Wie beginnt eine Katastrophe? Mit einem Knall? Oder vielleicht viel früher, beinahe unmerklich? Manche Geschichten erschließen sich erst, wenn man ihr Ende kennt. Erst dann bekommen die ersten Sätze plötzlich eine andere Bedeutung, erst dann wird aus einem Detail ein Hinweis. Vielleicht ist Gustav Mahlers Symphonie Nr. 6 eine solche Geschichte. Und womöglich auch Daniele Gattis Interpretation, mit der er und die Staatskapelle Dresden in die neue Saison starten, eine die von hinten gelesen werden muss.

Daniele Gatti © Oliver Killig
Daniele Gatti
© Oliver Killig

So bleibt zu Beginn zunächst vieles im Ungefähren. Die Staatskapelle setzt mit einem beinahe fragenden Klang ein. Die Musik scheint nicht recht voranzukommen, tastet sich vorwärts, als müsse sie erst herausfinden, wohin sie eigentlich will. Das zentrale Motiv kehrt wieder, jedes Mal intensiver, forschender, bestimmter – und doch bleibt da zunächst dieses Gefühl des Fischens in einem unklaren Gewässer, des Suchens nach etwas, das sich nicht greifen lässt. Die Musik ringt um Definition. Mit jeder Wiederkehr schärfen sich die Konturen, bis das Motiv beinahe kreischt. Und plötzlich ist es da, das Durchschlagende, das man eigentlich erwartet: Gatti treibt das Orchester in ein furioses Finale und der zuvor so zögernde Beginn bekommt rückblickend etwas Unruhiges. Vielleicht war das Zögern kein Stillstand, sondern ein Ansetzen.

Diese Bewegung setzt sich im Scherzo fort. Zu Beginn zieht Gatti das Tempo an, lässt das Orchester aufflackern, nimmt es sogleich zurück. Er strafft und lockert. Nie kippt die Spannung in die Extreme, nie entstehen klare Konturen. Gerade darin liegt eine eigentümliche Unruhe: Immer wieder scheint die Staatskapelle kurz davor, die Kontrolle zu verlieren – und findet sie doch immer wieder. Die Musik bewegt sich nicht auf einer geraden Linie, sondern in Wellen, und Gatti lässt diese Wellen spürbar werden, ohne sie aufzuschäumen.

Hammerschlag in Mahlers <i>Symphonie Nr. 6</i> &copy; Oliver Killig
Hammerschlag in Mahlers Symphonie Nr. 6
© Oliver Killig

Das Andante öffnet einen Raum, der beinahe wie eine Gegenwelt wirkt. Ein Schwellgeräusch trägt den Beginn, die Streicher entfalten einen vollmundigen, warmen Klang, durch den die Bläser mit feiner Durchdringung ziehen. Die Musik wird introspektiv, melancholisch, sehnsüchtig. Sie tastet nach einer anderen Welt. Eine Utopie vielleicht, doch auch diese bleibt nicht unberührt. Unter dem Streicherklang schimmert bereits der Abgrund hervor. Noch ist er nicht offen, aber er ist da, wenn hier auch tief unter dem Klang verborgen.

Im finalen Satz wird aus dem Tasten ein langsames Vordringen ins Ungewisse. Gatti nimmt sich Zeit, dehnt die Musik immer wieder und lässt sie mäandern. Dabei überspannt er den Bogen fast. Jeder Schritt muss erst gefunden werden, wie durch ein Gelände im Nebel. Die Höhepunkte wachsen organisch aus diesem Suchen heraus. Und dann kommt der erste Hammerschlag – doch er zerreißt den Raum nicht, sondern verpufft beinahe. Wo man den brutalen Einschnitt erwartet, bleibt zunächst Ratlosigkeit. Liegt es an der Akustik der Semperoper? Fehlt die physische Kraft? Oder liegt gerade darin Gattis Idee? Auch der nächste Hammerschlag besitzt nicht jene Wucht, die man erwartet und danach kippt die Katastrophe beinahe in die übermäßige Groteske, als trüge das Schicksal eine verzerrte Maske.

Daniele Gatti dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden &copy; Oliver Killig
Daniele Gatti dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden
© Oliver Killig

Doch vielleicht muss man auch diesen Moment von hinten betrachten. Mahlers Sechste ist längst mit Deutungen aufgeladen. Die Hammerschläge sind zu Symbolen geworden, die vermeintlichen Schicksalsschläge zu einem Prisma, durch die das gesamte Werk rückblickend anders erscheint. Was am Anfang noch tastet, klingt nach dem letzten Ton nicht mehr ganz so harmlos. Was utopisch erscheint, wird vom Wissen um den Abgrund durchdrungen. Gattis Interpretation funktioniert möglicherweise nach demselben Prinzip. Vielleicht erschließen sich ihre scheinbaren Unschärfen erst im Rückblick: das Suchen nach Kontur, die wiederkehrenden Steigerungen, das Flackern und Zurücknehmen, die Sehnsucht nach einer anderen Welt und schließlich dieses langsame, beinahe widerwillige Herantasten an die Katastrophe.

Am Ende bewegt sich die Musik in scheinbarer Zeitlupe auf den Abgrund zu. Jeder Ton muss den nächsten erst anstoßen. Und gerade deshalb trifft der Schluss mit unerwarteter Wucht: markdurchdringend, scharf, endgültig. Dann ist sie vorbei, diese Sechste. Und die Fragezeichen bleiben. Manches wirkt im Moment des Hörens ungeformt, manches hätte unmittelbarer greifen können. Vielleicht ist es aber eine jener Interpretationen, die man nicht von ihrem Beginn aus verstehen kann, sondern erst von ihrem Ende her beginnt zu begreifen. Selbst im Moment des Schreibens dieser Zeilen ist dieser Prozess noch im Gange – und vielleicht macht diese bleibende Ungewissheit den Saisonauftakt zu einem lange nachklingenden Ereignis.

Daniele Gatti &copy; Oliver Killig
Daniele Gatti
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Hammerschlag in Mahlers <i>Symphonie Nr. 6</i> &copy; Oliver Killig
Hammerschlag in Mahlers Symphonie Nr. 6
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Daniele Gatti dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden &copy; Oliver Killig
Daniele Gatti dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden
© Oliver Killig