Der Mann ist ein Phänomen. Der russische Pianist Grigory Sokolov tritt nicht mit Orchestern auf, gibt nur Soloabende und spielt dabei ein Jahr lang dasselbe Programm. Er gewährt kaum Interviews und macht keine Studioaufnahmen. Zu den Salzburger Festspielen hat der Pianist eine besondere Beziehung. Seit seinem Debüt im Jahr 2001 kommt er regelmäßig in die Mozart-Stadt. Legendär ist der 2015 veröffentlichte Live-Mitschnitt seines Konzerts von 2008. Im diesjährigen Sommer spielte der publikumsscheue Pianist im Großen Festspielhaus vor einem Publikum mit über 2,000 Zuhörern.

Pfeilgerade steuert Sokolov auf den Flügel zu, verbeugt sich kurz und beginnt dann zu spielen. Während der nächsten Dreiviertelstunde taucht er in seine hermetische Künstlerwelt ein und scheint das Publikum nicht zu bemerken. Im ersten Teil des Rezitals stehen zwei Werke Ludwig van Beethovens auf dem Programm, nämlich die Klaviersonate Es-Dur, Op.7 und die Sechs Bagatellen, Op.126. Ein Frühwerk also und eines aus der Spätzeit. Aha, denkt sich manch einer, da soll der stilistische Unterschied zwischen Beethovens Sturm-und-Drang-Zeit und seiner Reife herausgestellt werden. Doch was der Pianist zeigen will, ist etwas Anderes. Er demonstriert, wie viel später Beethoven bereits in der Sonate von 1797 enthalten ist. Deshalb hängt er die Bagatellen ohne Pause (und Applaus) direkt an die Sonate an.
Junge Pianisten würden diese Es-Dur-Sonate draufgängerischer und feuriger spielen. Bei Sokolovs Interpretation mag man diese Elemente anfangs etwas vermissen, aber sobald man seine Intentionen spürt, beginnt man zu staunen. Im Eröffnungssatz sind es die hörbar gemachten polyphonen Ansätze, die aufhorchen lassen. Und im zweiten Satz, diesem unvergleichlichen Largo con gran espressione, lässt Sokolov unüberhörbar den Beethoven der drei späten Klaviersonaten anklingen. Was für ein Gegensatz zwischen diesem simplen, in sich ruhenden C-Dur-Thema und den Verwicklungen und Aufsplitterungen, denen Sokolov es im Folgenden unterwirft. Etliche Überraschungen dynamischer Art bietet das Scherzo. Und im Rondo begeistert die Fähigkeit des Pianisten, dem etwas harmlos gespielten Rondo-Thema in den Zwischenteilen aufbegehrende Passagen entgegenzustellen.
Nach diesem „Vorlauf“ erscheinen die Bagatellen als natürliche Fortsetzungen. Klar, dass diese sechs Zweiminuten-Stücke nicht dieselben Entwicklungen ermöglichen. Aber durch das Hervorheben ihres polyphonen Charakters und das Konfrontieren der melodischen Oberfläche mit rhythmischen „Störfaktoren“ schafft Sokolov deutliche Bezüge zur Sonate. Dass die letzte Bagatelle in ihrer Tonart Es-Dur wieder auf die Tonart der Sonate verweist, gehört zu einem weiteren Merkmal dieses durchgestalteten Klavierabends.
Vollends zum Hochamt gerät dann der zweite Teil des Soloabends. In Franz Schuberts Klaviersonate B-Dur, D960 verwandelt sich Sokolov quasi in einen Hohepriester, das Publikum wird zur Gemeinde, und gehuldigt wird dem göttlichen Wesen Schubert. Dass der Komponist dieses Werk zwei Monate vor seinem allzu frühen Tod komponiert hatte, hat schon immer zu dessen Mystifizierung beigetragen. Sokolov führt diese Interpretationstradition auf die Spitze. Den liedhaften Charakter des ersten Satzes zelebriert er bis zum Exzess. Faszinierend ist insbesondere die Klangfarbenmagie des Pianisten, wenn beispielsweise das Hauptthema im Gang durch die verschiedenen Tonarten jedes Mal in einer anderen Beleuchtung erscheint. Wie aus dem Jenseits erklingt das Andante sostenuto, wahrend Sokolov im Scherzo und im Schlusssatz wieder irdischere und gar heitere Töne anschlägt.
Zu einem ausgewachsenen dritten Programmteil werden die Zugaben. Während andere Pianisten normalerweise zwei, höchstens drei Encores spielen, lässt sich Sokolov sage und schreibe zu sechs Zugaben hinreißen: zwei Balladen und eine Rhapsodie von Brahms, zwei Mazurken von Chopin und ein Prélude von Skrjabin. Mit diesem verschwenderischen Geschenk an das Publikum verrät der Pianist indirekt, dass er eben doch nicht nur für sich allein spielt. Doch zu einem Lächeln reicht es auch nach der sechsten Zugabe immer noch nicht.

















