Dies wäre in Deutschland schwer vorstellbar: die örtliche Polizei steckte 1985 in Philadelphia ein Gebäude mitten in der Stadt von einem Hubschrauber aus mittels Sprengkörpern in Brand und verursachte so den Tod von elf Menschen, ohne dass irgendjemand jemals dafür zur Rechenschaft gezogen wurde. Ähnlich schwer vorstellbar ist es, dass 32 Jahre später ein deutsches Opernhaus in einer Stadt mit einer vergleichbaren Geschichte eine Kammeroper uraufführen lassen würde, in der diese traumatischen Erlebnisse thematisiert werden.

Lauren Whitehead (Un/Sung) © Dominic M Mercier
Lauren Whitehead (Un/Sung)
© Dominic M Mercier

Die Oper We Shall Not Be Moved ist ein Auftragswerk der Opera Philadelphia und hatte jetzt seine europäische Erstaufführung im Rahmen des Opera Forward Festival des Amsterdamer Opernhauses. Die von der amerikanischen Presse hochgelobte Produktion des Regisseurs Bill T Jones war passend zum diesjährigen politischen Festivalthema „Embrace Confrontation“ (Umarme die Konfrontation) ausgewählt worden. Geschrieben hat diese gesungene Anklage gegen die ungleiche Behandlung von Afroamerikanern in den USA der Geiger und Komponist Daniel Bernard Roumain auf ein Libretto von Marc Bamuthi Joseph, beides Amerikaner, deren Vorväter aus Haiti kamen.

Kirstin Chávez (Glenda) und Lauren Whitehead (Un/Sung) © Dave DiRentis
Kirstin Chávez (Glenda) und Lauren Whitehead (Un/Sung)
© Dave DiRentis

Die Handlung ist explosiv und aktuell zugleich. Fünf Jugendliche verstecken sich in einem leerstehenden Haus, nachdem einer von ihnen in Notwehr einen Mann erschossen hat. Dieses Haus steht an dem Ort, an dem bei oben beschriebenem Gewaltakt 65 Häuser abgebrannt waren. Dieser wird von den Geistern der getöteten Afroamerikaner heimgesucht, die via geschriebene Botschaften Kontakt mit den Kindern aufnehmen. Auch die für die Gegend zuständige Polizistin Glenda wird auf die fünf aufmerksam und will sie wieder zur Schule schicken. Es folgt eine Auseinandersetzung, bei der einer der Untergetauchten von der Polizistin angeschossen und diese daraufhin überwältigt und als Geisel genommen wird. Der zweite Akt beschreibt die Ängste und Auseinandersetzungen der beteiligten Personen im Haus und deren fieberhafte Suche nach einer Lösung. Als die Gruppe Glenda, in der Hoffnung auf Verständnis ihre Situation beichten, kommt heraus, dass der getötete Mann Glendas Bruder ist. Im letzten Akt soll Un/Sung, die die inoffizielle Anführerin der Gruppe ist, Glenda beseitigen. Die Oper endet jedoch mit dem Brand des Hauses und einem Interview mit Glenda, die einem Reporter von ihren Erfahrungen während der Geiselnahme berichtet. Das Schicksal der Jugendlichen bleibt im Ungewissen.

Adam Richardson (John Mack) © Dominic M Mercier
Adam Richardson (John Mack)
© Dominic M Mercier

Die herausragende Stimme an diesem Abend war zweifellos die des Countertenors John Holiday (John Blue), der neben seinen sehr unter die Haut gehenden Arien auch noch die Problematik eines Transgenders gefühlvoll herausbildete. Jedesmal wenn er sang, fühlte man sich in eine andere Welt versetzt und war gerührt von der einmaligen Schönheit seiner Stimme. Da er genau wie die übrigen Sänger ein fabelhafter Schauspieler und Tänzer war, verging dieser Abend trotz des schwierigen Sujets wie im Flug. Der Bassbariton Aubrey Allicock (John Henry) war nur in seiner Arie „Lay me down“ in der Tiefe etwas weniger präsent, gab aber sonst makellos einen coolen Aufschneider zum Besten, der – später angeschossen – seine Todesangst besang.

Der Tenor Daniel Shirley (John Little) spielte und sang sehr überzeugend die Rolle des einzigen weißhäutigen Bandenmitglieds, den die Pistole in seiner Hand zu Allmachtsfantasien beflügelte. Auch Mezzosopran Kristin Chávez (Glenda) brachte ihre Todesangst sehr realistisch auf die Bühne, genauso wie ihr Mitgefühl mit den Schicksalen der auf sich allein gestellten Jugendlichen. Ihr Gesangspart war wohl der Undankbarste, da sie in verschiedenen Erzählperspektiven immer wieder andere Stimmlagen einbringen musste. Sie nahm das Publikum an die Hand und ließ es sowohl ihre Opernstimmlage als auch ihre an das Pop-Idiom erinnernde Revuestimme hören.

Kirstin Chávez (Glenda) und Lauren Whitehead (Un/Sung) © Dave DiRentis
Kirstin Chávez (Glenda) und Lauren Whitehead (Un/Sung)
© Dave DiRentis

Der Bariton Adam Richardson suchte sein Bühnenheil in der Bibel und sorgte ansonsten für die nötige Portion Humor. Seine Tanzeinlagen gehörten zu den geschmeidigsten dieser Besetzung, die denen der vier Hausgeister (OG’s) in wenig nachstanden. Diese ausgebildeten Hip Hop Tänzer konnten allesamt auch singen, selbst improvisieren und am Ende sogar auf Stelzen laufen.

Sympathieträger und Hauptdarstellerin der Vorstellung war jedoch Lauren A. Whitehead (Un/Sung). Sie sprach die meisten ihrer Texte, erklärte dabei die Gefühle ihrer Mitspieler und wirkte beruhigend auf sie ein. Sie erklärte dem Zuschauer die Vorgeschichte und verhandelte mit Glenda. All dies gelang ihr sehr eindringlich dank ihrer äußerst flexibelen Stimme und einer unnachahmlichen Körpersprache. Der Dirigent Viswa Subbaraman leitete ein kleines Ensemble bestehend aus zwei Musikern und fünf Mitlgliedern des Nederlands Philharmonisch Orkest, das wirkungsvoll begleitete.

Diese Opernproduktion flößt der Gattung Oper frisches Blut ein, auch wenn die Musik keine neuen Wege bewandelt. Sie überzeugte als zugängliches Ganzes durch die Vermischung verschiedener Stile, diversen Hip Hop Tanzeinlagen, einfachem, aber sehr wirkungsvollem Dekor (Matt Saunders) und nicht zuletzt durch die sehr realistischen Videoprojektionen von Jorge Cousinau, die die Aktualität der Handlung durch Filmaufnahmen von Straßenzügen des heutigen Philadelphia unterstreicht.

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