Lange Zeit sieht es danach aus, als ob die Geschichte eine gute Wendung nehmen könnte: Eigentlich will Pilatus Jesus gar nicht zum Tode verurteilen, denn er ist von dessen Unschuld überzeugt. Erst als die Juden den letzten Trumpf ausspielen und den Kaiser in Rom ins Spiel bringen, kippt Pilatus um. Denn er hat Angst, dass er, falls er Jesus freiließe, seine Macht verlieren könnte. „Da überantwortete er ihn, dass er gekreuziget würde“, heißt es im Evangelium nach Johannes und auch in Bachs Johannes-Passion.

In der Aufführung der Zürcher Sing-Akademie und des Orchesters La Scintilla unter der Leitung von Florian Helgath wird Pilatus und der Bass-Solist, der die Arien singt, von derselben Person repräsentiert. Matthias Winckhler gelingt das Kunststück, sowohl den gestrengen, aber innerlich wankelmütigen römischen Statthalter als auch den verzweifelten Parteigänger Jesu, der in der nachfolgenden Arie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen“ das Wort hat, miteinander zu verbinden. Die Dramatik des Geschehens auf Golgotha überträgt sich damit auch auf eine Gesangsrolle, die außerhalb der Handlung steht.
Insgesamt strotzt die Aufführung am Opernhaus, die im Rahmen des neugeschaffenen Festivals Zürich Barock stattfindet, von dramatischem Impetus. Man hört es gleich beim Eröffnungschor „Herr, unser Herrscher“: Helgath wählt ein zügiges Tempo, kostet die ganze dynamische Breite aus, lässt den Chor quasi als mitbeteiligten Klangkörper auftreten und forciert im Orchester einen rauen Klang. In der Folge ist es insbesondere der Evangelist, der exemplarisch für die Art der Interpretation einsteht. Der polnische Tenor Jan Petryka, der sowohl in der Oper als auch im Konzert zuhause ist, gestaltet seine Erzählerrolle nicht als objektiver Chronist, sondern wie ein persönlich anwesender Zeuge, der die Stationen des Dramas aus innerer Betroffenheit schildert. Wenn er vom Weinen des Petrus nach dessen Verrat berichtet, beginnt Petryka selber fast zu weinen. In der Jesus-Rolle zeigt Yannick Debus einen würdevollen Charakter, der aber zurecht das Salbungsvolle meidet. Die kleineren Rollen des Evangelienberichts werden von Mitgliedern des Zürcher Sing-Akademie ausgeführt.

Unter den Solisten, die nicht der Handlung zugeteilt sind, hinterlässt die junge deutsche Sopranistin Serafina Starke den besten Eindruck. Ihre zwei im Affekt so unterschiedlichen Arien „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“ und „Zerfließe, mein Herze“ singt sie mit beeindruckender Mischung von Leichtigkeit, Natürlichkeit und Empathie. Die Altistin Ulrike Malotta gefällt mit einer körperhaften Stimme, fällt aber mit ihrem Vibrato stilistisch aus dem Rahmen. Der Tenor Johan Krogius hebt sich in seiner objektivierenden Darstellung wohltuend vom Evangelisten ab.
Die inzwischen schon seit einigen Jahren andauernde künstlerische Zusammenarbeit zwischen der Zürcher Sing-Akademie und dem aus dem Orchester der Oper Zürich herausgewachsenen Barockorchester La Scintilla erreicht mit der Johannes-Passion erneut ein beeindruckendes Resultat. Der mit nur zweiunddreißig Sängerinnen und Sängern angetretene Profichor lässt unter der Leitung seines Chefdirigenten keine Wünsche offen. Im Eingangs- und Schlusschor kommt die große oratorische Geste zum Zug, die Volkschören sind in ihrer dramatischen Wildheit und ihrer stupenden Virtuosität kaum zu überbieten, und in den Chorälen paart sich psychologische Textdeutung mit Schlichtheit des Ausdrucks.
La Scintilla, der Ausgangspunkt des vom Intendanten Matthias Schulz begründeten Barockfestivals, wird seinem Ruf als erstklassiger Klangkörper einmal mehr gerecht. Das Spiel auf den alten beziehungsweise nachgebauten Instrumenten und die absolut selbstverständliche Handhabung der historischen Aufführungspraxis begeistern auch hier. Besonders herausgehoben seien die abwechselnde Gestaltung des Continuos durch die Generalbassgruppe, das farbige Wechselspiel zwischen Streicher- und Bläsergruppe und die vokal orientierte Spielweise der Soloinstrumente bei den Arien. Schade, dass es nur eine einzige Aufführung gab.



