Karen Cargill © KK Dundas
Karen Cargill
© KK Dundas
In diesem Monat erkunden wir die Welt der Lieder. Was macht ein gutes Programm aus? Wie sollte ein Publikum an ein Lieder-Recital herangehen? Wir sprechen mit den führenden Vertretern des Kunstliedes von heute, um einen Einblick in eine Welt zu bekommen, die für den Hörer manchmal schwer aufzubrechen ist. Nun gibt uns die schottische Mezzosopranistin Karen Cargill einen Einblick in ihre Gedanken.

Bachtrack: Anhand welcher Kriterien stellen Sie ein Programm für einen Liederabend zusammen?

Karen Cargill: Jedes Programm ist repräsentativ für einen bestimmten Moment im Leben beider Musiker, und das ist immer ein interessanter Ansatzpunkt, an dem man herausfindet, welche Art Stimmung man zu erzeugen hofft, welche Komponisten einen wohl am ehesten dahin bringen durch ihre Klangwelt. Der Text spielt offensichtlich auch eine immens wichtige Rolle dabei, also erforscht man dann verschiedene Lieder und sucht nach der Kombination von wunderschönem Text mit interessanter Komposition. Tonartenverhältnisse und Tempi sind auch sehr wichtig für den Fluss eines Liederabends und wir verbringen viel Zeit damit, das Programm mit diesem Hintergedanken zusammenzustellen. Der Anfang ist der Schlüssel dazu, den Ton der Reise zu bestimmen und es doch eine angenehme Situation für beide Musiker zu schaffen. Recitals sind solch exponierte Angelegenheiten, da möchte man sich am Anfang so ruhig wie möglich fühlen. Aber man möchte dann auch mit einem Höhepunkt enden, in dem man dem Publikum diese Energie mit nach Hause gibt.

Welchen Rat würden Sie Zuhörern geben, für die Lieder neu sind, um ihnen den Einstieg ins Repertoire zu erleichtern? Sollten Künstler im Laufe des Recitals mit ihrem Publikum sprechen?

Ein Liederabend ist eine sehr intime Erfahrung; ich liebe es, wenn Sänger einige Programmpunkte vorstellen und dem Publikum mehr von sich selbst als Künstler zeigen. Es ist sehr spannend, ihre Ansicht zu einem Lied zu hören, was den Hörer ermutigen kann, auch aus einem anderen Blickwinkel darüber nachzudenken.

Wenn man in Kopf und Herz offen und unvoreingenommen ist, das sind die besten Voraussetzungen für einen ersten Liederabend. Neugier und Flexibilität sind zwei wichtige Bestandteile unseres Berufes als Musiker, aber seien Sie auch als Zuhörer neugierig darauf, verschiedene Gattungen, Sprachen und Stile zu erleben, vielleicht verlieben sie sich in einen davon.

Lesen Sie die Übersetzungen, wenn Sie im Saal ankommen; machen Sie es sich gemütlich für eine phantastische Reise.

Wie fühlt es sich an, wenn alle Köpfe im Publikum im Programmheft stecken, um den Text zu verfolgen? Würden Übertitel helfen? Sollten Besucher die Texte vor den Konzert lesen?

 Den Text zu verstehen ist in einem Lied-Recital von Vorrang. Mir ist es am liebsten, das Publikum fühlt sich wohl, und wenn das Lesen der Übersetzungen ihm dabei hilft, großartig! Manchmal werden wir von einer bestimmten Benimm-Etikette zu sehr eingeklemmt, und ich glaube, dass das neue Konzertgänger einschüchtert, besonders hinsichtlich des Raschelns des Papiers, aber das bedeutet, dass das Publikum gedanklich beteiligt ist. Übertitel würden bei diesem Problem helfen, doch für mich ist die Atmosphäre im Saal Teil des Erlebnisses eines Recitals, und Säle wie die prächtige Wigmore Hall, der Kleine Saal im Concertgebouw und die Weill Hall der Carnegie Hall würden durch das Hinzufügen von Übertiteln ruiniert. Die Schönheit dieser Räumlichkeiten ist genauso Teil des Konzertes wie die Musik.

Welche Vorteile hat das Liedpodium im Vergleich zur Opernbühne?

Das sind ganz verschiedene Erfahrungen für alle Beteiligten, für Musiker wie für das Publikum. Oper ist eine „filmischere“ Vorstellung, der Liederabend besteht aus einer einzelnen Stimme, die eine persönliche Reise beschreibt. Die Intimität eines Recitals ist etwas sehr Besonderes; es erlaubt einem, sich ganz in der Musik zu verlieren, und während man sich auch in einer Opernmusik verlieren kann, so besitzt diese doch einen so großen visuellen Aspekt.

Dem Künstler nah zu kommen, ist etwas Besonderes, man kann die Beziehung zwischen beiden Musikern fühlen und ein Verständnis für ihre Persönlichkeiten entwickeln, was den Liedern zusätzlich immer etwas Einzigartiges verleiht.

Karen Cargill © KK Dundas
Karen Cargill
© KK Dundas

Welches Lied singen Sie am liebsten?

Es gibt so viele Lieder, die mir etwas bedeuten und die besondere Momente in meinem Leben markieren, dass ich das beim besten Willen nicht auf nur eines beschränken kann. Die Lieder von Gustav Mahler sind für mich unglaublich wichtig aufgrund meiner Leidenschaft für seine Musik und der Schönheit der Texte, die er ausgewählt hat. Bei Ich bin der Welt abhanden gekommen kommen mir immer Tränen. Im Moment arbeite ich an einem französischen Programm und bin in die Welt von Duparc und Chausson eingetaucht. Amour d'antan von Chausson ist gerade ein besonderer Favorit, aber es gibt einfach noch so viele wundervolle Lieder zu entdecken!

In welcher Sprache singen Sie am liebsten?

Viel von dem, was ich im Moment singe, ist Deutsch, und ich genieße die Klangwelt, die die Sprache ermöglicht – vielleicht, weil die Vokale dem schottischen Dialekt so ähnlich sind? Ich liebe Französisch, das Romantische des Klanges, die Tatsache, dass man die Sprache „schmecken“ kann, und dass sie eine besondere Stimmung schafft.

Haben Sie einen Pianisten, mit dem Sie oft in Recitals zusammenarbeiten? Was sind seine/ihre besten Eigenschaften?

Seit 2000 arbeite ich ausschließlich mit Simon Lepper und werde durch unsere Freundschaft so reich belohnt. Wir lieben es, unsere Programme stundenlang zu polieren, Texte zu besprechen, Geschichten zu schaffen, und eine musikalische Reise zu entwickeln, von der wir wissen, dass sie aufregend und bereichernd sein wird. Jemanden zu haben, der so sehr an einen glaubt, ist von unschätzbarem Wert und erlaubt es einem, sich frei genug zu fühlen, um die Musik zu machen, die man machen möchte. Simon ist ein unglaublicher Musiker mit einem riesigen Wissen und großer Liebe zur Musik. Er ist geduldig, unterstützt mich enorm, und er kennt meine Stimme besser als jeder andere. In manchen Proben hat er eine kleine Veränderung eines Vokals vorgeschlagen, und das hat einen massiven Unterschied im Klang bewirkt. Wir reden über alles von Musik über Wein zum Reisen; unsere Beziehung geht weit über Musik hinaus. Ich verdanke Simon so viel.

 Hier finden Sie Karen Cargills geplante Konzerte.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.