Seit zwei Jahren ist das Bergson Kunstkraftwerk im Münchner Westen unter Spannung: in einer lang leerstehenden Industrieruine der Zwanzigerjahre, die still und unbeachtet eher auf den Abriss gewartet hatte, wurden auf Initiative und Investment eines kunstaffinen Brüderpaares die auffallend hohen Mauern mit den fast kathedralenartigen Fensterflächen aufwändig und stilerhaltend renoviert. Das Elektra Tonquartier, ein moderner Konzertsaal mit 500 Plätzen, dessen akustische Bedingungen elektronisch an den Charakter der aufgeführten Musik angepasst werden können, ist Heimat sich neu formierter Ensembles sowie Spielstätte von Gastauftritten auswärtiger Künstler. Dabei legt die Programmredaktion insbesondere Wert darauf, gerade vielversprechenden Nachwuchskünstler*innen ein Podium für Bühnenerfahrung zu geben. Auch Serafina Starke darf zu den derzeit besten jungen Sopranistinnen gezählt werden. Mit ihrer Klavierpartnerin Rebeka Stojkoska präsentierte sie hier erstmals öffentlich ihr Liedprogramm „Weltentrückt”.

Da der Tonquartiersaal nur teilweise gefüllt gewesen wäre, wurden kurzerhand Stühle auf dem Podium aufgestellt. Die Zuhörer saßen damit dicht um Pianistin und Sängerin, die gegen die übliche Richtung des Raumes zu singen hatte, mit dessen eher nachhallarmer Akustik aber gut zurecht kam. Ein intimer Rahmen für ein Programm, dessen Motto auch intime Tiefe zum Thema hatte.
Schon sehr früh wurde die im Jahr 2000 geborene Sopranistin musikalisch gefördert, von ihrer Mutter Antonia Starke im Gesang unterrichtet; ab 2016 war sie Jungstudentin an der Universität Mozarteum Salzburg. Engagements führten sie zu den Bregenzer Festspielen oder zum Glyndebourne Festival; 2023 sang sie bei den Salzburger Festspielen das Sopransolo in Verdis Te Deum (Quattro pezzi sacri). Seit 2024 ist sie Mitglied des Internationalen Opernstudios der Berliner Staatsoper Unter den Linden, mit Partien wie Papagena oder der Olympia (Les Contes d’Hoffmann). Die Pianistin Rebeka Stojkoska, geboren 1995, wuchs in Nordmazedonien auf, studierte in Skopje und Freiburg. Insbesondere für die Liedgestaltung sammelte sie Impulse bei Thomas Hampson, Gerold Huber und Hartmut Höll. Dass beide Künstlerinnen an Stelle eines Programmhefts selbst in die drei Abschnitte des Liederabends einführten, versetzte die Hörer unmittelbar in die Stimmung der Texte.
Die romantische Reise begann mit Liebe und poetischer Naturerfahrung; mystische Wesen entführen den Liebhaber dann in unberechenbare Gefahren einer Unterwelt; ein dritter Teil öffnete den flimmernden Raum zwischen Traum und Wachsein. „Im Gewand der Poesie“ kreisten Vertonungen zunächst um die geheimnisvolle Figur der Suleika: Im West-östlichen Divan treten der in Weimar wohnende Goethe als Hatem und die Frankfurter Geheimratsgattin Marianne von Willemer als Suleika in einen poetischen Liebesdialog. Gefühle und Musik scheinen wie im Luftzug zu schweben, Ostwind und Westwind werden immer wieder bemüht, den Austausch verliebter Gedanken zu erklären.
Schuberts Suleika I („Was bedeutet die Bewegung“) ging Starke sehr zügig an, gefiel mit klar fokussierter Höhe und vorbildlicher Textverständlichkeit. Zu den Schmerzen und Leiden in Mendelssohns Suleika II („Ach, um deine feuchten Schwingen“) wusste sie auch mit gut ansprechender Tiefe zu beeindrucken. Leidenschaftlich akzentuierte Stojkoska die Stimmung zu Hugo Wolfs Hochbeglückt in deiner Liebe, aufjauchzend kleidete Starke Suleikas Ausrufe mit Glück ausmalenden Tönen. Hier wie in weiteren Vertonungen von Schumann und Fanny Hensel setzten beide, Starke wie Stojkoska, ihre Impulse in die Gestaltung, tauschten sich im intensiven Aufeinanderhören wie beim Weitergeben von Spannung gleichermaßen aus.
Der Rhein floss sagenhaft durch die Lieder der Mythengruppe: von Mahlers Rheinlegendchen, das Starke in lebhaftem Erzählfluss sehr pointiert, doch auch schmunzelnd vortrug, zur Loreley, in Vertonungen von Franz Liszt und Robert Schumann, wo sie die gefährliche Verführung im süßen Gesang dieses weiblichen Zauberwesens drastisch düster ausdeutete. Die feinen Nuancen von Licht und Schatten, von Klang und nachhallender Erinnerung ließen beide Künstlerinnen auch in den Werken von Schönberg, Kralik und Zemlinsky in romantischer Verklärung ertönen: ein abwechslungsreicher und klug gestalteter Liederabend, den das begeisterte Publikum lebhaft bejubelte.




















