Könnte man nur einen einzigen Blick auf die Welt werfen, so werfe man ihn auf Istanbul, schrieb (beinahe) Alphone de Lamartine - zu dieser Zeit hieß die Stadt noch Konstantinopel. Der kulturelle Trittstein zwischen Europa und dem Mittleren Osten, die grüßte Stadt der Türkei mit ihrer atemberaubenden byzantinischen Architektur bezaubert Besucher nach wie vor. Gegründet 1973 begann das Istanbuler Musikfestival zunächst als rein klassisches Festival und erweiterte dann seinen musikalischen Horizont. Obwohl es nun auch Jazz, Theater und Tanz einschließt, steht die klassische Musik noch immer im Zentrum, wie ein Blick auf das Programm des 43. Festivals zeigt. Den ganzen Juni lang zieht es neben landeseigenen, illustren Musikern auch bedeutende internationale Gäste an. "Cultural Landscapes" (dt. Kulturlandschaften) ist das Motto der diesjährigen Spielzeit, und die Musik überspannt verschiedene Kontinente und Hintergründe wie Istanbul den Bosporus.
Das Eröffnungs- und Abschlusskonzert gibt jeweils das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra. Dieses bemerkenswerte Orchester hat im vergangenen Sommer bei den BBC Proms einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Erwachsen 2000 aus einem Kammerorchester ist es zum führenden Symphonieorchester der Türkei aufgestiegen und erregt auch international viel Aufmerksamkeit. Gibt es einen besseren Ort, als es bei einem Heimspiel und mit einem Programm zu sehen, das vor Orchesterfarben nur so strotzt? Wie Uraufführung von Hasan Niyazi Turas Symphonic Poem on Battle of Gallipoli eröffnet das Festival im Kongress- und Ausstellungszentrum Lütfi Kırdar. Das Auftragswerk des Festivals gedenkt dem 100. Jubiläum des Kampfes während des Ersten Weltkrieges. Russische Ware bringen Mussorgskys Bilder einer Ausstellung mit ihrer Darstellung von Werken Viktor Hartmanns, eines Freundes des Komponisten. Ursprünglich für Klavier komponiert, sind die Bilder durch verschiedenste Orchestrierungen, besonders der Maurice Ravels, zum Konzertfavoriten geworden.
Für das Abschlusskonzert bekommt das Orchester Unterstützung von Starpianistin Yuja Wang, die Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 in b-Moll spielen wird. Chefdirigent Sascha Goetzel nimmt Orchester und Publikum dann mit auf eine Reise nach Rom mit Respighis berühmter Trilogie Pini di Roma, Fontane di Roma und Feste Romane. Mit wenig Feinsinn doch viel dynamischem Nachdruck sind sie das perfekte Schaustück für Goetzels junges, dynamisches Orchester.
Fazıl Say ist zweifelsohne einer der Klassikstars des Landes, sowohl als Pianist als auch als Komponist. Beim diesjährigen Festival spielt er sich durch alle 18 Solo-Klaviersonaten Mozarts, gespielt an vier verschiedenen Orten, einschließich dem Hagia Triada-Kloster auf der nahegelegenen Insel Heybeliada. Says Interpretationen zeigen einen aufmerksamen, intelligenten Künstler, doch einen, der es auch wagt, ein Risiko einzugehen. Seine Mozart-Interpretationen werden sicherlich fantastisch sein.
Eine weitere, risikofreudige Künstlerin - und eine, die bereits mit Fazıl Say zusammengearbeitet hat - ist Patricia Kopatchinskaja. In Istanbul tut sie sich mit Polina Leschenko und der argentinischen Cellistin Sol Gabetta zusammen, und zu dritt spielen sie ein spannendes Programm von Sonaten und Trios, einschließlich Brahms und Fauré.
Das Borodin Quartett feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen. Teile seiner internationalen Tour bringen es nach Istanbul, wo es mit dem Pianisten Boris Berezovsky Dvořáks Klavierquintette aufführen wird. Die beiden Quartette sind Beispiele eines Früh- und eines Spätwerkes Dvořáks. In der Tat erwuchs sein Opus 81 aus seiner Unzufriedenheit mit dem früheren Werk. Ursprünglich hatte er es lediglich überarbeiten wollen (daher stehen auf beide in der gleichen Tonart), doch letztendlich komponierte er ein gänzlich neues Werk. War Dvořák zu hart mit seinem Opus 5? Sehen Sie selbst bei diesem Konzert.
Verschiedene Landschaften beschwört das Programm der Kremerata Baltica herauf: Russische Jahreszeiten vs Amerikanische Jahreszeiten überschreitet musikalische Grenzen... und von Vivaldis Vier Jahreszeiten keine Spur! Piazzollas Vier Jahreszeiten von Buenos Aires wird Philip Glass' Violinkonzert Nr. 2 ("The American Four Seasons") gegenübergestellt, durchsetzt von Auszügen aus Alexander Raskatovs Seasons Digest. Bei Glass' Konzert werden auch Videoinstallationen von Multimediakünstler Jonas Mekas gezeigt werden, dem legendären Filmemacher, Dichter und Künstler, der oft als Urvater des amerikanischen Avantgardekinos bezeichnet wird.
Die kanadische Pianistin Angela Hewitt entführt ZUhörer nach Spanien mit einem Programm, das zwischen Domenico Scarlattis Klaviersonaten und weiteren Klavierwerken von Granados, Albéniz und de Falla wechselt. Daniil Trifonov, ein weiterer Starpianist, spielt zusammen mit den Moscow Soloists Chopins Klavierkonzert Nr. 1. Unter der Leitung von Yuri Bashmet werden die Solisten außerdem Tschaikowskys Souvenir de Florence in einem Arrangement für Streichorchester spielen.
Das Hagia Eirene Museum ist Ort eines Mozartkonzertes des Lausanner Kammerorchesters, das unter anderem das Violinkonzert Nr. 5 einschließt, das wegen seiner perkussiven Bogeneffekte im letzten Satz als "türkisches" Konzert bekannt ist. Solistin ist Arabella Steinbacher. Von Mozart zu Brahms und Paavo Järvi, der die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen bei zwei reinen Brahms-Konzerten leitet. Christian Tetzlaff spielt das Violinkonzert in D-Dur and Lars Vogt das herbstliche PKlavierkonzert Nr. 2 in B-Dur; Järvi fügt dem noch die Erste und Vierte Symphonie hinzu.
Auf diesem Wege kann man auch “Dancing Paris” aufnehmen, den Titel eines unterhaltsamen Programms mit dem Alliage Saxophon Quintett, dem Pianisten Jang Eun Bae und dem Violinisten József Lendvay. Nach Bernsteins Candide erreichen sie Gershwins Amerikaner in Paris über Darius Milhauds umtriebigen Le boeuf sur le toit und weiteren vergnüglichen Werken.
Bei solch vielfältigen Kulturlandschaften gibt es beim Internationalen Musikfestival Istanbul etwas für jeden Geschmack.
Klicken Sie hier, um die Website des Festivals zu besuchen.
Dieser Artikel entstand im Auftrag des Internationalen Musikfestival Istanbul.

