Zwei Ereignisse vor hundert Jahren haben bis in unsere Gegenwart gewirkt: zum einen die Gründung der Weimarer Republik mit ihrer demokratischen Verfassung, zum zweiten die des Bauhauses mit seiner zukunftsweisenden Ästhetik. Beides gab der Intendant des Stuttgarter Balletts, Tamas Detrich, drei Choreographen als Anregung für neue Arbeiten auf den Weg. So entstand der Ballettabend Aufbruch.

<i>Revolt</i> © Stuttgarter Ballett
Revolt
© Stuttgarter Ballett

Und beide Anregungen griff die Holländerin Nanine Linning in ihrer neuesten Choreographie auf, wenn auch nur in Ansätzen. Das Bauhaus mit seinen klaren Formen findet sich im Bühnenbild wieder, das die Choreographin zusammen mit Ingo Jooß kreiert hat: ein kräftig leuchtendes dunkles Blau – nicht gerade das des Yves Klein, aber auch aseptisch in seiner Ästhetik. Die Politik findet sich im Inhalt des Balletts, denn auch wenn die neue Republik Frauen das Wahlrecht gab und dem Volk die Wahl des Parlaments, so erhebt sich doch die Frage, was eine Republik ausmacht: Die Freiheit des Einzelnen gewiss, aber auch die Notwendigkeit der Gemeinsamkeit, und so kreist die ganze Choreographie um das Verhältnis von Individuum und Gruppe, man könnte auch sagen Masse. Da sieht sich ein Tänzer einer geschlossenen Gruppe gegenüber; das kann Schutz bedeuten, kann aber auch Gefahr und Bedrohung sein – beides findet sich in den Bewegungsabläufen. Treffen zwei Gruppen aufeinander, ist der Antagonismus bereits im Keim angelegt, und so lösen sich immer wieder Gruppen auf der Bühne ab, indem die eine die andere verdrängt.

<i>It.Floppy.Rabbit</i> © Stuttgarter Ballett
It.Floppy.Rabbit
© Stuttgarter Ballett

Das alles geschieht hoch ästhetisch mit den Mitteln des ausdrucksstarken modernen Tanzes. Und wie es für eine Gruppendynamik typisch ist, finden sich auch immer wieder Anführer, die aus der Gruppe heraustreten und fortan die Richtung angeben. Das kann mal harmonisch siegreich wirken, aber auch fast martialisch kriegerisch aussehen, wenn die Tänzer mit Masken auftreten und in Röcken, die an die Kleidung der Samuraikrieger erinnern. Nur eine, die grandiose Angelina Zuccarini, darf Gesicht zeigen, rückt an die Spitze vor und führt die Gruppe schließlich in die Freiheit von Gruppenzwang und Vermummung. Revolt heißt das Stück denn auch, nicht Aufbruch in die Zukunft oder gar Weg zur Freiheit. Das Ballett zeigt keine Zukunftsperspektiven auf, insofern ist seine Botschaft zwiespältig. Der Kampf gegen andere, so scheint es, zieht sich wie ein Gesetz durch das gesellschaftliche Zusammenleben, ob vor hundert Jahren oder heute, anno 2019. Das glückt nicht immer perfekt, zumal die Musik von Michael Gordon in minimalistischer Manier häufig auf der Stelle tritt, ist aber aufwühlend und stimmt nachdenklich.

<i>It.Floppy.Rabbit</i> © Stuttgarter Ballett
It.Floppy.Rabbit
© Stuttgarter Ballett

Diese nachhaltige Wirkung hat das Stück von Katarzyna Kozielska nicht. Für ihr Ballett ist das Bauhaus prägend. Gleich zu Beginn bringt sie es buchstäblich auf die Bühne in Gestalt einer Wagenfeld-Leuchte, deren Schirm wie ein Hut von einer Tänzerin getragen wird. Das ist witzig, und Witz zieht sich durchaus durch das ganze Stück. So wird eine Tänzerin mit dem Kopf voran in eine Wandkulisse gesteckt, die Beine schauen abgespreizt heraus, und ein Videofilm zeichnet zu den Beinen den Körper einer jener Figuren, aus denen Oskar Schlemmers Triadisches Ballett besteht. Von diesem Ballett könnten auch Passagen inspiriert sein, in denen die Tänzer eher abgehackte, marionettenhafte Bewegungen ausführen. Sie können aber auch an die roboterhaften Bewegungen erinnern, wie sie Charlie Chaplin in seinem Film Modern Times entwickelt hat, denn nicht alles, was die Choreographin auf die Bühne bringt, leitet sich vom Bauhaus ab. Das Ballett wirkt eher wie eine Revue zu den Zwanziger Jahren. Die Tänzerinnen tragen Bubikopffrisuren, die Kleider sind kurz wie beim Charleston. Es finden sich auch Anklänge an den Tanz einer Josephine Baker – alles in kurzen Szenen angetippt und rasant über die Bühne gebracht. Ob man darin den Aufbruch erkennen kann, den der Titel des ganzen Abends verspricht, bleibt jedem überlassen. Eine ästhetisch reizvolle Choreographie, die in ihrer Reihung jedoch eher episodisch bleibt, vielleicht auch ein wenig willkürlich wie der Titel: It.Floppy.Rabbit, der während der Proben aus Zurufen der Tänzer entstand.

<i>Patterns in 3/4</i> © Stuttgarter Ballett
Patterns in 3/4
© Stuttgarter Ballett

Episodisch könnte man auch Edward Clugs Patterns in 3/4 nennen, denn in Kurzszenen jagt er seine Tänzer über die Bühne. Doch alle diese äußerst witzigen Szenen fügen sich faszinierend zu einer Einheit zusammen. Es ist ein Spiel, das von den Bauhausmeistern hätte erfunden sein können. Da werden Bewegungen in Einzelteile zerlegt und dann wieder zusammen gesetzt. Es wirkt, als dekliniere Clug hier den menschlichen Bewegungsapparat durch. Das wirkt manchmal slapstickhaft, ist aber stets raffiniert konzipiert und durchdacht. Eines ergibt das nächste. Wenn er dann L-förmige Kulissenteile über die Bühne wandern lässt, die die Tänzer mal verstecken, mal in Einzelteile wie Arme, Beine oder gar Köpfe sezieren, dann setzt sich dieser Gedanke der Grammatik des Lebens fort am Körper eines Menschen. Perfekter kann eine solche Choreographie nicht mehr gestaltet werden, ein Meisterwerk von einer knappen halben Stunde.

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