Stolze 40 Jahre alt wird in diesem Jahr der Kissinger Sommer, dessen Initiatoren 1986, zu Zeiten der deutschen Teilung noch, die durch den Verlauf der nahen Zonengrenze etwas im Abseits liegende Kurstadt im unterfränkischen Teil der Rhön um eine Attraktion bereichern wollten. Dabei war das königlich bayerische Staatsbad mit seinen prunkvollen Regentenbauten, die nach 1905 gemäß eines Bauauftrags des Prinzregenten Luitpold von Bayern durch den Architekten Max Littmann im Baustil des Neoklassizismus errichtet wurden, durchaus ein hochgeschätztes Reiseziel kulturbeflissener Kurgäste. Was vielen Einwohnern anfangs unvorstellbar schien, gelang in kurzer Zeit beeindruckend: namhafte Künstler, die sonst nur in den Metropolen gastierten, fanden schnell den Weg nach Bad Kissingen, füllten die klassizistischen Säle, die zudem durch herausragende akustische Eigenschaften prunken konnten, mit meisterlichen Konzerten.

Iván Fischer dirigiert das Budapest Festival Orchestra © Julia Milberger
Iván Fischer dirigiert das Budapest Festival Orchestra
© Julia Milberger

So eröffnete bereits 1986, als Ungarn das Partner-Land des Festspielprogramms war, das Budapest Festival Orchestra die erste Festspiel-Saison, die unter Ägide der ersten Intendantin Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger bereits für internationales Aufsehen sorgte. Sogar der gerade neunjährige Stargeiger David Garrett feierte 1990 hier sein Konzertdebüt. Bald folgten prominente Künstler wie Elisabeth Leonskaja, Igor Levit oder Cecilia Bartoli. Diese Künstler haben auch 2026 wieder ihr Kommen zugesagt; letztere wird sogar für ein dreitägiges „Cecilia-Bartoli-Festival im Festival“ Mitte Juli nach Bad Kissingen zurückkehren.

Wiederum war auch 2026 das BFO, bereits 1983 von seinem Dirigenten Iván Fischer gegründet, zu Gast und eröffnete die Reihe der Symphoniekonzerte im akustisch wie optisch höchst eindrucksvoll gestalteten Max-Littmann-Saal: ein in dunklem Kirschholz getäfelter Konzertraum, den weitgereiste Musikkritiker zu den zehn besten Konzertsälen Europas zählen. Und eine Überraschung glückte dem BFO gleich zu Beginn des Konzerts: ein besonderes Merkmal des Orchesters ist, dass seine Mitglieder bei ihren Konzerten regelmäßig einen Chor bilden. So eröffneten sie in Kissingen den Abend mit einem wohlproportionierten vokalen Praliné, dem Morgengruß aus Fanny Mendelssohn Hensels Gartenliedern, Op.3 (den es durchaus auch als symphonische Bearbeitung gegeben hätte). Eine beziehungsreiche Reverenz auch dem diesjährigen Festival-Motto „Mazel Tov!“, das auf Jiddisch so viel wie „Viel Glück!“ bedeutet und hier auf die jüdischen Wurzeln der Familie Mendelssohn wies.

Julia Fischer © Julia Milberger
Julia Fischer
© Julia Milberger

Erstmals beim Kissinger Sommer zu Gast, trat sie hier gleich zweimal im Konzert auf: die Geigenvirtuosin Julia Fischer, die auch als Kammermusikerin (einen Tag später als Partnerin im Duo mit der Pianistin Yulianna Avdeeva) und Professorin (an der Musikhochschule München) künstlerische Vielseitigkeit in Perfektion verkörpert. In Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur, Op.61 begeisterte sie im ausverkauften Littmann-Saal in bestem Einvernehmen mit dem BFO unter Iván Fischer. In außergewöhnlicher Sorgfalt führte der 75-jährige Ungar durch die Partitur, ließ filigran Haupt- und Nebenstimmen miteinander kommunizieren, wie luzide Holzbläserstimmen hervortreten. Wenn Fischer dann mit dem ersten Solo einstieg, war Spannung schon aufgebaut. Spürbar animiert von der großartigen Vorgabe durchschritt Julia Fischer das Werk, lotete gründlich die Themen aus, ließ sich von seiner Lyrik hinreißen zu hauchdünnem Geflüster, sang lang und klar im sotto voce. Anspannung wechselte mit Lösung, schwereloses Schweben des Bogens mit markantem Strich: tief nach innen gehende Momente formte sie mit dem entschiedenen Willen, gemeinsam mit dem Orchester auch in ausdauerndem Crescendo zu machtvollem Fortissimo zu steigern.

In erhabener Schlichtheit die Melodie des Larghetto, mit sanfter Ekstase ihre Umspielungen auf der Violine wie ein selbstversunkener Monolog. Prägnant dann das fröhlich wippende Thema im Rondo, gelöste Heiterkeit bis in überraschende Schelmerei. Und für den aufbrausenden Beifall Niccolo Paganinis Caprice Nr. 24, wo Fischers unglaublich kunstvollen Glissandi und Flageoletts, rasanten Staccato-Läufe und höllisch schwierigen Doppelgriffe das Publikum vollends begeisterten.

Iván Fischer mit dem Budapest Festival Orchestra © Julia Milberger
Iván Fischer mit dem Budapest Festival Orchestra
© Julia Milberger

Ein wunderbar duftiges, filigranes Klangbild zauberten Iván Fischer und seine Budapester schließlich bei Johannes Brahms’ Symphonie Nr.2 D-Dur. Synthese von Emotion und Ratio: hier gelang ihnen die große romantische Geste im fülligen, symphonischen Klanggewand ebenso wie die strukturelle Durchhörbarkeit jeder melodischen Linie, gerade auch der wichtigen Mittelstimmen. Ihr Brahms atmete Frische und Spannkraft, dennoch dazu Innigkeit und dunklere Stimmungen. Eine frühlingshaft singende wie tiefschürfend nachdenkliche und frenetisch jubelnde Aufführung eines Werks, das Brahms im Zustand ländlichen Urlaubs und seiner Clara-Schumann-Schwelgereien schrieb.


Michael Vieths Pressereise nach Bad Kissingen wurde vom Kissinger Sommer bezahlt.

Julia Fischer © Julia Milberger
Julia Fischer
© Julia Milberger
Iván Fischer dirigiert das Budapest Festival Orchestra © Julia Milberger
Iván Fischer dirigiert das Budapest Festival Orchestra
© Julia Milberger
Iván Fischer mit dem Budapest Festival Orchestra © Julia Milberger
Iván Fischer mit dem Budapest Festival Orchestra
© Julia Milberger