„Giving Voice“ nennt das Festival Oude Muziek Utrecht seine 45. Ausgabe und ziert sein von Walther Schoonenberg gestaltetes Programmbuch mit einigen Exemplaren der Vogelwelt. Wenngleich doch vornehmlich die menschliche Stimme Aufhänger des Themas durch den bestechend interessanten Flug durch Genres, Darstellungsformen, Länder und Jahrhunderte ist. Drei Konzerte aus der zeitlichen Festivalmitte habe ich besucht, die dennoch einen direkten Bezug zur Abbildung aufweisen.

Zunächst die Aufführung des Ensembles Odyssee, bei dessen französischem Ball die Blockflöte Anna Stegmanns als traditionelles Assoziations- und Imitationsinstrument für die gefiederten Freunde und ihrer Stimmen zwecks Allegorien für menschliche Empfindungen zu Gehör kam. Dann Stile Anticos Programm „England's Nightingale“, das mittels namensbezogener Persiflage-Überschriften gegliedert und dessen offenkundige Betitelung durch das Festival-Reihenwortspiel „The singing Byrd“ gedoppelt wurde. Und schließlich die Wiedergabe der Messrekonstruktion zur Dogenkrönung 1595, mit der Paul McCreeshs Gabrieli Consort & Players 1989/90 ihren internationalen Durchbruch hinlegten. Tauben sind nämlich neben dem Löwen das lebendige Wahrzeichen des Markusplatzes und Vögel durften in der Republik nur vom Dogen geschossen werden.
Zu Zeiten jenes Dogen um 1600 hatten sich Frankreich und Venedig angenähert, um der Habsburgischen Hegemonie Europas eine Stimme entgegenzusetzen. Ein halbes Jahrhundert später sollte Ludwig XIV. den Thron Frankreichs besteigen und den Hochbarock prägen. Auch musikalisch durch eine eigene, eben französische Sprache, deren Umsetzung in zentralen Händen des gebürtigen Italieners Jean-Baptiste Lullys lag. Zu dieser Sprache gehörte der Tanz, Lieblingsbeschäftigung des Königs, die theatralische Ausdrucksform gerade ohne menschliche Stimme. Ab 1687 betätigte sich Michel Pignolet de Montéclair in höheren Pariser Kreisen als Tanz- und Instrumentallehrer, zugleich fungierte er im königlichen Opernorchester als Basse de violon-Spieler.
1697 verfasste Montéclair seine Sérénade ou concert divisé en trois suites de pièces pour les violons, flûtes et hautbois, bestehend aus den Tanzfolgen der Airs de fanfare, Airs tendres und Airs champêtres, die das Ensemble Odyssee mit Konzertmeisterin Eva Saladin präsentierte. Bei den vier Geigen – bis auf Ivan Iliev – in Brusthaltung nach barocker Tradition, zuständig für die allgemeine Eleganz, die bildlich leichtfüßig über das Parkett, mit Bogen und Hand klangerhaben, melancholisch oder heiter über Holz und Darmsaiten glitt. Der Bass aus Cembalo, Gambe, Basse de violon und Fagott stellte ihr markante Herrschaftlichkeit gegenüber, die die Bläser aus Stegmanns Sopranblockflöte und Oboen in der Fanfarensuite zur Nachahmung der Trompeten besorgten, im Land-Pendant zu keckem und pastoral-anmutigem Charakter wandelten. Zwei Altblockflöten dagegen bestimmten den Charme der sarabandigen Airs tendres mit mystisch umrahmendem Sommeil, während die Musette Antonio Constenlas in den Airs champêtres, vor allem im finalen Danse de village, natürlich die spezielle Note Folklore lieferte.
Das Ensemble Odyssee trennte Montéclairs Suiten selbst durch Stücke Jean-Féry Rebels, Schüler Lullys, Anhänger des goût réuni und Mitglied der Vingt-quatre Violons du Roi. Werke, auf die die gefeierte Ballerina Mademoiselle Prévost getanzt hatte. Erst die Boutade, den geistreichen Scherz, der nach intensivem, feinem, fast zerbrechlichem Lentement mit dem heroischen Vivement-Duell im italienischen Balletto-Stil mit gesteigerten Tonrepetierungen von vier Geigen und Bass dynamisch gekonnt zum Vorschein kam. Danach durch die – damals legendäre – Caprice, in der das Ensemble aus nun zwei Violinen, zwei Bratschen und Bass den Repetierungen und Tremoli einen noch energischeren Touch gab, ehe es mit Rebels berüchtigten Les caractères de la danse abschloss. Darin schritt es royal, deutlich und beherrschbar bis zur letzten Sonate, in der es sich in Tempo und mit Flautino zu einem ersehnten, pointierten Wirbelwind aufschwang.

Eine porträtierende Stimme verlieh Stile Antico in gewohnter, allein in erster Hälfte des sechsstimmigen Sing joyfully etwas zaghafter Pracht einem Leib- und Magenkomponisten: William Byrd. Tenor Andrew Griffiths stellte dafür zwölf kontrastvolle, herzergreifende Stücke zusammen, die Byrds illuster pikantes Leben in der englischen Spätrenaissance Atem einhauchten. Seine ureigene Stärke einer weichen, intim-dynamischen Klangwelle, in die sich der Zuhörer zeitverlierend eingraben kann, samt quirliger, rhythmisch ansteckender, frischer Akzentgebung des Textes konnte die Vokalgruppe besonders im Miserere mihi, This sweet and merry month of May, Haec dies, Tristitia et anxietas und Factus est repente unter Beweis stellen. Mit Laudibus in sanctis führte sie das Festivalmotto zu feierlichem, kräftig strahlendem Hochgenuss.
Den erfüllten zum Tagesausklang McCreeshs Gabrieli Consort & Players schließlich mit Giovanni Gabrielis Omnes gentes à 16 in einem mächtigen Mess-Amalgam aus festlicher Würde und majestätischer Atmosphäre. Jene Attribute definierten die in TivoliVredenburg im Rahmen des Möglichen, durch Andrea und Giovanni Gabrielis, Cesare Benidnellis und Cesario Gussagos Kompositionen nachgebildete Zeremonie, in der prozessionale Trompeten und Trommel, die Schola gregoriana, die beiden Truhenorgeln sowie die vokalen und instrumentalen Chöre aus Alt, Tenor, Bass, Cornetti, Sackbuts, Bassdulzian, Violine beziehungsweise Viola da braccio andächtig in den Markusdom des 27. April 1595 zurückversetzten, als Marino Grimani zum Dogen gekrönt worden war. In Gabrielis Motette heißt es: „plaudite manibus“ (frohlocket mit Händen) – Sic traiecto fecimus (So taten wir es in Utrecht), wonach das Gabrieli Consort Thomas Kens All Praise to Thee auf Thomas Tallis' Melodie zur besinnlichen Zugabe anstimmte.



