2014 wurde mit dem nach seinem heutigen Aufbewahrungsort der Zweigstelle der niederländischen Alamire-Stiftung im belgischen Flandern Leuven Chansonnier getauften Büchlein auf einer Brüsseler Auktion eine Musiksammlung entdeckt, die es erforderte, auf wissenschaftliche Schnitzeljagd zu gehen. Denn so unbekannt es überhaupt war, allen voran mit zwölf darin einmaligen Handschriften (Unica), enthalten die um 1470-75 im Loire-Tal zusammengetragenen Notierungen von fünfzig Liedern, ein geistliches als erster Eintrag und neunundvierzig weltliche, keinerlei Namen der Komponisten. Eine, die sich auf die Reise nach möglichen Erkenntnissen derer begab, war die in St. Petersburg geborene, in Metz aufgewachsene und weiter in Frankreich lebende Anna Danilevskaia, Fidelspielerin und Gambistin, Leiterin des auf Mittelalter- und Früh- bis Hochrenaissancemusik spezialisierten Sollazzo Ensembles und seit 1. Januar neue künstlerische Direktorin des MA Festivals in Brügge.

Mit ihr, die erst die Unica 2017 und das gesamte Büchlein 2018 bei Laus Polyphoniae Antwerpen mit vier Kollegen-Ensembles erstaufführen konnte, laufen die Wege dieser Spurensuche nun quasi ortsverbunden zusammen, steht die Sammlung in franko-flämischer Schulrichtung. Sechsundzwanzig Chansons konnten Danilevskaia und Kollegen in siebenjähriger Recherche schließlich mit mehr oder minder großer Sicherheit Komponisten zuschreiben, deren Lieder in anderen der fünf bereits bekannten Exemplaren von Loire-Kodices aufgetaucht waren, darunter den Größen dieser Tradition, Antoine Busnoys und Johannes Ockeghem, und das gesamte Chansonnier mit ihren Mitstreitern einspielen. Ein kleiner Ausschnitt der dreistimmigen Lieder, manche als Instrumentalsatz arrangiert, verbunden mit zwei „Jay pris amours“-Auszügen aus dem Pugi Chansonnier (Florenz) und Chansonnier Cordiforme (Paris), erklang beim diesjährigen Dortmunder Klangvokal Musikfestival, zu dem das Ensemble nach seinem Debüt 2019 zurückkehrte.

Dort wurde das Ensemble einmal mehr seinem Ruf gerecht, die Frührenaissanceklänge wie mit einem feinen Pinsel in pralle Farbtöpfe zu tunken beziehungsweise sie so aufregend, kontrastvoll, intensiv und andächtig zu präsentieren, als wäre die Tinte der Notenschrift gerade erst getrocknet. Unheimlich modern, gleich einer Inspirationsquelle für späteren, dieses Jahr großes Gedenkjubiläum feiernden John Dowland, muten die Stücke damit an, vereinen die doch in Charakter und Rhythmik facettenreichen Lieder die süße Melancholie der Liebe. Jene floss mit warmen, dynamischen, mitunter temperamentvoll akzentuierten Saiten der Vihuelas de arco (Vielles) Danilevakais und Filipa Meneses', der ebenso variationsstarken Laute Floris De Ryckers und den fast im wahrsten Sinne des Wortes Süßholz raspelnden, sanfte Streicheleinheiten verteilenden, umwerfenden Tönen Johanna Bartz' Renaissancetraversi gleich dem natürlichen Strom durch die Marienkirche.

Ob in den Beispielen Busnoys', Robert Mortons, Ockeghems, Converts, Jean Michelets, Barbingants oder den anonym gebliebenen Stücken, darunter mit „Henri Phlippet“ das letzte, extra hinzugefügte, kurioseste Werk der Sammlung, komplettierten Johanna Beier, Jonatan Alvarado und Lior Leibovici das Bild von am Fluss mit den Wolken dahinschwebenden, expressiven Gedanken. Wenngleich leider mitunter akustisch schwerer verständlich, übermittelten die auf Stilistik und Homogenität natürlich geeichten Stimmen von lieblich-blumigem, phrasierungsplastischem wie -couragiertem Sopran und zwei hohen, im Verlauf lagengeschmeidigeren und vitaleren, federleichten, unterschiedlich dialektischen Tenören die Klagen der Herzen. In Formen eines berührenden Lamentos, einer engelszüngigen Besänftigungsfürbitte, einer diplomatischen Anklage, aufgeregterer Sehnsucht und süffisanten Galgenhumors ließen sich anmutige, innig-sensible, weichere und heißblütigere Emotionen nachspüren, die die faszinierende Frührenaissance mit ihrem Sprachrohr Sollazzo Ensemble zu bieten hat.




