Zweifellos ist der bereits im jungen Alter von 26 Jahren verstorbene Giovanni Battista Pergolesi ein Phänomen. Dies liegt nicht zuletzt an dem Umstand, dass er trotz seiner geringen Lebensspanne ein beachtliches Oeuvre hinterlassen hat. Wenn auch nicht jedem seiner Werke der Status eines unsterblichen Meisterwerks zugeschrieben werden kann, zeugen doch das berührende Stabat mater oder das Intermezzo La serva padrona von einer untrüglichen Meisterschaft in Beherrschung seiner Mittel. Unter seinen opere serie ragt mit Sicherheit Adriano in Siria frei nach Pietro Metastasio heraus, welche nunmehr in einer blendenden Besetzung am Theater an der Wien zu erleben war.

Franco Fagioli © Julian Laidig
Franco Fagioli
© Julian Laidig
Auch wenn das 1734 uraufgeführte dramma per musica trotz luxuriöser Besetzung kein großer Erfolg war, so kann doch von diesem Stück behauptet werden, dass es wie viele Werke von Pergolesi dem emotionalen Gehalten nach den Nerv seiner Zeit trifft. Transportiert wird diese Botschaft vor allem auch durch die ans Phantastische grenzende Virtuosität, die von den Sängerinnen und Sänger erwartet wird – hohe Ansprüche also auch an die heutigen Interpretinnen und Interpreten der Rollen, die sich der Aufgabe mit viel Erfolg stellten.

Glanzlicht des Abends war erwartungsgemäß die Farnaspe-Interpretation von Franco Fagioli dar. Auf den ersten Blick möchte man meinen, dass die Rolle, die für den berühmten Kastraten Caffarelli komponiert worden ist, mit nur drei Arien und einem Duett verhältnismäßig klein ausfällt. Dieser Eindruck täuscht allerdings, wenn man sich vor Augen hält, was diese Rolle vom Interpreten abverlangt: Waghalsige Koloraturen, gewagte Intervallsprünge und viel Ausdruck sind in dieser Partie gefordert, doch Fagioli muss mit seiner nahezu drei Oktaven umfassenden Countertenorstimme keine Sorge davor haben. Er vermochte mit satter Tiefe ebenso zu beeindrucken wie mit strahlenden Höhen, vor allem in den Arienmonstren „Lieto così talvota“ und dem mit chorischem Orchester ausgestatteten „Torbido in volto e nero“.

Yuriy Mynenko
Yuriy Mynenko
Damit stellte er den „eigentlichen“ titelgebenden Helden Adriano, der von Yuriy Mynenko dargeboten wurde, deutlich in den Schatten. Das ist eigentlich schade, da Mynenko zwar vielleicht nicht über die Virtuosität Fagiolis verfügt, dafür aber einen etwas klangschöneren Countertenor. Seine Aufgaben in dieser Oper fielen leider etwas gering aus, da die Rolle für eine eher zweitklassige Sopransolistin geschrieben worden ist, von der hörbar nicht soviel verlangt werden konnte. Anders verhält es sich da schon mit den Rollen der Kontrahentinnen Emirena und Sabina, die an diesem Abend von Romina Basso und Dilyara Idrisova gesungen wurden. Romina Basso ist als langjährige Kennerin des Barockrepertoires bekannt und ihr satter Mezzosopran, den sie mit viel Gefühl beherrscht, vermochte mehr als nur zu beeindrucken. Eine wahre Entdeckung war zweifellos die junge Sopranistin Dilyara Idrisova. Ihr schnörkellos fein timbrierter Sopran eignet sich hervorragend für dieses Repertoire und in ihrer Ausführung der verschiedenen Affekte, die in den Arien dargestellt werden, wusste sie ihn gewandt einzusetzen.

Ebenfalls auf ganzer Linien konnte der junge Tenor Juan Sancho als Emirenas Vater Osroe zu überzeugen. Seine leicht baritonal eingefärbte Stimme verlieh der Partie den Glanz, den sie verdient. Dies machte er bereits mit seiner virtuosen Auftrittsarie „Sprezza il furor del vento“ mit beeindruckend geführten Intervallsprüngen und sauberer Höhe deutlich. Verglichen mit diesen Leistungen ihrer Kolleginnen und Kollegen geriet einzig Sofia Fomina in der Hosenrolle des Aquilio etwas ins Hintertreffen; ihr Sopran hinterließ an diesem Abend den schwächsten Eindruck.

Die Musiker der Capella Cracoviensis unter der Leitung von Jan Tomasz Adamus legten eine motiviert beherzte Spielweise an den Tag, was bereits das frische Tempo der Ouvertüre deutlich machte, und hielten dabei die vermittelte Spannung über den ganzen Abend aufrecht. Besonders hervorragend gelangen die beiden großen Kastratenarien an den Schlüssen der Akte eins und zwei, und ein besonderes Lob gilt der Oboistin Xenia Löffler für ihre feinsinnige Begleitung Fagiolis mit der Vogelstimme ihrer Oboe. Eindrucksvoll wurde von Jan Tomasz Adamus und seinen Musikern die Doppelchörigkeit des Orchesters in der Schlussarie des zweiten Aufzugs herausmodelliert.

Wieder einmal ein großer Barockopernabend im Theater an der Wien, der vor allem mit großem Jubel und stehenden Ovationen für Idrisova, Fagioli und den Dirigenten zu Ende ging.