Mit Trump habe das Motto des diesjährigen Musikfestivals nichts zu tun. In einem Interview erklärt Sebastian Nordmann, der neue Intendant des Lucerne Festival, die Eckpunkte des Programms hätten schon vor dem Amtsantritt des jetzigen Präsidenten bestanden. Anlass für das Motto „American Dreams“ böte vielmehr der 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Und nebenbei wollte sich Nordmann mit diesem Motto auch ein bisschen von seinem Vorgänger Michael Haefliger absetzen.

Riccardo Chailly und Frank Dupree mit dem Lucerne Festival Orchestra © Priska Ketterer | Lucerne Festival
Riccardo Chailly und Frank Dupree mit dem Lucerne Festival Orchestra
© Priska Ketterer | Lucerne Festival

Traditionellerweise wird das Sommerfestival mit einem Konzert des Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung seines Chefdirigenten Riccardo Chailly eröffnet. Nach Grußworten von Nordmann und Stiftungsratspräsident Markus Hongler kam Bundespräsident Guy Parmelin in einer launigen Rede, nicht ohne Anspielungen auf aktuelle politische Verwirrungen, auf das Verhältnis Schweiz-Amerika zu sprechen und betonte unter anderem die gemeinsame demokratische Tradition beider Länder.

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Musikalisch stellte das Eröffnungskonzert gleich drei bedeutende Exponenten der US-amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts zur Debatte, wenngleich mit unterschiedlicher Gewichtung. Schon vor den Reden erklang Steve Reichs New York Counterpoint in der Fassung für elf Klarinetten, dirigiert von Nina Haug, einer Teilnehmerin des Contemporary-Dirigierkurses. Mit seinem Ansatz „Immer das Gleiche und doch nie Dasselbe“ repräsentiert das kurze Stück die typische Ästhetik der Minimal Music, einer genuinen amerikanischen Erfindung.

Nina Haug dirigiert Steve Reichs <i>New York Counterpoint</i> &copy; Priska Ketterer | Lucerne Festival
Nina Haug dirigiert Steve Reichs New York Counterpoint
© Priska Ketterer | Lucerne Festival

Maestro Chailly widmete sich dann im Hauptprogramm George Gershwin, einem der bekanntesten amerikanischen Komponisten des letzten Jahrhunderts. Dass die zuerst vom Festival-Orchester gespielte Cuban Overture nur zehn Minuten dauerte, war schade. Denn die Musiker interpretierten die mit kubanischen Rhythmen durchtränkte und mit Perkussionsinstrumenten aufgepeppte Komposition in mitreißender Art. Zum Hauptstück und Höhepunkt des Abends wurde aber Gershwins Concerto in F. Bei dem ein Jahr nach der Rhapsody in Blue komponierten Stück hat der Komponist den Orchesterpart, im Unterschied zum Vorgängerwerk, selber instrumentiert. Und stärker als beim Vorgängerwerk verbindet Gershwin die Jazz- und Broadway-Elemente mit dem symphonischen Idiom.

Frank Dupree &copy; Priska Ketterer | Lucerne Festival
Frank Dupree
© Priska Ketterer | Lucerne Festival

Der 34 Jahre alte deutsche Pianist Frank Dupree, der vor seiner Klavierkarriere eine Ausbildung als Jazz-Schlagzeuger absolviert hatte, war für die Interpretation des Soloparts eine ideale Besetzung. In den vielen solistischen Passagen genoss er alle Freiheiten und begeisterte mit einem elektrisierenden Spiel. Und bezüglich des Orchesters musste man nach der Cuban Overture auch keine Bedenken tragen, dass ihnen dieser Stil nicht liegen würde. Richtig „klick“ machte es bei mir während der Orchestereinleitung des zweiten Satzes, wo die Bläser, unter Anführung der Trompete, miteinander wie bei einer Jam Session musizierten. Im dritten Satz schaukelten sich Solist und Orchester gegenseitig hoch und brachten den Drive der Musik wirkungsvoll zum Klingen. Die anschließende Zugabe mit dem Stück Mambo aus Bernsteins West Side Story löste im Publikum einen wahren Begeisterungssturm aus.

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Riccardo Chailly dirigiert das Lucerne Festival Orchestra &copy; Priska Ketterer | Lucerne Festival
Riccardo Chailly dirigiert das Lucerne Festival Orchestra
© Priska Ketterer | Lucerne Festival

Leider fiel der zweite Teil des Abends von der Spannungskurve her massiv ab. Die dargebotene Symphonie Nr. 1 in d-Moll von Charles Ives präsentierte zwar einen weiteren bedeutenden Komponisten aus den USA, dem sogar der Beiname „Vater der amerikanischen Musik“ angehängt wurde. Doch unter seinen sechs Symphonien ist die Erste die uninteressanteste: Ein epigonales Schülerwerk, das unter dem Einfluss von Ives’ Lehrer Horatio Parker entstanden ist und dessen Vorliebe für die europäische Romantik widerspiegelt. So klingt denn in der 40-minütigen Symphonie kaum etwas Amerikanisches an. Eine erklärungsbedürftige Wahl also für das Finale des Eröffnungsabends der Luzerner Amerika-Festwochen. Immerhin konnte man sich an einer glänzenden Interpretation der Symphonie freuen. Denn das Lucerne Festival Orchestra, 2003 von Claudio Abbado und Michael Haefliger gegründet, vereinigt die Crème de la Crème von Musikern aus den europäischen Spitzenorchestern, die teilweise schon seit Langem jeden Sommer nach Luzern kommen. Chailly hat es auch diesmal geschafft, diese hochkarätige Truppe zu einer harmonischen Einheit zu verschmelzen. 

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