Debussys mit moderner Klavierkunst darstellt. Fergus-Thompson spielt präzise und doch zurückhaltend elegant. Seine Phrasierungen sind zwar ein- aber nicht aufdringlich, und so entstehen äußerst ästhetische überzeugende ausgewogene Klanggemälde. Wenn man denn die überstrapazierte Bezeichnung „Impressionismus“ für Debussys Oeuvre bemühen will, dann kommt einem dieser Begriff bei Gordon Fergus-Thompsons Interpretationen in den Sinn.

Die Aufnahmen der Préludes des polnischen Pianisten Krystian Zimerman (*1956) und die der 12 Etudes der japanisch-britischen Pianistin Mitsuko Uchida (*1948) gehören zweifellos in ihrer überaus seriösen Werktreue und kompromisslos intellektuellen Gestaltungskraft ebenfalls zu den Aufnahmen, an denen Claude Debussy wohl seine Freude gehabt hätte. Da wir jedoch niemals erfahren werden, was Debussy selbst über all diese großartigen Interpretationen seiner Werke denken würde, können wir nur aufmerksam lauschend erahnen, wie viele zukünftige Generationen von Pianisten wohl noch die einzigartigen Werke des visionären französischen Impressionisten gestalten werden.

Der Vollständigkeit halber sollen hier auch folgende Pianisten nicht unerwähnt bleiben, die immer wieder bei der Suche nach der perfekten Debussy-Interpretation genannt werden: Die Franzosen Phillipe Entremont (*1934), Michel Béroff (*1950), Pascal Rogé (*1951) und Phillipe Cassard (*1962), sowie die Amerikaner Jorge Bolet (1914-1990) und Claude Frank (1925-2014).