Die Göttergestalten Amor und Psyche, die Liebe und das Seelische: das Spannungsfeld zwischen beiden haben Michael Hofstetter und sein Team der Internationalen Gluck Festspiele zum Thema des diesjährigen Programms gemacht. Dass diese inneren Triebkräfte, um die später die Romantik unermüdlich kreisen wird, bereits beim nahe dem fränkischen Berching geborenen Christoph W. Gluck das Blut in Wallung setzten, zeigen seine Opern, von denen drei aus seiner sogenannten Opernreform im Zentrum des Festspielkalenders 2026 stehen: Iphigenie in Aulis in Bayreuth, Orpheus und Eurydike in Nürnberg und Bayreuth sowie konzertant Paride ed Elena im schmucken, neobarocken Stadttheater Fürth.

In Paride ed Elena, 1770 in Wien uraufgeführtes fünfaktiges Dramma per musica, tritt das Psychologische der wenigen Figuren in den Vordergrund. Das persönliche Seelendrama der beiden Hauptrollen, deren innere Konflikte eng in Glucks musikalische Gestaltung eingeflossen sind, hat der italienische Librettist Raniero de Calzabigi offenbar in enger Übereinstimmung mit dem Komponisten angefertigt. Calzabigi beschränkt die Sage bewusst auf einen engen Zeitraum von Parides Ankunft in Sparta bis zu seiner Abfahrt mit Elena nach Troja. An den berühmten Wettstreit zwischen Athene, Hera und Aphrodite wird nur erinnert.
Glucks Fokus liegt auf der Ursache des Trojanischen Kriegs, der Liebe zwischen Paride und Elena. Vor Elena versagt Paride, hier nicht der heroische Entführer, zunächst vor Aufregung die Sprache, dann macht er Elena intensive Liebeserklärungen. Diese begegnet Paride zwar wohlwollend, aber doch kühl und scheinbar ungerührt. Sie hat Gefühle für Paride, verdrängt diese zunächst aus Loyalität gegenüber Verlobtem und Vater. Erst als sie glaubt, Paride habe Sparta verlassen, schmerzt sie dieses Verlassensein, und sie gibt nach. Amor gelingt es, die Königin umzustimmen, so dass sie dem jungen Abenteurer Paride in die Fremde folgt. Die Göttin Pallas Athena droht in ihrem Zorn den Liebenden mit dem Unheil des Kriegs, sagt Brand und Verwüstung der Stadt Troja voraus.
Mit der klangsensiblen und hochvirtuosen Akademie für Alte Musik Berlin (Konzertmeister Bernhard Forck) wusste der Dirigent Michael Hofstetter in Glucks Oper eine historische Aufführungspraxis neu zu beleben: mit Paukenschlägen begann die Ouvertüre impulsiv, locker bewegt und melodiös trugen die Streicher Themen späterer Arien vor, verband die Akademie Musik und Handlung zur affektdramatischen Einheit. Immer wieder gaben Harfe, Gitarre und Cembalo schwerelos schwebendes Empfinden, öffneten gefühlt flirrende Hörräume in der knappen Handlung. In kurzen Abschnitten setzten sich hinter dem Orchester ein Dutzend Sänger*innen des Cantus Thuringia wohlklingend in Szene.
Erstmals seit dem 18. Jahrhundert wurde die Partie des Paride wieder von einem Mann gesungen. Den Paride hatte Gluck seinem Lieblingskastraten Giuseppe Milico auf den Leib komponiert; mit verblüffend hohem Stimmumfang prägte dieser die Rolle. Nun erfuhr diese Tradition eine bemerkenswerte Reprise durch den 1993 geborenen, venezolanischen Sopranisten Samuel Mariño. Er kam nie in den Stimmbruch, machte seine helle, hohe Stimme zum Beruf, wurde früh von Barbara Bonney gefördert. Sehr klar und sauber, ohne verkünstelte Koloraturen leuchtete seine Stimme; eine ungewohnte Herausforderung, die männliche Hauptrolle noch oberhalb der Stimmlagen der Sängerinnen in dieser Oper zu erleben. Durch seine detailreich gestaltete Mimik und den jungenhaften Charme selbst im modisch schwarzen Abendanzug ließ man sich schnell auf diese Erfahrung ein, genoss seinen vokalen Klangzauber über dezenter Gestik selbst in dieser konzertanten Aufführung.
Die international gefragte Sopranistin Roberta Mameli übernahm die Rolle der Elena. Sie begeisterte im virtuosen Wechselspiel schneller Arien und dramatisch prägnanter Rezitative, bis sie das Feuer der Leidenschaft für Paride beglückend tonschön herausklingen lassen konnte.
Die österreichische Koloratursopranistin Vanessa Waldhart hätte man gern szenisch in der launenbehafteten wie durchtriebenen Rolle des Amor erlebt. Ihre präzise Deklamation und stimmliche Kunstfertigkeit nahmen der Handlung oft die Schwere. In der kurzen Partie der Athena beeindruckte Soula Parassidis mit brillant voluminösem, bestimmendem Ausdruck. Das Publikum, anfangs noch zurückhaltend und wegen fehlender Übertitelung unsicher der Handlung folgend, war am Ende restlos überzeugt: minutenlange standing ovations!


