Dass ein Konzert eines dominant mit Männern besetzten Ensembles zwei Uraufführungen von zwei Komponistinnen spielt, ist leider auch in den Niederlanden noch immer etwas Außergewöhnliches. Das Frankfurter Ensemble Modern hat in dieser Saison gleich mehreren Komponistinnen Kompositionsaufträge verliehen; im Amsterdamer Muziekgebouw standen nun Iris ter Schiphorsts AssangeFragmente einer Unzeit und Zeynep Gedizlioglus Nacht auf dem Programm.

Ensemble Modern © Vincent Stefan
Ensemble Modern
© Vincent Stefan

Dass dagegen ein komponierender Gastdirigent ein eigenes Stück aufs Programm setzt ist eher die Regel. Enno Poppe ist mit seiner Komposition Scherben, das aus vielen 5,5 Sekunden kurzen Bausteinen aufgebaut ist, dabei etwas beinahe Geniales gelungen. In der zweiten „Züricher“ Version beginnen Kontrafagott und Bassklarinette mit einem tiefen possierlichen Stelldichein. In einer extrem interessanten Abfolge von Zusammenspielen und Soli aller elf Musiker bietet Poppe dem Zuhörer immer neues Material mit immer neuen Informationen an. Seine Musik kann man hören als Spiegel unseres Internetzeitalters, in dem Abwechslungsreichtum und spannende Erzählungen (Storytelling) wichtiger sind als die die tiefergehende Verarbeitung von ausgewählten Informationseinheiten. Die zwei Paukisten von denen Rainer Römer mit sehr intensivem Spiel unter Aufwand all seiner Kräfte auffiel, saßen am rechten und linken Rand des Podiums mit jeweils zwei Pedalpauken, so dass sie nicht nur tonlich, sondern auch optisch das Geschehen umrahmten.

Von dieser wahren Energieleistung aufgeputscht war das Publikum bestens vorbereitet auf die folgenden Musikfragmente unserer Zeit, für die ter Schiphorst Aufnahmen aus Reden von Politikerinnen wie Theresa May und Hilary Clinton verwoben hat. Die schauspielerisch und gesanglich überzeugende Sopranistin Sarah Maria Sun kam in einem zu großen Trenchcoat noch während des Umbaus auf die Bühne. Ihre Gesangsaktionen reichten vom erotisch-ängstlichen rhythmischen Stöhnen bis zum Flüstern und Zischeln hinter beiden vorgehaltenen Händen. Immer wieder schaute sie über ihre Schulter und keine einzige Geste war frei von Gefühlen der Angst und Unterdrückung. Mit ihren ungemein variationsreichen Geräuschen und Klängen und ihrer suggestiven Mimik hielt Sun das Publikum in ihrem Bann. Die Musik des elektronisch verstärkten Ensembles klang dazu sehr bedrohlich und steigerte sich zum Ende hin bis zu ohrenbetäubendem Lärm.

Auch nach der Pause waren Stimmen zu hören, nämlich die flüsternden Stimmen der 15 MusikerInnen. Zeynep Gedizlioğlu hatte für das Ensemble Modern ein außergewöhnliches Werk geschrieben, in dem jeder Instrumentalist auch ihren Text flüstern muss. Das Stück begann mit einem von beinah unhörbarem Flüstergeraschel begleiteten Bratschensolo. Danach setzte die Oboe ein, die wiederum die Bratschenstimme imitierte. Im späteren Verlauf stand derselbe Oboist gar auf, um zu schreien. Trommelwirbel durchschnitten das Stück, bevor der Kontrabass zu einem ekstatischen Solo ansetzte. Auf dem Höhepunkt hörte man nur den Pianisten rasend schnell geheimnisvoll flüstern. Gedizlioğlu wollte musikalisch einen Zustand beschreiben, in dem man die Dinge nur sehr verwischt sieht und sich bemüht, diesen zu erfassen. Ähnlich wie ter Schiphorst ist Gedizlioğlu mit ihrer Musik bemüht, Klarheit zu schaffen, uns in einer immer irrationaleren Welt mit musikalischen Mitteln einen Weg zu weisen. Das klangliche Ergebnis war immer wieder lyrisch, aber auch tiefsinnig und konfrontierend.

Dass das Ensemble Modern dank seiner Akademieausbildung über eine Gruppe exzellenter Musiker verfügt, die sich auch bei schwierigen Repertoirestücken nahtlos ins Ensemble einfügen können, ist eine wirklich bewunderungswürdige Leistung! Denn Ligetis Klavierkonzert ist nicht nur für den Solisten ein äußerst gewagtes Virtuosenstück. Imri Talgam, eben ein ehemaliger Akademist des Ensembles, spielte die schnellen technischen Passagen mit Ruhe und Eleganz. Im ersten Satz Vivace molto ritmico e preciso war er in seinem Spiel unbeirrbar und sehr ausdrucksstark vollkommen losgelöst von den gleichzeitig um ihn herumwirbelnden Rhythmen. Einen Glanzpunkt erreichte sein Spiel in einer nur mit Woodblocks begleiteten Passage. Im kahlen Lento e deserto waren es Piccolo, Oboe und Rainer Römer auf einer Lotusflöte, die mit lyrischen Tönen zu Tränen rührten.

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