Mit Liedern wie Gute Nacht, Der Lindenbaum und Frühlingstraum ist Schuberts Winterreise wohl der am meisten Allgemeingut gewordene Liederzyklus der klassischen Musik. Er ist auch ein Symbol für den klassisch-romantischen Liederabend mit in Stein gemeißelten Interpretationen, sowohl von Künstlern vor als auch hinterm Konzertflügel. Der 2019 verstorbene Dirigent und Komponist Hans Zender stemmte sich gegen diese gutbürgerliche Auffassung von Musik und hatte sich in seinem 1991 herausgegebenen Buch Happy New Ears. Das Abenteuer, Musik zu hören explizit für ein abenteuerlicheres Hören klassischer Musik eingesetzt. Der Zuhörer „kann üben, jeden der ihm begegnenden Klänge in seiner Individualität ernst zu nehmen und aus seinem eigenen Wesen heraus zu verstehen.“

Julian Prégardien, Daniel Cohen und das Ensemble Modern
© Ensemble Modern

Über Schubert weiß man, dass er während der Komposition seiner Winterreise „nur selten und sehr verstört bei seinen Freunden erschien. Die ersten Aufführungen müssen eher Schrecken als Wohlgefallen ausgelöst haben.“ Ausgehend von dieser Entstehungsgeschichte wollte Zender mit seiner komponierten Interpretation für Ensemble und Singstimme „die ästhetische Routine unserer Klassiker-Rezeption,.. durchbrechen, um eben diese Urimpulse, diese existentielle Wucht des Originals neu zu erleben.“ Zender hat mit seinem klingenden Plädoyer offensichtlich beim Konzertpublikum einen Nerv getroffen, denn seit seiner Uraufführung 1993 in Frankfurt am Main vom Ensemble Modern ist Schuberts Winterreise eines von Zenders meistgespielten Werke.

Der israelische Dirigent Daniel Cohen, derzeit GMD des Staatstheaters in Darmstadt begann den Zyklus von 24 Liedern sehr konzentriert mit präzise geschlagenem Dirigat. Die Schritte des Reisenden in winterlicher Schneelandschaft wurden von den Schlagzeugern des Ensembles über Trommelfelle bürstend deutlich hörbar nachgebildet. Desgleichen ließen die sechs Streicher  mit den Hölzern ihrer Bögen auf die Saiten schlagend die Kälte klirren. Von den vielen verschiedenen Instrumenten, vom Rainstick, über zwei Windmaschinen und einer über einen Schlauch geblasenen Harmonika sind vor allem die zwei langen hängenden Holzbalken eindrucksvoll im Gedächtnis geblieben. Von Schlagzeuger Rainer Römer wurden diese wuchtigen Hölzer in Einsamkeit in ganz eigensinnigem Rhythmus wieder und wieder zu resigniertem Klingen gebracht und verstärkten so ganz in Zenders unerhörtem Sinne Schuberts ursprüngliche Atmosphäre von Trauer und Elend.

Julian Prégardien
© Ensemble Modern

Der Frankfurter Tenor Julian Prégardien, der das Werk in der Vergangenheit schon mit dem Klangforum Wien aufgenommen hatte, war in diesem Livestream aus dem Schauspielhaus nicht nur als kammermusikalischer Solist, sondern ebenso auch als partizipierendes Ensemblemitglied zu hören und zu sehen. In vielen Liedern des Zyklus sprach er Teile des Textes mit überzeugendem Ausdruck („Ihr lacht über den Träumer!“). Zender setzt die Wiederholungen zu verschiedensten Zwecken ein. Prégardien scheute dabei nicht den Mut zur Hässlichkeit und rief so die unterschiedlichsten Emotionen im Publikum wach. Die Textverständlichkeit wurde dadurch nie angetastet aber verstärkt, auch der ursprüngliche musikalische Gestus litt nie, sondern bekam oft sogar noch eine viel größere Aussagekraft.

Das groß besetzte Ensemble Modern saß weit auseinander, was das miteinander Musizieren und aufeinander Reagieren sehr viel schwieriger als in normaler Aufstellung machte. Dem Ensemble war von diesen widrigen Umständen aber nichts anzumerken; viele der Musiker spielen bereits mehr als 30 Jahre miteinander und fanden einander dadurch auch über weite Entfernungen beinah blind. Nur bei Der Leiermann konnten die Musiker den genauen Anweisungen der Partitur nicht folgen. Das vorgeschriebene Nacheinander-Aufstehen und spielend die Bühne Verlassen musste leider den derzeitigen Aufführungsregeln zum Opfer fallen.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Ensemble Modern rezensiert.

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