Der Geist von Maria Callas erwartet Sie zwischen den Pinien. Noch bevor Sie Ihren Platz im antiken Theater von Epidaurus erreichen, hat die Installation am Callas Point bereits den Rahmen für den Abend vorgegeben. Auf dieser Bühne sang Callas vor 65 Jahren Cherubinis Medea in einer mittlerweile mythischen Inszenierung. Diese Inszenierung rekonstruiert jene Legende, auch wenn das Programm den Begriff „Neuinterpretation“ bevorzugt: Von der Originalaufzeichnung ist kein Video erhalten geblieben, die Regieanweisungen sind nur teilweise überliefert. Die Frage, die man sich auf dem Weg zum Platz stellt, ist, ob sich der Abend von diesem Geist befreien kann oder sich ihm nur beugen wird.

Den größten Teil des Abends über hielt die Inszenierung stand. Das Bühnenbild verschmolz mit dem antiken Marmor im Hintergrund; wo eine weniger gelungene Inszenierung zu einer muffigen Vision der Antike verkommen wäre, wirkte diese lebendig und von den Steinen um sie herum getragen. Die Kostüme waren aus historisch korrekten Stoffen neu angefertigt worden – eine Herausforderung, auf die die Designer hingewiesen hatten –, und im Mittelpunkt stand der Gürtel, den Callas auf jedem erhaltenen Foto der Aufführungsserie von 1961 trägt. Die Beleuchtung harmonierte mit dem schwindenden Tageslicht, anstatt ihm entgegenzuwirken; der Himmel wechselte von bernsteingrau-blau zu einem sternenübersäten Schwarz, als der Tempel in Flammen aufging, und während das Licht schwand, wurden die Schatten auf der Bühne im Einklang mit der Dramatik immer schärfer.

Epidaurus ist ein ungewöhnlicher, anspruchsvoller Schauplatz für Opernaufführungen. Der Klang des Orchesters war zu Beginn überraschend: Ohne die umschließende Akustik eines Konzertsaals schien die Hälfte der Musik gen Himmel, zu den Göttern zu schweben. Die Holzblasinstrumente waren am besten zu hören, und zeitweise ging eine Stimme auf der Bühne in eine Art Duett mit der Oboe im Orchestergraben über. Unter Jacques Lacombe schlug sich das Orchester gut; die Musiker waren von jedem Platz aus zu sehen, und ihr synchronisierter Atem verlieh dem Abend eine körperliche Qualität, die der Chor von der Bühne aus widerspiegelte. Das Theater, das für jene Zeit erbaut wurde, in der der Chor im Mittelpunkt des Dramas stand, wirkte in den Chorpassagen am imposantesten.
Das Gewicht des Abends ruhte – zwangsläufig – auf Anna Pirozzi. Ihre Präsenz war spürbar, noch bevor sie den Mund öffnete: eine schattenhafte Gestalt, zugleich Frau und Halbgöttin, die in der Mitte des ersten Aktes den Blick auf sich zog und dann, sobald sie zu singen begann, alles andere in ihren Bann zog. „Ah! quale voce“, ruft Giasone aus. Und tatsächlich war es eine Überraschung, unheimlich nah an Callas in der Klangfarbe und mit einer klassischen Haltung, wie man sie heute selten findet. Ein doppelter Geist, innerhalb der Handlung und um sie herum.

Auch die Nebendarsteller konnten sich sehen lassen. Tassis Christoyannis verlieh seinem Rollendebüt als Creon eine königliche Ausstrahlung, auch wenn seine Stimme nicht mehr ganz zu seiner Haltung passte. Bei aller technischen Beherrschung wurde der Mangel an Kraft neben Pirozzi besonders deutlich, am stärksten in der Szene, in der Medea ihn um einen einzigen Tag Aufschub anfleht. Dies war ein Moment, in dem sich die Halbgöttin vor einem sterblichen Mann hätte erniedrigen und so – wenn auch nur kurz – unser Mitleid hätte wecken sollen. Doch sie wirkte zu keinem Zeitpunkt wie ein Opfer.
Danae Kontoras Glauce passte perfekt zur Rolle; ihre Zerbrechlichkeit vermittelte das Bild eines Mädchens, das zwischen dem Willen ihres Vaters und dem Zorn einer älteren Frau gefangen war; ihre Duette mit Jean-François Borras’ Jason zeugten von echter Chemie. Am besten war Alisa Kolosovas Neris; die Art und Weise, wie sich ihre Stimme und die von Pirozzi umeinander schlangen, wobei jede ein anderes Gewicht hatte, war faszinierend und machte es glaubhaft, dass Neris allein Medeas Hand aufhalten könnte.

Doch trotz all seiner gut eingespielten Teile wirkte der Abend wie ein Zug, der sein Ziel nie erreichte. Ich hatte mich darauf gefasst gemacht, vom letzten Akt erschüttert zu werden, doch dazu kam es nie. Pirozzis Gesang war hier sicher und technisch einwandfrei, ließ jedoch die emotionale Bandbreite vermissen, die die Rolle erfordert. Die Schlussszene verlangt von der Sopranistin, den gesamten inneren Konflikt Medeas hörbar zu machen: die unmögliche Wahl zwischen sterblicher Mutter und Halbgöttin, zwischen Liebe und dem Bedürfnis nach Rache.
Hier wurde der Geist, den die Inszenierung so bewusst heraufbeschworen hatte, unausweichlich. Ich habe Callas in Epidaurus nie gehört – das hat fast niemand, der noch lebt –, aber ich habe vor drei Jahren gesehen, wie Pirozzi denselben Höhepunkt in der neuen Inszenierung von David McVicar an der Griechischen Nationaloper darbot, in der der Geist weniger vollständig heraufbeschworen wurde. In Epidaurus, mit dem Gürtel von La Divina bekleidet, gelang es ihr nicht ganz, ihn zu heben. Entbehrt all dessen, was darauf hätte hinführen sollen, brach der Höhepunkt unter seiner eigenen Last zusammen.

Die Gegenwart drang immer wieder in die Vergangenheit ein. Als Medea und Jason einander gegenüberstanden, flatterte eine kleine Fledermaus über die Bühne; im letzten Akt, als es in dem mit 14.000 Zuschauern gefüllten Theater still wurde, wurde die Stille von einem Drohnengeräusch über uns unterbrochen, und ein nervöses Kichern ging durch die Menge. Wir befanden uns schließlich nicht in den 1960er Jahren, und keine noch so aufwendige Kostümrekonstruktion konnte die Welt zurückzaubern, die das Original geprägt hatte, oder die einzigartige Künstlerin, die im Mittelpunkt stand.
Es fiel schwer, kein Mitgefühl für Pirozzi zu empfinden: Was für eine Situation, an der Stelle von Callas zu stehen, das Kostüm von Callas zu tragen, die Rolle von Callas zu singen und doch nicht ganz Callas zu sein. Die Griechische Nationaloper hat bewiesen, dass sie über alles verfügt, was nötig ist, um ihren Mythos zu ehren. Das Einzige, was sie nicht hervorbringen kann, ist die einmalige Stimme, die das Original besaß.

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.







