Erst 2019 haben die Brüder Jonathan Masaki Schwarz und Lukas Minoru Schwarz in Berlin ihren Traum einer eigenen Quartettformation umgesetzt. In Anspielung auf Astrid Lindgrens Kinderbuch Die Brüder Löwenherz wählten sie den in Esperanto übersetzten Namen „Leonkoro“ für ihr Quartett. Bald wurden sie für ihre starke Bühnen­prä­senz und leiden­schaft­li­che Hingabe an ihre Werkauswahl mit Preisen ausgezeichnet, so etwa bei der Wigmore Hall String Competiton 2022. Bei den Salzburger Festspielen sind sie bereits zum dritten Mal eingeladen, und auch heuer war der Große Saal des Mozarteums fast ausverkauft. Haben sie früher noch bewegungsreich stehend musiziert (bis auf den Cellisten Lukas), wählten sie inzwischen auch die sitzende Anordnung im Halbkreis, was dem körperlichen Impetus jedoch keinen Abbruch tat.

Leonkoro Quartett © SF | Marco Borrelli
Leonkoro Quartett
© SF | Marco Borrelli

Wie löst man mit einem Haydn-Quartett einen Begeisterungssturm aus? Gewiss, das D-Dur-Werk Hob. III:79 gehört (wie das Kaiserquartett auch) zu Haydns letzter und sicher reichsten Quartett-Sechsergruppe, in der er aus der Summe seiner kompositorischen Erfahrungen schöpft. Da wurde sogleich die Einleitung zum Allegretto zur klangvollen Überraschung: unerwartet das heiter idyllische Thema im wiegenden Siciliano-Rhythmus, das im nach Moll gewendeten Hauptteil mit kontrapunktierender Gegenstimme und deren Staccati einen völlig unkonventionell verwandelten Charakter annahm. Sehr sanglich die harmonischen Verästelungen im Largo, mit dessen ruhiger Größe Leonkoro es zum Zentrum des Werks machte. Heiter im Dreivierteltakt ein pointiertes Menuetto, dessen kurze Nachdenklichkeit im Trio aufhorchen ließ; ein virtuoses Presto dann, das sie mit spannungssteigerndem Ritardando zum Gipfelpunkt führten. Soviel hoch individuellen Fortschritt findet man selten in der Klassik!

Obwohl offenbar Neuland für die Leonkoros, beeindruckte Benjamin Brittens Streichquartett C-Dur, Op.36 durch eine sehr verinnerlichte Wiedergabe. 1945 gedachte England des 250. Todestages Purcells. Dabei wurde das aus diesem Anlass komponierte Quartett von Britten uraufgeführt. Der moderne „Britische Orpheus“ ehrte so seinen Vorgänger, durch den er sich gern zu neuen Werken anregen ließ. Im ersten Satz steht ein dreiteiliges Thema im Zentrum; die jeweils den Anfang markierende Dezime wurde prägnant betont. Verbindung der Abschnitte gaben der Durchführung Gestalt. Besonders eindrücklich ist der Reprisenbeginn, wenn die drei Thementeile im C-Dur-Schluss übereinander geschichtet erklangen. „Visions fugitives“ mochte man das knappe Vivace nennen; aus geisterhafter Unruhe wechselten die Musizierenden zu kurzen Ruhemomenten im Trio.

Schwerpunkt des Werks und so lang wie die ersten Sätze zusammen ist die mit alter purcellscher Namensform bezeichnete Chacony; ein Grundthema wird in Abschnitten, die durch Kadenzen der einzelnen Soloinstrumente getrennt sind, in Variationen zuerst harmonisch, dann rhythmisch und kontrapunktisch abgewandelt. Faszinierend, wie dabei die einzelnen Solisten ebenso tastend wie überzeugend die klanglichen Weiten auskosteten, zum Schluss sich zusammenfanden zum affirmativen Unisono der Grundmelodie.

Hinreißender Schwung zeichnete Johannes Brahms’ Streichquartett a-Moll, Op.51 Nr.2 aus, verband Lyrik und Elastizität. In den schwärmerischen, luftig aufblitzenden Stimmen bemerkte man die Fähigkeit, ja das Vergnügen, einander wechselseitig den Vortritt zu lassen, ohne dass Löcher entstanden. Orchestral auffächernd und mit feinem Klangspektrum stellten die Vier beim Allegro souverän eine Verbindung zum Symphoniker Brahms her, schwelgten zart im Wandlungsvermögen des Themas im Andante. Quasi minuetto weckten sie Erinnerungen an frühere Epochen, stürmten tänzerisch zwischen 3/4- und 3/2-Abschnitten, mit dem Gewürz von Rubati und ausgedehnten Crescendi durch den Finalsatz. Nicht enden wollender Beifallssturm, dem eine weniger geläufige Zugabe folgte, das verklärte Adagio aus Mendelssohns letztem, dem f-moll-Quartett.

Renaud Capuçon, Hélène Mercier, Kian Soltani und Pascal Moraguès © SF | Marco Borrelli
Renaud Capuçon, Hélène Mercier, Kian Soltani und Pascal Moraguès
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„Visions de Messiaen“ im zweiten Teil der Quartett-Nacht: sind es beim diesjährigen Porträtkünstler György Kurták eher typisch kurze Werke, die seinen Stil auszeichnen, überwältigt nun großes Format, in dem der 1992 verstorbene Olivier Messiaen sich bewegt; seine monumentale Oper Saint Francois d’Assise etwa oder das einstündige Quatuor pour la fin du temps für Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier, das durch Renaud Capuçon, Pascal Moraguès und Kian Soltani mit der Pianistin Hélène Mercier im gut gefüllten Saal des Mozarteums ebenso einen optimalen akustischen Rahmen fand.

Olivier Messiaen verarbeitete das Elend des Zweiten Weltkriegs als Kriegsgefangener 1941 zu einem Quartett für das Ende der Zeit. Der Komponist der Farben und gläubige Katholik entwirft in acht Sätzen ein magisches Geflecht von Klängen, Vogelstimmen und religiösen Visionen. Dabei findet die programmatische Vision ihre subtile kompositorische Übersetzung in der Aufhebung dessen, was Kompositionen grundsätzlich Struktur gibt, des Verlassens jeder metrischen und rhythmischen Ordnung. Den lautmalerischen Erzählgestus trafen die vier Starsolisten hervorragend: in Quartettbesetzung ließen sie beim Eröffnungssatz Kristalline Liturgie Vogelgesänge den neuen Tag einläuten. Im sechsten Satz sorgten ihre wuchtigen und gezackten Stakkati im Tutti für einen Tanz des Zorns für die sieben Posaunen. Meditativ zwischen ekstatischen Wirbeln und kreiselnden Klangfarben anschließend der Wirbel der Regenbogen für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet.

Im dritten Satz Abgrund der Vögel ein fantastisches Klarinetten-Solo von Moraguès, im fünften Lob auf die Ewigkeit Jesu als weitschwingende Phrase von Soltani, unendlich langsam verherrlichte Liebe, Verehrung der Ewigkeit. Den Atem mochte man anhalten schließlich, wenn im Lob auf die Unsterblichkeit Jesu Mercier und Capuçon geradezu überirdisch in ihren großen Soli jeweils ihre Instrumente zum Singen brachten. Offenbarungen losgelöst aus kriegsbedingtem Lageralltag!

Leonkoro Quartett © SF | Marco Borrelli
Leonkoro Quartett
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Renaud Capuçon, Hélène Mercier, Kian Soltani und Pascal Moraguès © SF | Marco Borrelli
Renaud Capuçon, Hélène Mercier, Kian Soltani und Pascal Moraguès
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