Viele Feierlichkeiten des Beethoven-Jahres sind der Pandemie bisher zum Opfer gefallen. Igor Levit dagegen konnte mit der Aufführung der 32 Sonaten Beethovens auch beim Musikfest Berlin beginnen. Sehr diszipliniert eröffnete er den Zyklus mit der f-Moll-Sonate. Der Notentext stand dabei für ihn, wie gewohnt, an erster Stelle. Es gibt in dieser Sonate kein Mezzoforte und so konnte er das Stück in einer Kontrastschärfe vortragen, die ihresgleichen sucht. Was die Artikulation betraf, so beachtete er jedes Sforzato. Immer wenn er die in einen Kanon der Außenstimmen eingefasste Mannheimer Rakete starten ließ, dann spielte er den letzten Ton staccato, weil dieser bei Beethoven mit einem Punkt versehen ist.

Igor Levit
© Monika Karczmarczyk | Berliner Festspiele

Im Adagio konnte Levit endlich Melodien vortragen. Er verfügt über eine Anschlagskunst, die auch ein Piano stets intensiv klingen lässt. Das Menuett trat bei ihm wie von irgendwo herkommend in die Sonate ein, schlug dann, in ein Scherzo um. Im Prestissimo-Finale wurde es dann hochvirtuos. Nur eine in der Durchführung gesungene Arie gewährte dem Pianisten zumindest für einen Moment Ruhe.

Dann folgte die As-Dur-Sonate, deren Variationsfolge Levit, der über die enorme Fähigkeit verfügt, den Stimmensatz ausgewogen zu halten, als Gespräch zwischen den Motiven entfaltete, die Beethoven auf die beiden Hände verteilt hat. In der Marcia funebre machte der Pianist Trommelwirbel und Fanfaren hörbar, lud den Satz aber nicht pathetisch auf, sondern wahrte stets Distanz. Das abschließende Sonatenrondo schnurrte bei Levit wie ein Perpetuum Mobile ab, empfindlich gestört von eruptiv gesetzten Sforzati, die es Levit immer besonders angetan haben. Beeindruckend, wie er auch hier die rasenden Passagen so transparent Pianissimo spielte.

Wie als kleines Scherzo in der großen folgte auf vier Werke verteilten Sonate des Abends, Beethovens G-Dur-Sonatine. Sie ist ein Scherz Beethovens, zumindest im ersten Satz, in dem er sich über gewisse Dilettantismen seiner Kollegen lustig gemacht hat. Darum hätte ich mir die in der Durchführung bis zum „Geht-nicht-mehr“ wiederholte Kuckucksterz etwas parodistischer gespielt gewünscht. Hat sich Levit nicht getraut, das in der Coda von Beethoven selbst durch fast alberne Vorschläge zum Gassenhauer verballhornte Thema auch als eine Karikatur zu spielen? In der sanften g-Moll-Melancholie des Andantes ließ Levit dann jene noble simplicité sich ausbreiten, die Beethoven nun auf gar keinen Fall ironisiert hat.

Am Schluss erklang die C-Dur-Sonate, Op.53, die Levit seine Lieblingssonate Beethovens nennt. Ihre Darbietung wurde zu einem pianistischen Meisterstück. Levit meisterte mit seiner Technik die Tremoli und Glissandi und Daumenmelodien. Während er im Kopfsatz, der mir dann doch zu schnell geriet, sich nur am Schluss einen Moment des Innehaltens gestattete und auch in dem feierlichen Seitenthema das Tempo ohne Ritardando beibehielt, wusste er zu Beginn des dritten Satzes einen wirklich erhabenen Eindruck zu Gehör zu bringen. In der dem Finale vorangestellten Intruduzione, ließ er eine menschliche Stimme sich erheben und suchte in den Akkordbrechungen nach Orientierung, bevor er, in Überkreuzung der beiden Hände, die Sonne im Pianissimo aufgehen ließ. Das ist immer noch ein großer Augenblick der Musikgeschichte! Wie Levit diese Stelle darzubieten wusste war für mich der Höhepunkt des Abends. Es gelang ihm, jenseits aller sonstigen Kontrolle über Tempo und Affekt, hier losgelöst das Naturschöne erstrahlen zu lassen. Dieses C-Dur-Thema wurde schließlich zum Hymnus im Fortissimo gesteigert und durfte sich in einer Prestissimo-Raserei dann austoben.

Levit bedankte sich beim Publikum nicht etwa mit dem Andante favori, das ursprünglich als mittlerer Satz in der Sonate stand, sondern mit Trees, das der Jazz-Pianist Fred Hersch in der Corona-Zeit für ihn komponiert hat.

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