Für jeden Konzertliebhaber wird seine Liebe zur Musik momentan auf eine harte Probe gestellt. Seit beinah einem Jahr schon sind Livekonzerte Mangelware und Orchester müssen sich mit meist vorab aufgenommenen Konzerten behelfen. Von diesen sogenannten Streams gibt es mittlerweile sehr viele unterschiedliche Formate. Auf Überraschungen sollte man darum in jedem Fall vorbereitet sein!

Christopher Warren Green
© Ed Beck

Das London Chamber Orchestra feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. In der letzten Woche hat dieses nach eigenen Angaben älteste professionelle Kammerorchester der britischen Insel ein Videokonzert zusammengestellt unter dem Namen Magische Metamorphosen. Auf dem Programm standen eine ungewöhnlich hohe Zahl zeitgenössischer Kompositionen. Wie sich leider jedoch erst während des „Livestreams“ herausstellte, spielte das LCO an diesem Abend nur drei dieser Werke, alles sehr anspruchsvolle Streichorchesterwerke des 20. Jahrhunderts. Zwischendurch präsentierte die Akkordeonsolistin Ksenija Sidorova drei vom argentinischen Tango inspirierte Solostücke von ihrer neuen CD. Außerdem wurde als Pausenprogramm auch das Musikvermittlungsprogramm des LCO vorgestellt und daran teilnehmende Schüler, die virtuell miteinander verbunden zwei Stücke vorspielten. Die unterschiedlichen Abschnitte wurden zwar von Chefdirigent Christopher Warren Green mit charmanten Wortbeiträgen eingeleitet, das Ganze ließ neben einem programmatischen Zusammenhang jedoch auch ein wenig Gespür für die Bedürfnisse des Publikums vermissen.

London Chamber Orchestrs
© Ed Beck

Graham Fitkin hatte 1998 sein 1992 geschriebenes Streichquartett Servant für Streichorchester bearbeitet. Diese Bearbeitung musste von der englischen Performing Rights Society gegen den Willen des Komponisten einen neuen Namen bekommen: Vassal. Es ist ein lebendiges Stück mit einem langsameren Mittelteil, welches trotz aller Beweglichkeit eine serene Ruhe ausstrahlt. Fitkins Musik liegt mit seinen postminimalistischen Harmonien und rhythmischen Verschiebungen gut im Ohr. Die Streicher des LCO spielten engagiert und hatten sichtlich Spaß am Auf und Ab dieser Komposition. Auf seiner visuell sehr ansprechenden Webseite kann man Fitkin beim Komponieren zuschauen und bekommt einen memorablen Eindruck vom Entstehen seiner Partituren.

Das Achte Streichquartett von Dimitrij Schostakowitsch hat der Dirigent Rudolf Barschai kurz nach der Uraufführung für Streichorchester arrangiert. Schostakowitsch hatte es damals einfacher als Fitkin; er soll gesagt haben: „Also, das klingt ja besser als das Original. Wir werden dem Stück einen neuen Namen geben: Kammersymphonie, Op.110a.” Das Quartett voller Zitate aus eigenen Werken hat Schostakowitsch 1960 in Dresden in nur 3 Tagen geschrieben. Die fünfsätzige Komposition klinkt verzweifelt. Der schwermütige Komponist hatte sich damit ein klingendes Grabmal gesetzt, wie er einem Freund gegenüber offenbarte: „Ich dachte darüber nach, dass, sollte ich irgendwann einmal sterben, kaum jemand ein Werk schreiben wird, das meinem Andenken gewidmet ist. Deshalb habe ich beschlossen, selbst etwas Derartiges zu schreiben. Man könnte auf seinen Einband auch schreiben: ‚Gewidmet dem Andenken des Komponisten dieses Quartetts”. Das LCO spielte hier phänomenal mit packender Dynamik und verblüffenden Wechseln zwischen Zartheit und Brutalität.

Christopher Warren Green dirigiert das London Chamber Orchestra
© Ed Beck

Wie vom Konzerttitel her zu erwarten stand auch Richard Strauss' Metamorphosen für 23 Solostreicher auf dem Programm. Vor allem Konzertmeisterin Clio Gould stach dabei mit ihren klangschönen Soli hervor. Die Interpretation des LCO war jedoch nicht so zwingend wie bei den anderen Werken.

Sowohl die Fantasia on Astor Piazzollas „Çhiquilin de Bachin“ von Franck Angelis als auch Chau Paris von Astor Piazzolla sind für Akkordeon und Streicher geschrieben. Sidorova spielte jedoch beide Kompositionen in eigener Bearbeitung nur solistisch. Wie auch bei Sergei Voitenko’s Solostück Revelation überzeugte Sidorova bei ihrem kurzen Recital mit sehr virtuosem und gefühlvollem Musizieren. Auf die nächste echte Zusammenarbeit mit dem LCO muss man hoffentlich nicht allzu lange warten.


Die Vorstellung wurde vom Stream des London Chamber Orchestras rezensiert.

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