Das auffälligste Merkmal der Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs liegt darin, dass sie doppelchörig angelegt ist. Doppelchörig meint nicht nur, dass hier zwei Chöre mitwirken, sondern es gibt auch zwei Orchester und zwei Continuo-Gruppen. Zudem fordert die Partitur auch für die zur kommentierenden Schicht zählenden Sopran-, Alt, Tenor- und Bassarien je zwei, also insgesamt acht Solisten. Will man diese Anlage als Veranstalter eins zu eins umsetzen, sieht man sich mit etlichen räumlichen, personellen und finanziellen Problemen konfrontiert.
Die Probe aufs Exempel machte die Hochuli Konzert AG in ihrer Neuen Konzertreihe Zürich, die Chor und Orchester des Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe zu einem Konzert in die Tonhalle Zürich einlud. Das Experiment ist, was den künstlerischen Teil betrifft, voll aufgegangen. Auf dem ausreichend breiten und tiefen Podium des Konzertsaals positionierte Herreweghe das Orchester I und den Chor I auf der linken, Orchester II und Chor II auf der rechten Seite, die Choristinnen der Cantus-Firmus-Gruppe dagegen in der Mitte. Mit Ausnahme des Evangelisten und der Jesus-Rolle sangen alle Solistinnen und Solisten auch in einem der beiden Chöre mit und waren somit klar als Zugehörige der einen oder der anderen Gruppe zu identifizieren.
Die konsequent realisierte Doppelchörigkeit erzeugt zunächst einmal eine raffinierte stereophone Wirkung. Dies hatte schon Bach im Sinn, platzierte er doch seine Mitwirkenden bei der Aufführung der revidierten Fassung der Matthäus-Passion in der Karfreitagsvesper 1736 vermutlich so, dass Chor und Orchester I auf der Hauptempore, Chor und Orchester II dagegen auf der (heute nicht mehr bestehenden) Schwalbennestempore musizierten. Darüber hinaus aber zielt Bach mit der Doppelchörigkeit auf einen theologischen Aspekt: Die handelnden Personen und die dem Geschehen Nahestehenden gehören zum Chor I, die Entfernteren, Fragenden und Kommentierenden zum Chor II. Dieser Aspekt kann gleich beim Eingangschor bemerkt werden. Die Worte „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ werden vom ersten Chor vorgetragen, die Fragen „wen“ und „wie“ dagegen vom zweiten.
Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent, die schon seit 55 Jahren miteinander musizieren, gehören zu den Legenden der historisch informierten Aufführungspraxis und setzen bis heute Maßstäbe. Der mittlerweile 78 Jahre alte belgische Dirigent muss inzwischen niemandem mehr etwas beweisen. Er dirigiert mit spärlichsten Bewegungen und kann darauf vertrauen, dass seine Musiker alles in seinem Geiste umsetzen. Große Unterstützung bieten ihm dabei seine beiden Konzertmeisterinnen Christine Busch und Maria Roca.
Interpretatorisch setzt der studierte Psychiater Herreweghe nicht in erster Linie auf Dramatik, sondern auf die inneren Vorgänge, was sich insbesondere in den vom Textdichter Picander verfassten Arientexten bemerkbar macht. Zwar lässt der Dirigent die Volkschöre durchaus mit Heftigkeit und Leidenschaft musizieren. Doch die großen Eingangs- und Schlusschöre klingen unter seiner Leitung ganz natürlich und ungezwungen. Stellvertretend sei hier der Schlusschoral des ersten Teils, „O Mensch, bewein’ dein Sünde groß“, erwähnt. Bei den Chorälen achtet Herreweghe durchaus auf Affekt und Textgehalt, übertreibt es dabei aber nicht.
Unter den Solisten gehört die Palme dem britischen Tenor Guy Cutting in der Evangelistenrolle. Seine elastische Stimme erlaubt ihm die feinsten Schattierungen der Klanggebung und eine rhetorische Gestaltung des Evangelientexts, die an gewissen Stellen in schiere Ergriffenheit umschlägt. Eine unglückliche Besetzung ist der Bass Florian Boesch, der die Jesusrolle als polternder Machtmensch wiedergibt. Bei den acht Solisten der Arien besteht das Problem darin, dass sie sehr durchzogene sängerische Qualitäten haben. Alex Potter, der die Altus-Arien singt, begeistert mit einer sensationellen Darstellungsgabe, stellt dabei aber die anderen Solisten klar in den Schatten.
Eines der jungen Talente ist der deutsche Bassbariton Florian Störtz, dem die letzte Arie der Matthäus-Passion zufällt. Im Anschluss an den Evangelienbericht von Joseph von Arimathia, der von Pilatus den Leichnam Jesu erbittet, singt er mit jugendlicher Empathie die Weise „Mache dich, mein Herze, rein, ich will Jesum selbst begraben“. Der Sänger gehört dem ersten Chor an und wird vom Orchester I begleitet. Theologisch ausgedrückt: er bleibt nicht nur Betrachter des Geschehens, sondern ist ein Mitwirkender desselben geworden.
