Zu den besonders beglückenden Erfahrung als Musiker gehört das kammermusikalische Spiel im kleinen Ensemble. Der Reiz an dieser Form des Musizierens ohne Dirigenten liegt darin, dass jede Musikerin und jeder Musiker zum Gelingen des Gesamtkunstwerks beiträgt, was nur durch intensive, meist wortlose Kommunikation unter den Beteiligten möglich ist. Die Amsterdam Sinfonietta hat, wie ihr Konzert am Wochenende im Wiener Konzerthaus zeigte, die Möglichkeiten dieser Auftrittsform auf niveauvollste Weise kultiviert und präsentierte ein passendes Programm im Zeichen der Moderne.

Jean-Guihen Queyras © Marco Borggreve
Jean-Guihen Queyras
© Marco Borggreve

Am Beginn des Konzertabends stand ein Ausflug ins Feld der Kammermusik. Thomas Larcher 2001 komponiertes und 2002 durch Heinrich Schiff und Till Fellner uraufgeführtes Werk Mumien für Violoncello und (präpariertes) Klavier zeichnet sich bei großem Purismus durch seine Suche nach neuen Klangfarben aus. Jean-Guihen Queyras und Paolo Giacomett, der den Klavierpart für den verhinderten Komponisten übernommen hatte, gestalteten das dreiteilige, sehr durchsichtige angelegte Werk mit viel Ausdruck und vermochten vor allem den stark kontrastierenden Teilen eins und drei spannende Facetten abzugewinnen.

Fast als Bruch musste man da den Abstand zum nächsten Werk des Abends erfahren. Der Neoklassizismus des Concerto für Streichorchesters  von Friedrich Cerha, der in diesem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag begeht und an diesem Abend persönlich zugegen war, schuf einen anregenden Kontrast zum zuvor Gehörten. Hier konnte die Amsterdam Sinfonietta, angeführt durch ihre Konzertmeisterin und künstlerische Leiterin Candida Thompson, ihr volles Können ausspielen. Berauschend der erste Satz mit dichtem Streicherklang, berückend das Nachtstück im gedankenvollen Largo und beeindruckend der konzertante Schlusssatz.

Zwei Klassiker in anderem Gewand führten das Konzertprogramm vor und nach der Pause fort. Wolfs Italienische Serenade G-Dur für Streichquartett  in der Bearbeitung für Streichorchester von Marijn van Prooijen und die Sonate Op. 1 für Klavier von Alban Berg, bearbeitet von Wijnand van Klaveren, setzten den klassischen Akzent des Programms. Die Amsterdam Sinfonietta gestaltete beide sehr geschmackvoll, wobei vor allem auch die von den Bearbeitern eingebauten Soli souverän ausgeführt wurden.

Den Höhepunkt des Abends markierte aber zweifellos die österreichische Erstaufführung des erst wenige Tage zuvor uraufgeführten Ouroboros für Violoncello und Kammerorchester von Thomas Larcher. Das Konzert für Cello trägt einen Titel, der auf die ägyptische Mythologie verweist und der wörtlich übertragen soviel bedeutet wie „Selbstverzehrer“ oder „Schwanzverzehrer“. Gemeint ist damit das Symbol einer sich in den Schwanz beißenden Schlange, die für die kosmische Einheit steht. Dieser Titel des Werks ist programmatisch zu verstehen, indem Anfang und Ende des Werkes fast identisch sind. Dazwischen entfaltet sich aber ein vielfarbiger Kosmos, der dieses Werk prägt. Man hat am Ende desselben fast das Gefühl, dass es nochmals von neuem Beginnen könnte. Getragen wird das Werk hauptsächlich von Klavier und Schlagwerk, um welche herum die Streicher und das Solo-Cello agieren. Als besonders kontrastreich erweist sich der zweite Satz, der eine Art Kadenz des Solo-Cellos unter Begleitung des Klaviers darstellt. Die anderen Streicher und das Schlagwerk bereichern dies mit sehr charakteristischen Einwürfen, bevor dann nach einer fast endlos wirkenden Steigerung (der Pianist hat mit den Unterarmen zu spielen) ein wundervoll anrührendes Adagio den Satz beendet.

Viel dieser anrührenden Wirkung verdankt das Konzert dem beherzten Spiel von Jean-Guihen Queyras. Mit vollem Ton gestaltete er die Solo-Partie, in welcher er auch seine glanzvolle Virtuosität unter Beweis stellen konnte – ein rundum gelungener Konzertabend.