Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Verwirrkomödie Die Hochzeit des Figaro eröffnete Göteborgs Operan die neue Spielzeit in der Sparte Musiktheater. Voll besetzt mit einem bunt gemischten Publikum aller Altersklassen waren die Reihen des eleganten, schiffartig gestalteten Gebäudes direkt am Kai, das in diesem Jahr sein 20. Jubiläum feiert und dessen weite Fensterfronten einen überwältigenden Blick auf den Hafen der Stadt erlauben.

Für die Aufführungen gibt es zwei bis auf wenige Ausnahmen unterschiedliche Besetzungen (inklusive Dirigent!), deren erste nun bei der Premiere agierte und bis Mitte Oktober auf der Bühne stehen wird. Ab dann wird nur noch die zweite Garde zu erleben sein. Diese Doppelbelegung erwies sich für die Premiere gleich schon als großer Glücksfall, war nämlich tags zuvor die Sängerin der Hauptrolle Susanna krankheitshalber ausgefallen, weswegen Sofie Asplund, die eigentlich erst in sechs Wochen auftreten sollte, ad hoc ran musste. Ein Sprung ins kalte Wasser, der ihr meisterhaft gelang.

Das abstruse Handlungsgeflecht (Libretto: Lorenzo Da Ponte) spielt im ausgehenden 18. Jahrhundert, Regisseur und künstlerischer Leiter der Göteborger Oper Stephen Langridge verlegt es in ein zeitlos-klassisches Ambiente. Genial ist das Bühnenbild von George Souglides: Ein Gebäude im englischen Landhausstil mit transparenten Wänden, die sogar noch den Baum hinten im Garten erkennen lassen. Man sieht nämlich nur das Skelett aus tragenden Balken, das mehrere sparsam möblierte, verschiebbare Zimmer gliedert. Hinter den wichtigsten Räumen (von Gräfin, Figaro/Susanna und Graf), blickt man auch in andere Bereiche des Hauses hinein, die während der Hauptszenen zum Teil zusätzlich stumm bespielt werden und dadurch die parallel zum eigentlichen Geschehen ständig sich entwickelnden Mauscheleien offenbaren.

Dazu passen hervorragend die ebenfalls von Souglides entworfenen, teilweise historisch angehauchten Kostüme (so die Dienstmädchen-Uniform der Susanna oder der in hellem Türkis gehaltene Hochzeitsfrack des Figaro), deren feinsinnige Farbgebung sich in der perfekten Lichtabstimmung von Giuseppe di Iorio wiederfindet: Mal leuchtet der Hintergrund in dunklem Lila zu schmerzvollen Arien der Gräfin (mit Herz und bewegter Stimme gesungen von Malin Hartelius), mal lässt der Einsatz der Lampen die Szenerie zum Scherenschnitt erstarren oder setzt grell aufblendende Akzente, wie beim die Hochzeit endgültig zu sprengen drohenden Auftritt der etwas trutschigen Marcellina im Zebrakleid (mit vielen klanglichen Facetten Carolina Sandgren) und Doktor Bartolos (ein tiefer Bass, wie er im Buche steht – Mats Almgren).

In dieser lichten Kulisse, die im Finale einer Waldung mit richtig rauchendem Gartenhaus weicht, kann sich die Komödie dank der originellen, punktgenauen, zum Schreien komischen, teilweise comicartig-tänzerischen (Choreographie: Dan O’Neill) und detailreichen Regie von Langridge herrlich entwickeln – Unterhaltung auf höchstem Niveau bis zum letzten Akkord.

Nach all dem chaotischen Trubel sowie einem innigen Moment des Verzeihens zwischen Graf und Gräfin Almaviva werden zwei Ehebetten in den Wald hineingeschoben, und mit Feuerwerk und Goldregen à la Fußball-WM-Finale hüpfen die frisch Verliebten unter aller Augen in die Kissen… – Mozart hätte seine wahre Freude daran gehabt!

Übrigens auch an den Ausführenden (darunter Opern- und Jugendchor), allesamt stimmlich und darstellerisch in Topform: Sofie Asplund sang mit ihrer hellen, wie klar-fließendes Wasser klingenden Stimme eine brillante Susanna und überzeugte auch schauspielerisch, ebenso ihr äußerst versierter Kollege Markus Schwartz als wohltönender Figaro. Thomas Oliemans gab einen charismatischen Grafen, dessen Bariton ebenso unwiderstehlich war wie sein Auftreten als Bonvivant. Anna Grevelius verkörperte mit eleganter, farbenreicher Stimme einen witzig-trotteligen Cherubino. Perfekt besetzt sogar die kleineren Rollen, darunter Iwar Bergkwist als Basilio, im Original ein Musiklehrer, hier jedoch ein verklemmt-lüsterner, stets am Schlüsselloch die Liebesabenteuer des Grafen beobachtender Geistlicher mit dem typisch salbungsvollen Singsang kirchlicher Würdenträger – eine Regieidee vom Feinsten!

Und zu guter Letzt das Orchester: Schon in der Ouvertüre machte es deutlich, dass man heute einen fetzigen, in der Tradition historisch informierter Aufführungspraxis stehenden Figaro zu hören bekommen würde – souverän dirigiert von der Britin Jane Glover, die obendrein pointiert die Rezitative am Hammerklavier begleitete.

Das hellauf begeisterte Publikum feierte die Premiere mit jeder Menge Szenenapplaus und Standing Ovation am Schluss. Mozarts Figaro in Göteborg – so geht Oper!

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