Mangelnde Experimentierlust kann man den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott und dem Ensemble Sirius Viols, bestehend aus Hille Perl, Frauke Hess, Julia Vetö und Christian Heim, nicht vorwerfen. Folgende Experimentieranordnung eröffnete das besuchte Konzert, die sich als gelungen erweisen sollte: eine Begegnung zwischen György Ligeti und Henry Purcell stand auf dem Programm. Doch lassen sich über 300 Jahre Musikgeschichte so einfach verbinden?

Bamberger Symphoniker © Michael Trippel
Bamberger Symphoniker
© Michael Trippel
Das Erstaunliche geschah! Tatsächlich lösten sich die zeitlichen Grenzen zwischen beiden Komponisten erstaunlich rasch auf. Die ausgewählten Werke machten diesen Auflösungsprozess dabei besonders leicht. Ligetis drei Meisterkompositionen, die er jeweils für großes Orchester geschaffen hat, nämlich Atmosphères, Lontano und das durchaus anders geartete San Francisco Polyphony, verbanden sich schon fast zu harmonisch mit Auszügen aus den Neun vierstimmigen Fantasien für Streicher des Briten Henry Purcell. 

Was nun macht diesen Verbindungscharakter aus? Zum einen sicherlich die äußerst ansprechende Präsentation. Die Stücke, die zwischen dem Jahr 1680 und den Jahren 1961 bis 1974 vermitteln, wurden attacca aufeinander gespielt, sodass nur ein Lichtwechsel auf der Bühne den Wechsel andeutete. Während der Gamben-Stücke, die von Sirius Viols als wahrer polyphoner Klangrausch musiziert wurden, waren demnach nur die vier MusikerInnen beleuchtet, sodass Auge und Ohr nur auf das Gamben-Consort konzentriert war. Der große Orchesterapparat der Bamberger Symphoniker konnte sich währenddessen wieder auf die Umsetzung des nächsten Ligeti-Stückes konzentrieren. Auch hier stand der Rausch des Klanges, jenes Faszinosum, das sowohl Ligeti als auch Purcell mit je verschiedenem Mittelleinsatz bedienen, im Vordergrund.

Jonathan Nott © Thomas Muller
Jonathan Nott
© Thomas Muller
Jonathan Notts Dirigat war es zu verdanken, dass der Cluster-Teppich, der in Kombination mit Purcell weniger dissonant als vielmehr irisierend wirkte, vom sauber intonierenden Orchester feinsinnig gewoben wurde. Dies gilt vor allen Dingen für die beiden (zumindest in der Leitidee des Komponisten) durchaus vergleichbaren Stücke Atmosphère und Lontano. Mit dem zuletzt entstandenen Werk, das den Abschluss des rund 60-minütigen ersten Teiles bot, ging nicht nur Ligeti, sondern auch das Orchester andere Wege. Hier wurden Urkräfte mobilisiert, um die bewegungsreiche, kaleidoskopartige Komposition zum Klingen, zum Sprechen, gar zum Ereignen zu bringen. Zum Raum wurde dabei die Zeit, was sich gerade an San Francisco Polyphony besonders deutlich zeigte. Bewegung wird hier zu Klang, Klang zu Bewegung. Ein polyphoner Klangteppich wird immer wieder von punktuellen Ereignissen im Orchester durchbrochen und neu gewoben. Kein Stillstand ist möglich, sondern steter Wechsel der Klangfarbendisposition. Dass dies so gut wirken konnte ist nicht zuletzt dem treffsicheren Zupacken der Bläser zuzuschreiben.

Gerade die Blechbläser gaben im zweiten Konzertteil einen wahren Anlass zur Freude. Für Konzerttourneen hat sich Ein Heldenleben, die Tondichtung für großes Orchester (Op. 40), von Richard Strauss 1898 geschaffen, als prädestiniert empfohlen. Dass das Blechregister hier eine Hauptrolle spielt, zeigte sich an diesem Abend schon während der Vorstellung des Helden, die von den Celli und Kontrabässen eingeleitet in breiten Bögen ihren ersten Höhepunkt erlebt, wenn ebenjene Bläser einsetzen und mit gutem Ansatz, viel Präzision, saubererem Klang und ausgewogener Spielfreude überzeugten. Als etwas für die Feinschmecker unter den Zuhörern erwies sich das Violinsolo des Konzertmeisters als Heldengefährtin. Fein ziseliert changierte sein Spiel und beleuchtete die verschiedenen Phasen der spröden Gattin. Im Ganzen betrachtet zeigte sich Jonathan Nott als glänzender Orchestermanager, der auch in den von Strauss doch sehr laut gesetzten Phrasen nie die Kontrolle über den Gesamtklang verlor. Ein Jammer, dass er dieses Orchester nun für neue Aufgaben verlassen wird.

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