Wird es zu einer Mode unter den Pianisten, unabhängig voneinander entstandene Werke ohne Pause aneinander zu reihen und dadurch Zusammenhänge zu bilden, die mit den Stücken selbst kaum etwas zu tun haben?

Leif Ove Andsnes
© Helge Hansen | Sony Music Entertainment

Der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes setzte in seinem Klavierabend in Berliner Philharmonie ein Triptychon aus Alexander Vustins Lamento, Janáčeks Klaviersonate 1.X.1905 und Valentyn Silvestrovs Bagatelle an den Anfang. Doch so anrührend er in Vustins Lamento dem Klavier die Töne einer Flöte entlockte, die Vogelgesang am Grab imitiert, so überzeugend er in Janáčeks Sonate mit den Arpeggien des Hauptthemas zunächst eine bedrohliche Todesahnung aufkeimen ließ und im zweiten Satz erst den Schuss aus dem Bajonett nachahmte, dann den Mord an dem Arbeiter in einem Trauermarsch beklagte, und mit welch’ liebenswürdiger Eleganz er schließlich Silvestrovs Bagatelle als Trostlied spielte – den Hörern und Hörerinnen wurde damit kein Gefallen getan. Zu unbekannt sind ihnen wohl diese Werke, als dass sie zuordnen könnten, wann sie im nächsten Stück angelangt waren. So wäre es wohl besser gewesen, deutliche Pausen zwischen die Stücke zu setzen und möglichen Zwischenbeifall abzuwinken, wenn er denn stören sollte.

Dennoch soll, unabhängig von diesem grundsätzlichen Einwand, lobend hervorgehoben werden, dass Andnes nicht allein mit großer Intensität Klangfluten zu entfalten wusste, ohne allein mit brutaler Wut in die Tasten zu schlagen, um das Entsetzen sinnloser Gewalt zu Gehör zu bringen, sondern dass er mit kluger Phrasierung die aufgewühlte Sonate Janáčeks so zu gliedern wusste, dass ihre Form beim Hören nachvollzogen werden konnte.

Dann gab es eine Zäsur und es kam eine völlig andere Musik zu Gehör: Beethoven As-Dur-Sonate, Op.110. Andsnes überzeugte hier mit makellosem Spiel und gestaltete die Form sinnvoll durch Agogik– etwa als er in der Reprise des Kopfsatzes an der Stelle, wo Beethoven das Thema abweichend von der Exposition in tiefe Regionen der Tonart abtauchen ließ, zu Recht leicht das Tempo verzögerte, obwohl es nicht in den Noten steht. Das Tempo des Anfangs erreichte er erst wieder, als auch die Musik wieder nach As-Dur zurückgefunden hat.

Wer aber früher Brendel oder vor zwei Jahren Levit mit dieser Sonate gehört hat, der vermisste in dieser Makellosigkeit manches – etwa, dass im zweiten Satz heftige Konflikte hervorbrechen, die nicht danach verlangen, im Wohlklang geglättet zu werden. In der Fuge gelang es Andsnes hingegen in der Art eines Regisseurs des Notentextes, eine Wende einzuläuten, wenn er, nachdem das Fugenthema dreimal in Umkehrung erklungen war, das nun vergrößerte Thema im Bass wie einen Triumph über alles Bisherige hervortreten ließ.

Während der Pandemie hatte Andsnes, wie er im Programmheft schreibt, endlich Zeit gefunden, um sich Dvořáks „sträflich vernachlässigte“ Poetische Stimmungsbilder anzueignen, die auch ich, der nun nicht wenige Klavierabende in seinem Leben besucht hat, zum ersten Mal hören durfte. Er erfüllte den Wunsch des Komponisten, den vollständigen Zyklus zu spielen und nicht nur einzelne Nummern daraus.

Besonders gut gelangen ihm dabei die glitzernden Passagen, die in den Nächtlichen Weg im staccato ein flackerndes Licht brachten. Hier konnte er seinen perlenden Anschlag in den Dienst des Komponisten stellen. In dem Stück Auf der alten Burg ließ er Archaismen im Stil Debussys dunkel hervortreten. Das Klagende Gedenken erinnerte unter seinen Fingern fern an eine Chopin-Mazurka. Im vorletzten Stück Am Heldengrabe ließ er den Flügel wie in einer symphonischen Dichtung zum großen Orchester werden. Im Furiant griff er nicht allein mit wildem Ungestüm in die Tasten, um Zwei- und Dreivierteltakt miteinander streiten zu lassen, sondern kostete mindestens ebenso die raffinierte Chromatik aus, und in der Bacchanale brachte er einen Betrunkenen in schwankenden Rhythmen auf die imaginäre Bühne des Podiums.

Für den herzlichen Beifall bedankte sich der Pianist mit einem Rückgriff auf den Anfang des Abends und spielte Harald Sæverud Ballade vom Aufstand. Ganz so verwegen wollte Andsnes sein Publikum aber offenbar nicht aus dem Saal entlassen und gab ihnen noch Chopins Mazurka cis-Moll, Op.30 Nr.4 auf den Heimweg mit.

****1