Der Opernplatz in Frankfurt – auf der einen Seite von den gläsernen Fassaden der stetig wachsenden Skyline, auf der anderen Seite von der Alten Oper, einem prachtvollen Neorenaissancebau, eingerahmt, füllt sich an diesem Abend mit unzähligen Klassik-Interessierten. Die Alte Oper lädt zusammen mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden an diesem lauen Frühsommerabend nicht nur im Saal, sondern auch auf dem Platz vor der Oper zu einem besonderen Musikerlebnis, ihrem jährlichen Orchesterfest ein.

Das Programm bietet ein vielfältiges Potpourri aus französischer und deutscher Musik aus der Romantik und dem frühen Impressionismus. Der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, Daniele Gatti, wählt Ausschnitte aus zwei Werken Richard Wagners, die er erst in dieser Spielzeit bei den Bayreuther Festspielen und in der heimischen Semperoper in Gänze dirigiert hat. Der Auftakt bildete das Meistersinger-Vorspiel, bei dem er bereits die ganze Virtuosität seiner Staatskapelle, von Wagner selbst als „Dresdner Wunderharfe“ tituliert, demonstrierte.
Mit überaus ruhigen, dennoch nie langweiligen Tempi und einem transparentem Orchesterklang vermochte Gatti die Melodielinien zu schichten und zu vermischen: Langsame, stetige Steigerungen und stets behutsame gedämpften Blechbläser, mehr den Fokus auf den opulenten Streicherklang legend, entlud sich das virtuose Orchestertutti erst in den finalen Takten des Klimax, bis dahin bereits gebannt antizipiert. Weitaus mehr noch als in den Meistersingern, ist der Parsifal, und dort besonders das in diesem Konzert erklingende Vorspiel zum dritte Aufzug mit einer vom Dirigenten eigens zusammengestellten Orchesterfassung der Szene des Karfreitagszaubers, durch eine unnahbare Mystik und Schlichtheit geprägt, welche zum Träumen einlud, und das Publikum innehalten ließ. Es ist ein mit langem Atem die gedeckten Klangfarben auslotender, eher sphärischer Wagnerklang, mit welchem Gatti berührt und den impressionistischen Charakter des später folgenden Debussys vorwegnahm. In dieser ingeniösen Einleitung zu Debussys La Mer, konnte man allzu sehr die Begeisterung des französischen Komponisten für Wagner und seinen Parsifal erkennen und heraushören.
Der musikalische Glanzpunkt des Abends war aber dennoch das zuvor erklungene Cellokonzert Nr. 1 in a-Moll, op. 33 von Camille Saint-Saëns, mit Gautier Capuçon als Solisten. Mit knapp 20 Minuten Aufführungsdauer ist es ein geniales, bedauerlicherweise viel zu kurzes Solokonzert, in welchem Capuçon mit seinem herben, ausdrucksstarken Celloklang von der ersten Note zu begeistern wusste. Seine Phrasierung entnahm er eng den musikalischen Vorstellungen Gattis, denn Dirigent wie Cello-Solist musizierten auswendig und hielten sich gegenseitig harmonisch inspirierend den engen Blickkontakt zueinander beständig aufrecht. Auch hier war Gattis suggestives Dirigat geprägt durch weiche, klare Linien und seiner exemplarischen Versunkenheit im Spiel mit den Schattierungen der französischen Klangfarben.
„Dôme épais le jasmin“: Als Zugabe hat sich Capuçon etwas ganz Besonderes ausgedacht. Als Duo am Cello mit Sebastian Fritsch, Konzertmeister der Staatskapelle, und in Begleitung der gesamten Cellogruppe gestaltete er das berühmte Blumenduett aus der Oper Lakmé in einer eigens für Celli arrangierten Fassung. Diese das Publikum zum niederknien animierende Zugabe trotze nur so vor Klangschönheit und ließ kaum ein Auge trocken.
Das Orchester und Gatti zeigten, wie gut ihnen dieser Spagat zwischen den Werken gelingt – ein geradezu müheloses Hin- und Herspringen zwischen dem mit diesem Klangkörpers naturgemäß weniger konnotiertem französischen Fachs und der Musik Richard Wagners.
Und doch: Über dem symphonischen Hauptwerk des Abends, Debussys La Mer, schwebte ein Fragezeichen. Obgleich der orchestralen Brillanz der Staatskapelle, konnte Gattis sehr filigraner, zurückhaltender Ansatz nicht so sehr verzaubern, wie die vorherigen Werke des Konzerts. Besonders für das die Übertragung verfolgende Open-Air-Publikum auf dem Opernplatz darf die Frage gestellt werden, ob nach der Parsifal-Symphonik als letztes Werk des Programms nicht ein etwas mitreißenderes Stück als ausgerechnet Debussys musikalischer Impressionismus angebracht gewesen wäre, denn das französische Repertoire böte Alternativen genug! Und doch kam bei so vielen, wenn auch musikalischen, Naturbetrachtungen selbst in der modernen Bankenmetropole an diesem Abend ein wenig Savoir-vivre und französische Lebensfreude auf.


