Was verdeutlicht Opera buffa besser als die Geschichte zweier Männer, die vorgeben, auf dem Weg in den Krieg zu sein, nur um verkleidet nach Hause zurückzukehren, um die Tugendhaftigkeit ihrer Frauen auf die Probe zu stellen? Aberwitziger noch, wenn in Mozarts Così fan tutte die beiden Soldaten als schnurrbärtige Fremde verkleidet zurückkehren, verlieben sich zwei ahnungslose Schwestern nicht in ihren eigenen, sondern den Geliebten der anderen. Der Freund der beiden Männer, Don Alfonso, ist der wahre Missetäter der Oper; das fehlende Vertrauen des sardonischen Philosophen in die weibliche Tugend führt zur Probe der Treue der Schwestern.

Oliver Widmer (Don Alfonso) © Judith Schlosser (2014)
Oliver Widmer (Don Alfonso)
© Judith Schlosser (2014)
Oft übersetzt als „So machen es alle (Frauen)“ wurde Così fan tutte 1790 in Wien uraufgeführt. Das Libretto stammt von Lorenzo Da Ponte, der auch die Libretti zu Le nozze di Figaro und Don Giovanni schrieb. In der Mitte des 19. Jahrhunderts sagte der bedeutende englische Dirigent Sir Michael Costa, dass es ihm unverständlich war, dass Mozart solch ein unbedachtes kleines Stück angenommen hatte, doch Così wurde gut aufgenommen und in Anbetracht der Tatsache, dass im Zentrum der Oper Verlangen, Bedauern, Reue, Betrug und Liebe stehen, ist das Werk ein Fixstern des heutigen Opernhimmels.

In dieser Wiederaufnahme von Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung zeigt Rolf Glittenbergs unbefangenes Bühnenbild vier grellweiße Wände mit großen Öffnungen. Besonders im weich-blauen Licht (Jürgen Hoffmann) des zweiten Aktes werden die Öffnungen beinahe zu einem Prisma und verdeutlichen die Intrige und Doppelzüngigkeit der Liebenden auf der Bühne vor ihnen. Gleichermaßen steht die hoch aufragende, einzelne italienische Zypresse im Bühnenzentrum für Unsterblichkeit, ein Symbol, das hier mutmaßlich auf Liebe und Loyalität ausgedehnt wurde. Marianne Glittenbergs attraktive, historische Kostüme zitieren das Satin und geknöpfte Leinen des Adels, und die flatternden Seidengewänder der beiden Männer waren in Bewegung eine großartige Quelle der Unterhaltung. Allgemein hob das Fehlen von überflüssigem Bühnengerümpel und aufdringlichem „Schocker“-Material diese Produktion angenehm hervor.

Das gilt auch für die Integrität des Ensembles: die sechs Protagonisten passten so gut zusammen wie die einzelnen Teile eines Puzzles. Mauro Peter gab sein Debüt als überschwänglicher Ferrando und seine Parade mit den Holzbläsern im zweiten Akt („Und doch schlägt voll heißer, unendlicher Liebe der Teuren noch immer mein zärtliches Herz“) war unendlich einnehmend. Wie schon 2009 sang Ruben Drole Guglielmo mit viel Verve und Überzeugung und seine übertriebenen Grimassen brachte ein passendes Slapstick-Elemente.

Elliot Madore (Guglielmo) und Anna Stéphany (Dorabella) © Judith Schlosser (2014)
Elliot Madore (Guglielmo) und Anna Stéphany (Dorabella)
© Judith Schlosser (2014)
In den Rollen der beiden betrogenen Schwestern hörte man Anna Stéphany als Dorabella und Julia Kleiter als Fiordiligi in ihrem Debüt hier in Zürich. Beide Sängerinnen waren perfekt in ihren Rollen. Als die abenteuerlustigere Dorabella ihre sture Schwester dazu überredete, ihren Rock (im wörtlichen Sinne) fallenzulassen, war Stéphanys Diktion kristallklar und die Eleganz ihrer Bewegungen nachahmungswürdig. Kleiter sang das silberne Register der beiden Paare, hielt jedoch eine gerechte Balance zwischen ihnen. Sichtlich gezeichnet von der Anziehung zu einem anderen Mann, spielte sie auch überzeugend genug, um echtes Mitgefühl hervorzurufen, als sie die höheren Mächte anflehte, dem „Vergehen dem schwachen Weibe“ zu verzeihen.

Rebeca Olvera gab ihr Debüt als draufgängerische Magd Despina, die beide Schwestern überzeugend überredet, auf den Putz zu hauen, während ihre Männer abwesend sind. Olveras Stimme besitzt eine große Ausdrucksspanne und ihre Schauspielkünste sind superb: sie fügte dem Ganzen eine willkommene Chilischote hinzu. Bei Despinas Beschreibung von alledem, was ein Mädchen mit 15 Jahren wissen sollte - „Wie am besten wir Nasen drehen“ und „Falsches Lachen, falsches Klagen“ zum Beispiel – waren manche von uns froh, deutlich ältere Töchter zu haben.

Oliver Widmer sang den undurchsichtigen, desillusionierten Don Alfonso. Sein klagendes „Soava sia il vento“ (Weht leise, ihr Winde) im Trio mit den beiden Schwestern war so lieblich wie ein Wiegenlied. Obwohl er mit seiner Wette schreckliche Verwirrung der Gefühle hervorruft, erfährt er keinen Tadel und bleibt am Ende des zweiten Aktes gänzlich schuldfrei. Der Gedanke, dass die Frauen „mitmischen“, den Spieß umdrehen und nicht das betrachten, was sie nicht können, sondern das, was sie können, war 1790 natürlich noch Zukunftsmusik.

Im Graben unterlegte die Philharmonia Zürich unter der lebhaften Leitung von Karl-Heinz Steffens das Bühnengeschehen mit der Unmenge an Farben und Ausschmückungen von Mozarts fabelhafter Musik. Claudius Herrmann (Cello) und Andrea del Bianco (Fortepiano) glänzten in ihren Solopartien und Konzertmeisterin Ada Pesch leitete die knapp 70 Mann starke Philharmonia in einer souveränen Interpretation. Ungewöhnlicherweise stand das Orchester auch lange beim Vorhang und gab dem Publikum so die Gelegenheit, es angemessen zu würdigen, denn diese Vorstellung von Cosí war zweifelsohne eine Freude. Mozarts grandiose Musik und das starke Ensemble trugen das Drama und die Inszenierung war geprägt von einer erfrischenden Energie und einem herzlichen Humor, denn man bei Wust und Schnörkeln oft vermisst.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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