In diesem Monat erkunden wir die Welt der Lieder. Was macht ein gutes Programm aus? Wie sollte ein Publikum an ein Lieder-Recital herangehen? Wir sprechen mit den führenden Vertretern des Kunstliedes von heute, um einen Einblick in eine Welt zu bekommen, die für den Hörer manchmal schwer aufzubrechen ist. Bariton Roderick Williams ist ein führender Liedersänger und Stammgast in der Londoner Wigmore Hall. Im Februar gibt er sein Nordamerika-Recitaldebüt mit einer einzigartigen Vorstellung von Schuberts Schwanengesang in der New Yorker Park Avenue Armory.

Roderick Williams © Benjamin Ealovega
Roderick Williams
© Benjamin Ealovega

Bachtrack: Anhand welcher Kriterien stellen Sie ein Programm für einen Liederabend zusammen?

Roderick Williams: Es gibt so viel wunderbares Repertoire, wo soll man da anfangen? Oft wird der Konzertveranstalter ein Thema vorschlagen, das zu einem Festivalprogramm passt, vielleicht das Jubiläum eines Komponisten oder Musik aus einem bestimmten Land oder einer bestimmten Epoche. Vielleicht bietet die Natur des Veranstaltungsortes selbst ein Thema an; bei Konzerten in Stratford-upon-Avon zum Beispiel bietet sich ein Shakespeare-Programm an, oder ein Ort an der Küste könnte zu einem Programm mit Meeresliedern führen. Es ergibt Sinn, irgendeine Art von Verbindung zu finden, einen Aufhänger für das Programm. Ich glaube, das ist zufriedenstellender für alle Beteiligten, als einfach eine Liste von aktuellem Repertoire, in dem die Lieder keine Verbindung haben außer der, dass sie für Bariton geschrieben wurden. Ich könnte mich auf einen bestimmten Dichter konzentrieren, was mir die Gelegenheit gibt, ein Programm mit verschiedenen Komponisten zusammenzustellen. Manchmal gibt mir allein die Entscheidung, in einer Sprache zu singen – französische Lieder zum Beispiel – einen guten Grund, mein Lieblingsrepertoire aus dieser Gattung auszusuchen.

Welchen Rat würden Sie Zuhörern geben, für die Lieder neu sind, um ihnen den Einstieg ins Repertoire zu erleichtern? Sollten Künstler im Laufe des Recitals mit ihrem Publikum sprechen?

Das sind zwei Fragen in einer. Zu einem Publikum würde ich zunächst einmal dieses sagen: Vielen Dank fürs Kommen! Viele Menschen sind Liederabenden gegenüber etwas skeptisch; ich glaube, ein Liederabend schüchtert viele Hörer ein. Während Kammer- oder Orchestermusik eine „universelle Sprache“ sprechen mag, ist das Lied viel spezifischer, und wenn einen jemand den ganzen Abend auf Tschechisch ansingt und man kein Wort versteht, mag man denken, es war ein vergeudeter Abend! Also, lassen Sie sich nicht davon einschüchtern, dass der Künstler Sie direkt einsieht. Manchmal profitiert auch der Sänger von einem freundlichen Gesicht. Wenn es etwas gibt, das ein Hörer vor dem Recital tun kann, dann ist es, sich die Gedichte anzusehen, egal in welcher Sprache sie geschrieben sind (auch die in der Muttersprache). Es hilft, zu wissen, worum es in einem Lied geht, noch bevor man auch nur einen Ton gehört hat.

Was das Sprechen zum Publikum betrifft, denke ich, dass es für ein Publikum sehr hilfreich ist zu erkennen, dass Künstler auch Menschen sind. Man muss mein Stand-up-Comedian sein, doch die Gelegenheit, ein Publikum sich entspannen zu lassen und ihm einen bestimmten Einblick in die Musik auf dem Programm zu geben, ist eine, die man nach Möglichkeit nutzen sollte. Ich sollte allerdings dazu sagen, dass es für meine Stimme sehr anstrengend ist, zwischen Sprechen und Singen zu wechseln, und während ich ein- oder zweimal am Abend etwas sage, versuche ich jetzt, das so gering wie möglich zu halten.

Roderick Williams © Benjamin Ealovega
Roderick Williams
© Benjamin Ealovega

Wie fühlt es sich an, wenn alle Köpfe im Publikum im Programmheft stecken, um den Text zu verfolgen? Würden Übertitel helfen?

Früher hat es mich ein wenig verunsichert, wenn die Köpfe der Hörer in den Programmen verschwanden, ganz besonders dann, wenn ich englische Lieder vor einem britischen Publikum gesungen habe. Ich dachte, das wäre ein trauriges Zeugnis meiner Artikulation! Wenn ich die Gelegenheit habe, Recitals von anderen Sängern zu hören, bemerke ich allerdings, wie wichtig es ist, ein Gedicht auf dem Papier zu sehen. Man kann die Form und Struktur eines Gedichtes viel eher wertschätzen, wenn man es ansieht, das ist schließlich auch, wie der Dichter erwartet hat, dass es konsumiert würde. Ein Lied ist linear, und das ist nicht immer ein Vorteil. Mir ist bewusst geworden, dass die Hörer diejenigen sind, die dafür bezahlt haben, in meine Recitals zu kommen, und egal wie sie das Konzert erleben möchten, ist es in Ordnung für mich.

Übertitel könnten eine Lösung sein, doch das muss sehr vorsichtig gehandhabt werden. Ich hatte einmal einen großen Bildschirm über und hinter mir, das fühlte sich an wie eine öffentliche Karaoke-Veranstaltung; die einzige Person, die den Bildschirm nicht sehen konnte, war ich. Ich hatte gehofft, dass ich meine letzte mündliche Prüfung mit dem Abschluss hinter mir hatte.

Welche Vorteile hat das Liedpodium im Vergleich zur Opernbühne?

Auf der Opernbühne hat man einen Dirigenten und einen Regisseur und man muss nach deren Pfeife tanzen. Es ist ihrer beider Show; sie sind verantwortlich dafür, den Abend als Ganzes zu formen, und man selbst spielt eine Rolle dabei. Ein Liederabend andererseits ist eine Zusammenarbeit zwischen Sänger und Pianisten; alles, was man von einem guten Dirigenten und Regisseur lernt, muss man dabei selbst einbringen.

Ich würde auch darauf hinweisen, dass man in einer Oper nur eine Figur sein muss; in einem Recital ist man oft in jedem Lied eine andere Person. Das kann eine Herausforderung sein. In einer Oper ist es auch unwahrscheinlich, dass man sich den ganzen Abend auf der Bühne befindet. Ein Liedprogramm kann im Vergleich erbarmungslos erscheinen; es erfordert wirklich ein ganz anderes Durchhaltevermögen und ein anderes Level von beständiger Konzentration.

Welches Lied singen Sie am liebsten?

Das zu beantworten ist unmöglich. Meine Standardantwort, und das mag sarkastisch klingen, ist diese: das Lied, das ich gerade singe.

In welcher Sprache singen Sie am liebsten?

Jede Sprache hat ihren Reiz. Ich liebe es, für ein englischsprachiges Publikum auf Englisch zu singen, besonders, wenn es das Vorurteil hat, dass das Kunstlied per Definition Deutsch sein muss. Dass Licht der Erkenntnis in Höreraugen aufleuchten zu sehen, ist wunderbar. Aber Englisch ist nicht immer die beste Sprache für reinen Gesang. Italienisch besitzt weniger Diphthonge, die man bewältigen muss; das werden alle Sänger sagen. Doch der Klang des Italienischen, Französischen, Deutschen, Russischen... selbst des Elfischen, all diese Sprachen haben ihre einzigartigen Qualitäten, wie sie sich im Mund anfühlen, auf der Zunge. Ich bin nur unendlich froh, dass ich mich mit Worten befasse, wenn ich Musik mache.

 

Haben Sie einen Pianisten, mit dem Sie oft in Recitals zusammenarbeiten? Was sind seine/ihre besten Eigenschaften?

Ich habe eine lange Liste an Pianisten, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite, und viele mehr, mit denen ich mehr machen möchte. Ich liebe, was jeder von ihnen mitbringt. Es ist besonders bereichernd, das gleiche Lied mit verschiedenen Pianisten zu singen; manchmal sind die Unterschiede sehr subtil, manchmal sind sie riesig. Aber es ist immer eine Gelegenheit für mich, etwas Neues zu lernen.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.