In der virtuellen Welt gab es viele düstere Prognosen für die Zukunft der Oper; Pessimisten sehen das zunehmend ältere Publikum als Beweis dafür, dass die Gattung für jüngere Zuhörer nur noch von geringer Bedeutung ist. Aber, wie Gershwin sagte, „it ain't necessarily so“: wenn Kinder früh genug an diese Kunstform herangeführt werden, können sie ein Leben lang davon begeistert sein. Opernkompanien weltweit erkennen nun die Notwendigkeit, durch das Herantreten an Schulen und Familien neues Publikum aufzutun. An der Deutschen Oper beispielsweise sind nicht weniger als 18 Veranstaltungen als Familientage ausgewiesen, bei dem eine ermäßigte Karte für Kinder gerade einmal acht Euro kostet. Neben Mozarts Zauberflöte und Humperdincks Hänsel und Gretel, mit denen viele in Deutschland ihre ersten Opernerfahrungen machen, zählen zu diesen Familientagen auch Einzelveranstaltungen mit Werken von Puccini, Verdi, Prokofjew und Berlioz, die für verschiedene Altersgruppen ausgelegt sind. Bei diesem frühen, direkten Kontakt nimmt es nicht Wunder, dass diese Stadt ein Opernpublikum hat, das groß genug ist, seine drei großen Opernhäuser zu unterstützen.

So war also in dieser ersten Vorstellung von Hänsel und Gretel in dieser Saison das Verhalten des Publikums beinahe so interessant wie das, was auf der Bühne geschah. Im Saal summte es vor und, mit geringerem Ausmaß, während der Vorstellung, geflüsterte Bemerkungen und Fragen wurden von den umliegenden Plätzen hörbar. Wenn der Junge, der vor mir saß, repräsentativ ist, dann besitzt die Oper noch immer ihre Kraft, Publikum in ihren Bann zu ziehen: in den rhythmischeren Abschnitten hüpfte er in seinem Sessel auf und nieder und war durchweg ganz ins Bühnengeschehen versunken.

In unserer visuell überstimulierten Zeit ist es recht selten, dass der Vorhang für die ganze Ouvertüre geschlossen bleibt; 1997 aber, als Andreas Homokis Produktion ihr Debüt feierte, war das wahrscheinlich noch üblicher. Aus pädagogischer Sicht ist es keine schlechte Sache, wenn Kinder schon früh an die Anforderungen herangeführt werden, die das Hören von Instrumentalmusik ohne andere Hilfen stellt, und eine kurze Opernouvertüre mit vielen ansprechenden Melodien ist ein guter Anfang. Das Orchester spielte gut unter Generalmusikdirektor Donald Runnicles. Die Blechbläserhymne am Anfang war zärtlich, und die Ouvertüre im Allgemeinen schön geformt, obgleich der Schlussakkord einen erkennbar sauren Beigeschmack hatte.

Das Bühnenbild für den ersten Akt war sehr schlicht: die helle Rückwand sah man nur durch einen hausförmigen Umriss, und der Wechsel zum Wald für den zweiten Akt wurde arglos vollzogen. Zum auffälligen Auftritt des Sandmanns (angenehm und effektiv: Elbenita Kajtazi) gehörte, dass sie auf einer Kugel von der Decke herabgeschwebt kam und einen riesigen zunehmenden Mond hinter sich herzog. Die Pantomime in Akt II wurde anstelle der Engeln diesmal an Clowns übergeben - Coulrophobie [Krankhafte Angst vor Clowns, Anm. d. Übersetzerin] scheint in Deutschland weit weniger verbreitet zu sein als in der englischsprachigen Welt. Nach einigen komischen Possen weckten sie die Kinder für ein Festmahl und das Wiedersehen mit ihren Eltern (man fragte sich, ob ein jeder im Publikum verstand, dass dies eine Traumszene war). Die Clowns erwachten und und liefen zu Beginn des dritten Aktes auseinander, und die Hexe (zuvor nur kurz sichtbar) machte einen dramatischen Auftritt aus dem Inneren einer Box voller Süßigkeiten, wie auch ihr späterer Untergang durch eine Falltür im Bühnenboden als Ofen geschah. Nach einem beabsichtigt düsteren ersten Akt gingen Wolfgang Gussmanns Kostüme im Zauberwald des zweiten in lebhafte Prismen über – die Clowns trugen alle gelb und das grüne Haar der Hexe stand wild von ihrem Kopf ab wie ein Selleriestrunk.

Es war sehr erfreulich zu sehen, dass die Deutsche Oper selbst in einer Produktion für eine explizit jüngere Zielgruppe eine Spitzenbesetzung bot. Die beiden Hauptdarsteller, Stephanie Lauricella (Hänsel) und Kim-Lillian Streben (Gretel) waren beide Sängerinnen erster Güte, und ihre Stimmen verschmolzen im Gebetsduett wunderbar miteinander. Sie waren als Kinder ziemlich überzeugend, und ihre Kapriolen wurden mit einigem Gelächter der jüngeren Zuschauer quittiert, besonders, wenn Hänsel seine Zunge herausstreckte. Die Mutter, in deren Rolle Miriam Gordon-Stewart kurzfristig geschlüpft war, klang eher wie ein Wagnersopran (ich fand später heraus, dass sie tatsächlich schon die Sieglinde gesungen hatte), und in der Rolle des betrunkenen Vaters war Markus Brück so beeindruckend wie eh und je, wenngleich er nur mit Unterbrechungen hörbar war, als er seine ersten Zeilen hinter der Bühne sang.

Ein pantomimisches Element brachte die Entscheidung, die Hexe als Drag-Partie zu gestalten. Jörg Schörner gab dabei alles, schnitt Grimassen und lachte angemessen böse; er spielte seine Rolle sogar während des Applauses und wählte einen etwas dürren Klang, wie es oft in Charakterrollen getan wird (denken Sie nur an Mime in Siegfried). Der Kinderchor am Ende war sicher, mit der üblichen Mischung von theatralischen Fähigkeiten. Vielleicht hat der Anblick von Gleichaltrigen, die auf der Bühne singen, einige der jüngeren Zuschauer dazu inspiriert, selbst aktiv zu werden – wäre das nicht ein märchenhaftes Ende?

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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