Noch sind die Klänge des Vorabends im Ohr, da wartet schon das nächste Konzert mit dem Chiaroscuro Quartet, Anne Katharina Schreiber, Jonathan Cohen und Kristian Bezuidenhout, ergänzt um die Präsidentin der BTHVN Woche selbst, Tabea Zimmermann, die in ihrer letzten Programmleitung dafür verantwortlich zeichnet, die Kammermusik des großen Jubilars in interpretatorischen Blöcken à 4 an jeweils vier aufeinanderfolgenden Tagen über drei Wochen zu präsentieren. Beim dritten dieser Blöcke und der zehnten Soirée des Festivals des Bonner Beethoven-Hauses war somit nicht allein ein natürlicher Anknüpfungspunkt hinsichtlich der Aufführenden gegeben, sondern der beinahe nahtlosen Genusshaftigkeit und Varianz.

Kristian Bezuidenhout © Marco Borggreve
Kristian Bezuidenhout
© Marco Borggreve

Stand tags zuvor alles in Dur, erkundeten die Interpreten Beethoven nun in Moll. Und zwar ausschließlich in c-Moll, was der Vielseitigkeit gerade keinen Abbruch tat, ihr stattdessen nämlich vielmehr Rechnung trug. Zum Vorschein kam damit das sowohl lyrisch Sehnsuchtsvolle als auch das drängend Dramatische in kompakter Fülle, beides einerseits mit weicherem Ton, andererseits mit stürmischen Forte-Akkorden von Schreiber im Allegro con brio des Trios Op.1 Nr.3 über Bezuidenhouts Hammerfügel-Girlanden versehen. Diese heizten im auch hier dynamisch kontrastschweifenden Extrem von mal sehnig, mal geheimnisvoll so gemütsaufgebracht ein, dass bevor es überhaupt zu gemütlich werden konnte die bekannten abrupten Wechsel lockend riefen „komm' doch, komm nur!“. Mit solch unverwechselbar gestrichener Betonung und Phrasierung ging der Pianist zudem das Variations-Andante an, das von der organischen, farblichen, eleganten und unaufgesetzten Bildlichkeit sowie Ideenbreite auflebte. Schreiber und Cohen zogen wunderbar nach, ehe sie ein fröhlich-flottes, mitnehmendes Tänzchen des Flügels bezupften. Lieferte das Menuetto mit seinen vielen dynamischen Akzentdrehungen und voluminösen Brausern über der Klaviatur einen kecken, wirren Vorgeschmack auf das Prestissimo, offenbarte das Trio in fulminanter Meisterlichkeit wüste, spannende Exzentrik tangohafter Leidenschaft, deren Emotionen nach durch Grübelpausen unterbrochenen steten neuen energischeren Anfällen in finaler Ermattung einfühlend versiegten.

Noch drängendere Wucht stieß mit der Viola-Präsenz Zimmermanns im Streichtrio Op.9 Nr.3 dazu, dessen Ton Schreiber beflügelte und im Dreierbündnis ein derart gebanntes, gemeinsam betontes Ziehen ergab, dass die krachenden Akkorde, das sanfte Volkstümliche oder gegenläufige, kleine Amüsements in fesselnde Lebendigkeit zogen. Dabei agierte die Violine auch mal auffällig kratziger, kleinere technische Eintrübungen flossen dazu ein, die in den theatralischen Ausbrüchen des gefühlvollen, tragik-komischen Scherzo abermals auftauchten, wenn doch mit willig-unwilligen Bögen wie Faustschläge auf den Tisch gehauen wurde. Im vorangehenden Adagio con espressione hatte Zimmermann das Seelen-Flair mit leichter, luftdurchzogener rechter Hand gesetzt, weich und voll kitzelte der Klang melodische Tränen, denen Cohen dunklere Seufzer anheim stellte. Im Schlusssatz trieb Beethoven Verlangen und herzrasendes Umhergehen dann auf die Spitze, sodass die Tremoli und die akzentuierten Grübchen der Gedanken bei den Musikern passend wühlend gespielt wurden.

In der Kiste der passionierten Auseinandersetzung wühlte anschließend das Duo Schreiber/Bezuidenhout weiter, als der Hammerflügel neben klassisch liedhaften Melodieformen im Dunkeln grummelte und rigoros bebte, während die Geige in der Sonate Op.30 Nr.2 im Hohen knirschend nachdrücklich mit sich rang. Folgte der mit luzidem Sehnsuchtssprech versehenen, anrührig-klaren Romanze im obligatorischen Scherzo die andere, punktierte, synkopisierte, vorschlags- und trillerbespaßte Seite des springenden, greifbar triumphalen Herzens, befeuerte vor allem Bezuidenhout im Finale dieses Gefühlspaar. Furios ließ er den Emotionen freien Lauf, in denen Schreiber nochmals kurz pfiff, ehe beide in der Schlusscoda als vermeintliche Helden auf dem Vulkan ritten. Es war ein Appetizer für das, was einen mit dem Chiaroscuro Quartet, das anstatt von Notenpapier einheitlich von Pads spielte, noch im berüchtigten Op.18 Nr.4 erwarten sollte: ein wahrliches Flammenschlagen, ein bissig-packender Stierkampf der Gemütszustände mit vollem Körpereinsatz bei Alina Ibragimova und Pablo Hernán Benedí samt merklich charmanten Abkühlern. So das neckisch-filigrane, schelmisch-freudige Wanzen und Wuchern im alten Stil des zweiten Satzes. Lugte dies Vertreiben sodann aggressiver hervor, faszinierte das vielseitige Gewinde in der agogisch verspielten Prestissimo-Wilderei mit teufelsgeigerischen Ausflüchten.

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