Wahllose Sticheleien gegen das Schreckgespenst der Operninszenierungen – das Regietheater – stoßen bei mir meist auf Skepsis. Ich kenne nicht nur hervorragende Inszenierungen, die mit den Vorgaben des Librettisten nur wenig zu tun hatten, sondern bin auch der Meinung, dass es für diejenigen, die einen Opernabend mit gemalter Kulisse und Gesang direkt zum Publikum bevorzugen, bereits wertvolle Inszenierungen gibt, die regelmäßig an fast jedem Haus aufgeführt werden. Es gibt jedoch Fälle, die selbst meine festesten Überzeugungen auf die Probe stellen. Leider gehört Lydia Steiers Inszenierung von Spontinis La Vestale, eine Neuheit an der Staatsoper Unter den Linden, dazu. Nur teilweise durch den Dirigenten Carlo Rizzi und die Star-Sopranistin Sonya Yoncheva gerettet, ist Steiers Inszenierung in ihren Absichten unklar und in ihrer Umsetzung enttäuschend.

Siyabonga Maqungo (Cinna), David Butt Philip (Licinius) und Sonya Yoncheva (Julia) © Stephan Rabold
Siyabonga Maqungo (Cinna), David Butt Philip (Licinius) und Sonya Yoncheva (Julia)
© Stephan Rabold

Wie Steier selbst zugibt, brauchte sie einige Hörversuche, um den Reiz von Spontinis Musik zu entdecken. Tatsächlich ist La Vestale vor allem ein Objekt der Neugier für begeisterte Maria-Callas-Liebhaber – wie mich – und für Musikwissenschaftler, die das Werk als Urform späterer musikalischer Entwicklungen betrachten – in gewisser Weise ebenfalls ich. Lockere musikalische Formen, die die Grenze zwischen Arien und Rezitativen zugunsten häufiger Ariosi aufweichen, suggerieren eine innere Beweglichkeit, die zwar theatralisch fesselnd wirken will, dabei aber die Chance auf melodische Höhepunkte opfert. So entsteht ein Werk, das in einer Grauzone schwebt, die weder großartiges Theater noch unvergessliche Musik ist.

Sonya Yoncheva, David Butt Philip, Adrian Sâmpetrean und Marina Prudenskaya © Stephan Rabold
Sonya Yoncheva, David Butt Philip, Adrian Sâmpetrean und Marina Prudenskaya
© Stephan Rabold

Steiers Inszenierung tut der Oper keinen Gefallen. In einem imaginären theokratischen Totalitarismus, der von The Handmaid’s Tale und realen Dystopien inspiriert ist, ist der Kult um eine nicht näher bezeichnete „Jungfrau“ mit einer herrschenden Militärdiktatur verknüpft und trägt – wie genau, bleibt unklar – entscheidend zur Aufrechterhaltung des Status quo bei. Der Kult hat eine strenge hierarchische Struktur und schreibt lebenslange Keuschheit vor, wobei jeder Ungehorsam streng bestraft wird. Brutale Spektakel sind an der Tagesordnung. Der Zugang zu Wissen wird stark gefiltert und behindert. In diesem Szenario wird die „ewige Flamme der Vesta“ durch das Verbrennen von als subversiv geltenden Büchern am Leben erhalten.

Sonya Yoncheva (Julia) © Stephan Rabold
Sonya Yoncheva (Julia)
© Stephan Rabold

Auf das Libretto von Étienne de Jouy und die Musik von Spontini angewendet, verstärkt diese Art von Kommentar deren Oberflächlichkeit noch durch Widersprüchlichkeit. Der Kontrast zwischen dem gelassenen, optimistischen Geist des Originals und Steiers bissigem Pessimismus erzeugt den Effekt einer dreistündigen Tarantino-Sequenz, in der Folter von den Beach Boys begleitet wird. Zweifellos ist dieser sarkastische Kontrast beabsichtigt; das macht ihn jedoch weder interessanter noch wirkungsvoller. De Jouys Deus ex machina-Happy-End zu untergraben, indem man Cinnas Staatsstreich durch den Mord an der Großen Vestalin andeutet, ist das i-Tüpfelchen auf einem, offen gesagt, unausgewogenen Gesamtwerk. Für Steier sprechen zumindest die Bühnenbilder von Etienne Pluss, eine teilweise Nachbildung des Grand Amphitheatre an der Sorbonne, die der Bühne Tiefe verleihen und komplexe Bewegungen der Menschenmenge ermöglichen.

Bereits in der Ouvertüre entlockte Carlo Rizzi der Staatskapelle Berlin einen passend rauen Klang. Seine Interpretation war akribisch und konnte sich – da virtuose Orchesterpassagen fehlen – darauf konzentrieren, die feineren Details der Partitur hervorzuheben. Farbige Akzente der Soloinstrumente, wie das Horn in Julias Arie im zweiten Akt oder die häufigen Dialoge zwischen den Holzbläsern, gingen mit einer kontrollierten, ausgewogenen Dynamik einher. Vor allem aber traf Rizzi das Tempo und die Struktur von Spontinis Partitur genau ins Schwarze, schuf kleine Inseln mit dezentem melodischem Fokus und ließ diese nacheinander in einem kontinuierlichen Fluss ineinanderfließen.

<i>La Vestale</i> &copy; Stephan Rabold
La Vestale
© Stephan Rabold

Sonya Yonchevas Debüt als Julia zeigte all ihre charakteristischen Merkmale: eine intensive Herangehensweise, gestützt auf eine abgerundete Mittellage und ein charakteristisches Vibrato. Ob dies stilistisch zur Rolle passt, ist letztlich Geschmackssache. Der erste Akt war wohl ihr schwächster, da einige übermäßig legato gesungene Phrasen die Klarheit bestimmter Passagen beeinträchtigten und ihr Vibrato im hohen Register etwas zu stark hervortrat. Die folgenden beiden Akte zeigten eine Verbesserung, sowohl szenisch als auch gesanglich. Es spricht für Yoncheva, dass es sicherlich nicht einfach gewesen sein kann, sich auf der Bühne windend zu singen, während sie ausgepeitscht wird.

David Butt Philip (Licinius) &copy; Stephan Rabold
David Butt Philip (Licinius)
© Stephan Rabold

David Butt Philip verfügt über einen dunklen, etwas kehligen Tenor, der ihn in den Bereich des Spinto rückt. Auch wenn die Rolle des Licinius aufgrund ihrer relativ hohen Anforderungen und geringen Belohnung undankbar ist, sang Butt Philip dennoch selbstbewusst und präzise und passte sich gut an Spontinis Gesangskomposition an. Marina Prudenskaya war als La Grande Vestale fast nicht wiederzuerkennen, doch ihr charakteristisches, resonantes tiefes Register und ihre meisterhafte Bühnenpräsenz waren Markenzeichen genug. Siyabonga Maqungos Cinna bestätigte den Eindruck, den er bei seinen jüngsten Auftritten an der Staatsoper hinterlassen hatte: ein warmer, gut tragender Tenor, dem die hohen Töne mühelos gelingen. Schließlich zeigte sich der Staatsopernchor in Bestform und beherrschte die wunderschönen harmonischen Texturen sowie eine beachtliche Lautstärke perfekt.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

Sonya Yoncheva (Julia) &copy; Stephan Rabold
Sonya Yoncheva (Julia)
© Stephan Rabold
David Butt Philip (Licinius) &copy; Stephan Rabold
David Butt Philip (Licinius)
© Stephan Rabold
<i>La Vestale</i> &copy; Stephan Rabold
La Vestale
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Sonya Yoncheva, David Butt Philip, Adrian Sâmpetrean und Marina Prudenskaya &copy; Stephan Rabold
Sonya Yoncheva, David Butt Philip, Adrian Sâmpetrean und Marina Prudenskaya
© Stephan Rabold
Siyabonga Maqungo (Cinna), David Butt Philip (Licinius) und Sonya Yoncheva (Julia) &copy; Stephan Rabold
Siyabonga Maqungo (Cinna), David Butt Philip (Licinius) und Sonya Yoncheva (Julia)
© Stephan Rabold