Karol Szymanowskis zweite Oper, Król Roger, ist ein nur 90-minütiges, im Libretto ein ebenso konzentriertes wie klanglich oft orgiastisches Tongemälde, das 1926 in Warschau uraufgeführt wurde. Szymanowski verbindet Elemente des französischen Impressionismus mit Einflüssen von Schönberg, Schreker und Reger sowie des frühen Strawinsky. Dass das Werk heuer genau ein Jahrhundert alt wird, gab für die Wahl des Staatstheaters Regensburg weniger den Ausschlag als das Saisonmotto „Freiheiten“, dessen Themen Król Roger umkreist bei Selbsterkenntnis und Sexualität, Verführung, Religion und Formen der Spiritualität.

An Stelle einer Ouvertüre sieht sich das Publikum anfangs mitten in einem prunkvollen Hochamt, das die zahlreichen Gläubigen – neben dem Opernchor noch ein Extrachor sowie der Cantemus-Jugendchor als prachtvolle Oratoriengemeinschaft – mit vielstimmigen „Heilig!“-Rufen festlich begehen. Bühnenbildner Kristopher Kempf hat dazu einen goldglänzenden Festsaal entworfen, dessen lange Festtafel und geometrische Stuhlreihen Sinnbild alter Ordnung sind.
Doch die scheinbar unerschütterliche Werteordnung gerät ins Wanken, als geistliche Würdenträger von einem geheimnisvollen Hirten berichten, der eine neue Botschaft von Freiheit und Sinnlichkeit verbreitet. Die Stuhlreihen verrutschen, die Tafel wird stabiler, erdgebundener Laufsteg, den der Hirte als Podium nutzt. Der Kirchenraum mutiert zum Gerichtssaal, in dem der Hirte seine Botschaft von Liebe und Freiheit verkündet. König Roger sieht sich in einem inneren Konflikt, das politische System zu schützen und den Hirten zu verurteilen, oder sich doch auf eine Reise in unbekannte Gefilde zu machen. Auch das Volk schwankt zwischen Angst und Bewunderung, und selbst Königin Roxana erliegt der geheimnisvollen Anziehungskraft des sympathischen Missionars. Die anfängliche Verurteilung des selbstbewussten Predigers widerruft Roger später wieder.

Roger entscheidet sich, die Welt seiner politischen Macht zu verlassen und dem Hirten zu folgen. Mit seinem vertrauten Gelehrten Edrisi macht er sich auf die Suche nach dem Bekehrer. Für Sebastian Ritschel, Regensburger Staatsintendant und Regisseur der Neuproduktion, ist Roger am Anfang noch gefangen in den alten Ordnungen. Der Hirte zeigt dem König einen alternativen Weg, ein mögliches Leben jenseits von Konventionen und Erwartungen. Dabei darf Roger nicht einfach dem Hirten folgen; er muss selbst die Entscheidung treffen, zu welcher Freiheit sein eigener Weg führen soll. Der Hirte wirkt wie ein Katalysator, der im bisherigen Leben Verborgenes zum Vorschein kommen lässt. Ritschel bezieht dabei bewusst auch Szymanowskis eigene homoerotische Neigung ein als verstohlene Sehnsucht des Königs im Spiel zwischen ihm und dem Hirten.

Im dritten Akt hat Roger alle verhüllenden Gewänder abgelegt: „Heute ist der König ein Wanderer“. Er darf wie ein neuer Mensch befreit wirken von alten Regeln. Und selbst der zögernde Edrisi ermutigt ihn, aufzubrechen in das Land der Ekstase. So mündet das fulminante Finale in einen mächtigen Jubelchor des Volkes sowie Rogers Monolog am Ende des dritten Aktes, der mit den Worten „Sonne! Sonne!“ beginnt. Während das Morgenlicht ihn hell erleuchtet, findet Roger zu seiner inneren Freiheit: Er widersteht der anfänglichen starren religiösen Orthodoxie ebenso wie auch völliger Hingabe an dionysischen Rausch. Ein offenes Ende trotzdem, das den Fortgang der Herrschaft nicht näher beleuchtet.

Dem König konnte der Bariton Carl Rumstadt vollendet Statur verleihen, Königswürde und die Dramatik seines inneren Kampfes in markanter Überzeugungskraft ebenso wie in zurückgenommen fragendem Ausdruck glaubhaft werden zu lassen. So gestaltete er auch seinen Schlussmonolog mit fast tenoraler Leuchtkraft zum bewegenden Moment, für den gefundenen Frieden sein reines Herz den früheren Abgründen zu entreißen: „Und bring’s als Opfer dar der Sonne!“
Martin Enger Holm bestach als Hirte durch die reichen Farben seiner mühelos in die Höhe geführten Tenorstimme sowie sein leichtfüßiges Spiel, das auch durch seinen lockeren Freizeit-Look den Gegensatz zu den schweren Brokatmänteln der Königsfamilie verschärfte. Herausragend immer wieder sein durch empathische Geduld und Überzeugung geprägter Diskurs mit dem noch zweifelnden König.

Theodora Vargas wusste mit warmem lyrischem Sopran die Königin zu gestalten, deren Neugier auf unbekannte Lebensweisen schnell geweckt und wachsende Zuneigung zum Hirten im fast ekstatischen, weich von der Flöte umspielten Gesang deutlich erkennbar wurde, die aber am Ende zu Rogers Entscheidung steht. Carlos Moreno Pelizari kommentierte als weiser Gelehrter mit weicher tenoraler Färbung Rogers inneres Ringen.

Die hypnotische Schönheit der Orchestermusik ließen GMD Stefan Veselka und das Philharmonische Orchester vollendet aufblühen. Instrumentale Soli beeindruckten dabei ebenso wie ins opulente Schwelgen brandende Ausbrüche. Eine kurzweilige, höchst faszinierende Entdeckung!







