Mit spannendem Bühnenbild und gerissener Personenführung schafft die neue Dresdener Produktion der deutschesten aller Opern, Webers Freischütz, den Spagat zwischen Tradition und Kitsch.

Sara Jakubiak (Agathe), Christina Landshamer (Ännchen) und Michael König (Max) © Matthias Creutziger | Semperoper Dresden
Sara Jakubiak (Agathe), Christina Landshamer (Ännchen) und Michael König (Max)
© Matthias Creutziger | Semperoper Dresden

Regisseur Axel Köhler lässt die Handlung nicht während des Dreißigjährigen Krieges, dafür aber während eines jüngeren Krieges (Zweiter Weltkrieg?) spielen. Das Bühnenbild (Arne Walther) zeigt eine Art typische deutsche Wirtschaft, die vom Krieg gezeichnet ist. Trotz traditioneller Kostüme (Katharina Weissenborn) hat man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, bei Sound of Music oder im Weissen Rössl gelandet zu sein. Köhler gestaltet eine Landhausidylle mit Wald vor der Türe, doch die Stimmung ist drückend, selbst in den ausgelassenen Szenen, und spiegelt das Trauma der Bevölkerung. Trotz des großen Aufbaus enstehen keine langen Pausen, geschickte Lösungen für die Szenenwechsel halten die Aufmerksamkeit des Zuschauers.

Im Graben müssen Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden den Vergleich mit Carlos Kleibers Referenzaufnahme aus 1973 nicht scheuen. Schon in der Ouvertüre bringt Thielemann gekonnt die vielen kleinen versteckten Details der Partitur zu Gehör; das Orchester folgt seinen Anweisungen äußerst virtuos und zeigt einmal mehr, dass es ein Orchester von höchstem Rang ist. Auch der Sächsische Staatsopernchor kann in den vielen Chorszenen auftrumpfen und gibt selbst den bekanntesten Musiken etwas Frisches, das sie zu einem wahren Ohrenschmaus macht.

Auf der Bühne brillierten vor allem Sara Jakubiak als Agathe, Christina Landshamer als Ännchen, Michael König als Max und Georg Zeppenfeld als Kaspar. Jakubiak sang wunderbar wortdeutlich und zeigte ihren klangschönen Sopran, der in allen Lagen mit samtenem Timbre und makelloser Technik überzeugen kann. In der Rolle des kecken Ännchens legte Landshamer nicht nur ihren äußerst beweglichen, soubrettenhaften Sopran, sondern auch ihre ausgeprägte Spielfreude an den Tag. Ihre technisch unheimlich fordernden Arien waren nicht zuletzt wegen ihrer überzeugenden Rollengestaltung ein Genuss für Ohr und Auge.

Georg Zeppenfeld (Kaspar) © Matthias Creutziger
Georg Zeppenfeld (Kaspar)
© Matthias Creutziger
Die Partie des Max passte perfekt zu den stimmlichen Vorzügen Michael Königs. Sein im Klang sehr jugendlicher, aber trotzdem sehr kräftiger Tenor kam in dieser Rolle voll zur Geltung, und König unterstützte den enormen Kontrast zwischen lyrischen liedhaften Teilen und Stellen voller Verzweiflung mit ausgezeichnetem Spiel. Gleiches gilt für den Publikumsliebling Dresdens Georg Zeppenfeld in der Rolle des Kaspar, dessen düster abgründigen Charakter Zeppenfeld mit seinem dunkel gefärbten, kräftigen Bass ausgezeichnet auszufüllen wusste. Mephisto gleich verdarb er Max‘ Sinn und schuf nicht nur stimmlich einen wahrlich verabscheuungswürdigen Bösewicht. Ebenfalls stimmlich stark, doch oftmals zu heftig in der Phrasierung verblieb lediglich Albert Dohmens Darstellung als Kuno etwas im Schatten.

Ein Highlight aus dramaturgischer Sicht war der Jägerchor im zweiten Akt. Wider die eigentliche Disposition in der Partitur wurde dieser nämlich als Lied samt Kinderspiel zu Ehren des Fürsten inszeniert. So sangen also die Herren des Chores, während eine Kindergruppe das Leben der Jäger auf der Jagd darstellte. Während die Knaben in Jägerkleidung und mit Holzgewehren ausgestattet die Jäger spielten, fungierten die jungen Mädchen mit Tierattributen als Wild, das von den Jägern geschossen wird. Eine äußerst reizende Idee, die den jungen Statisten einen besonderen Ehrenapplaus bescherte.

Ebenso beeindruckend wurde die Wolfsschlucht-Szene inszeniert, wenngleich diese auch mit etwas weniger Gewalt überzeugend gewirkt hätte: Eindrucksvoll in Szene gesetzt mit einer dunklen, von Leichen (die im späteren Verlauf wie durch Geisterhand in der Luft hängen) übersäten Waldszenerie schuf sie eine wahrlich deprimierende, angsteinflößende Atmosphäre. Mit verschiedenen Projektionen auf die Szenerie wurde diese Stimmung nochmals intensiviert

Diese Produktion der Semperoper ist zwar traditionell, und doch auch innovativ. Mit gekonnter Regiearbeit ist der neue Freischütz eine rundum aufregende Erfolgsproduktion, bei sowohl inszenatorisch als auch stimmlich Feinstarbeit geleistet wurde, die sich in der prachtvollen Gestaltung des Werks widerspiegelt.