Es gibt in den Mythenerzählungen unseres Kulturkreises wohl kaum eine Geschichte, die Schrecken erregender und blutiger wäre als diejenige der Tantaliden. Dieses von den Göttern verfluchte Geschlecht zeugt sein Unglück von Generation zu Generation fort, die Untaten der vorigen wiederholen sich in der folgenden auf immer schlimmere Weise. Und die Traumata türmen sich auf.

Maeve Höglund (Iphigénie) © Laura Nickel
Maeve Höglund (Iphigénie)
© Laura Nickel

Iphigenie gehört zur letzten dieser Generationen. Um glückliche Fahrt (ausgerechnet in einen Krieg) zu erlangen, war ihr Vater Agamemnon bereit, sie den Göttern zu opfern. Dafür tötete sein Sohn Orest ihn nach der Rückkehr aus Troja und ebenfalls die Mutter Klytämnestra. Dem Wahnsinn nahe bleibt allein die Schwester Elektra in Mykene zurück. Orest flieht, von den Erinnyen gejagt, in die Welt. Doch Iphigenie wird von Diana gerettet und lebt bei den Skythen auf Tauris, wo sie dem Barbarenvolk Menschenopfer bereiten muss. In Richard Strauss' Oper Elektra setzen sich die Traumata fort, in Glucks Iphigénie en Tauride lösen sie sich, allerdings in einem dramatischen Kampf.

Diesen hat die Regisseurin Caterina Cianfarini in ihrer Inszenierung am Freiburger Theater auf denkbar intensivste Weise auf die Bühne gebracht. Es ist eine kompromisslos realistische und in weiten Teilen auch verstörende Produktion geworden, die in dieser Lesart genau das zuspitzt, was Text und Musik uns mitteilen. Das klassizistische Hohelied der Humanität wird hier zur Bühnenerzählung einer schmerzhaften Lösung von schweren Traumata. Konsequent hat die Regisseurin die Handlung psychologisch entwickelt und stellt sie aus der Sicht der Titelfigur dar. Es ist Iphigenies Selbstbefreiung aus den scheinbar unentrinnbaren Zwängen patriarchaler Gewalt.

Maeve Höglund (Iphigénie) und Juan Orozco (Thoas) © Laura Nickel
Maeve Höglund (Iphigénie) und Juan Orozco (Thoas)
© Laura Nickel

Die Handlung spielt an einem klaustrophobischen Ort, in einem kleinen Raum auf der Bühne, wie eine Art Zelle, in der die Protagonistin quasi gefangen ist und sich auch während der gesamten Handlung nicht heraus begibt. Über die hundert Minuten Dauer dieser pausenlos gespielten Oper ist Maeve Höglund als Iphigenie der Mittelpunkt der gesamten Handlung. Alle anderen Figuren sind auf sie bezogen. Wir erleben das Geschehen konsequent aus ihrer Sicht. Sie ist diese Frau, die mit den Schreckensbildern ihrer Kindheit kämpft und endlich in einem Akt des Widerstands gegen die abverlangte Unmenschlichkeit durch Mitleid und selbstbestimmtes Handeln sich und ihren Bruder Orest mit dem Freund Pylades befreien wird. Denkbar größte Präsenz im Spiel und außergewöhnlich expressiver Gesang machen ihre Darstellung zu einem enorm packenden Bühnenerlebnis. Die Bandbreite ihres vokalen Ausdrucks ist groß: angstvolle Einsamkeit, Protest, Trauer und tiefes Mitempfinden legt die Sängerin in ihre Stimme und befreit damit diese Rolle von ihrem tradierten Bild klassizistischer Seelenlosigkeit.

Sahel Salam (Pylade) © Laura Nickel
Sahel Salam (Pylade)
© Laura Nickel

Auch den übrigen Darstellern fordert die Regie enorme Expressivität ab. Die Seelenqualen, mit denen sie zu kämpfen haben, lassen weder Mäßigung noch Schönheit zu. Die Alltagskleidung ist gewöhnlich, ja hässlich. Das Äußere ist der Spiegel des Inneren. Die Aktionen sind fast durchweg von Aggression geprägt. Der Skythe Thoas  (Juan Orozco mit lärmend ungebärdigem Bariton) erscheint als paranoider Machthaber eines grausamen Systems, in dem Menschenopfer als göttliches Gebot gelten.

Orest, den es mit seinem Freund Pylades nach Tauris verschlagen hat, ist ein psychisches Wrack. Die Erinnyen erlebt er in einem auch für das Publikum beklemmenden Angsttraum. Auch bei Timothy Connor gehen hier Spiel und Stimme hochexpressiv ineinander. Sahel Salam als Pylades, der von Traumata unbelastet gleichsam die Stimme der Vernunft vertritt, bleibt im Vergleich zum gehetzten Orest aber ruhiger und lyrischer.

Vor allem aber fließt Theaterblut kanisterweise – so viel Blut wie im Laufe der hier erzählten Geschichte in der Realität geflossen sein mag. Ungeschminkt zeigt die Regie mit diesem Symbol die Ursache allen Unglücks. Wie Phantasmen in stummen Rollen lässt sie auch Agamemnon und Klytämnestra auftreten und Iphigenie und Orest als Kinder – als leibhaftige, immer wiederkehrende Bilder in Iphigenies Albtraumrealität.

<i>Iphigénie en Tauride</i> &copy; Laura Nickel
Iphigénie en Tauride
© Laura Nickel

Konsequent folgt auch die Musik diesen heftigen emotionalen Stürmen. Historisch bestens informiert, vor allem aber in exzellent ausbalancierter Klangrede führt André de Ridder das Philharmonische Orchester Freiburg zu Höchstleistungen. Beispielhaft schon werden in der Ouvertüre die Kontraste hart herausgestellt. In das anfangs getragene Andante bricht plötzlich in scharfem Kontrast ein starkes Fortissimo ein mit heftigen Aufwärtssprüngen und der unerbittlichen Pauke. Hier wird nichts geglättet oder beschönigt. Die Dramatik der bevorstehenden Bühnenaktionen findet sich in der musikalischen Gestaltung wieder. Auch der Chor nimmt seine Rolle den dramatischen Erfordernissen entsprechend ein: sei es im brutalen Kampfgesang der Skythen oder im besänftigend weihevollen Trauergesang, wenn Iphigenie den Tod ihrer Familie beklagt.

Erst zögernd erkennen sich die Geschwister wieder. Das ist der Umschwung, der alles Leid auflösende Moment. Eigentlich braucht es am Schluss die Göttin Diana als Reminiszenz an die barocke Oper nicht mehr. So verkündet sie in Gestalt Klytämnestras Befreiung und Frieden. Aber folgerichtig sehen wir hier noch keine heile Welt. Die Figuren werden an dem Vergangenen weiter zu arbeiten haben.

Maeve Höglund (Iphigénie), Timothy Connor (Oreste) und Juan Orozco (Thoas) &copy; Laura Nickel
Maeve Höglund (Iphigénie), Timothy Connor (Oreste) und Juan Orozco (Thoas)
© Laura Nickel

Die Oper beeindruckt zehn Jahre vor der Französischen Revolution wegen ihrer humanistischen Überzeugungskraft, diese Inszenierung wegen ihrer psychologischen Wahrhaftigkeit. Das Publikum goutierte dies mit begeistertem Beifall, in den sich nicht ganz nachvollziehbar einige heftige Proteste mischten.

Maeve Höglund (Iphigénie) und Juan Orozco (Thoas) &copy; Laura Nickel
Maeve Höglund (Iphigénie) und Juan Orozco (Thoas)
© Laura Nickel
Maeve Höglund (Iphigénie) &copy; Laura Nickel
Maeve Höglund (Iphigénie)
© Laura Nickel
Sahel Salam (Pylade) &copy; Laura Nickel
Sahel Salam (Pylade)
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<i>Iphigénie en Tauride</i> &copy; Laura Nickel
Iphigénie en Tauride
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Maeve Höglund (Iphigénie), Timothy Connor (Oreste) und Juan Orozco (Thoas) &copy; Laura Nickel
Maeve Höglund (Iphigénie), Timothy Connor (Oreste) und Juan Orozco (Thoas)
© Laura Nickel