Violin- oder Klavierkonzerte sind dem Konzertgänger wohl bekannt; Tschaikowskys Violinkonzerte wechseln sich von Konzert zu Konzert mit Mozarts Klavierkonzerten ab. Gerade deswegen war das Programm des 4. Abonnementkonzerts der Camerata Salzburg im Großen Saal des Mozarteums sehr erfrischend. Yuri Bashmet wirkte zugleich als Solist auf der Bratsche und Dirigent bei Paganinis Concertino für Viola und Streichorchester, das eine Bearbeitung des eigentlichen Quartetts Nr. 15 für Violine, Viola, Gitarre und Violoncello ist. Außerdem wurde dem Salzburger Publikum Max Bruchs Konzertstück d-Moll Kol Nidrei in einer Fassung Bashmets für Viola und Streichorchester vorgestellt.

Die Camerata Salzburg © Andreas Hechenberger
Die Camerata Salzburg
© Andreas Hechenberger

So interessant diese Programmauswahl auch war, die Umsetzung war leider keine Glanzleistung. Durch Bashmets Doppelfunktion als Solist und Dirigent, die er sitzend ausführte, wirkte das gesamte Spiel in Orchester und Solostimme sehr unruhig. Es hatte den Anschein, dass Bashmet sich dadurch nicht wirklich auf sein Bratschensolo konzentrieren konnte, da einige Läufe unsauber gespielt waren und Abphrasierungen merklich kurz ausfielen, wie sie auch grundsätzlich im Orchester kurz und abgehackt erklungen sind. Die Viola ging teils im Orchesterklang unter, und eine deutlichere Artikulation und genaueres Zusammenspiel des Orchesters hätten die Charaktere der vier Sätze in Paganinis Concertino besser hervorgehoben.

Der Klang der Camerata war durch übermächtige Dynamikwechsel bestimmt, die sich vor allem in Schuberts Fünfter Symphonie am Ende des Konzertabends bemerkbar machten. Die für die Epoche der Klassik typischen kurzen Crescendi und Decrescendi, die sich innerhalb eines Taktes abspielen, wurden vom Orchester sehr ausgeprägt gestaltet und fielen für meinen Geschmack hin und wieder zu differenziert aus. Der langsame zweite Satz Andante con moto wurde sehr breit gestaltet, wobei einige Phrasen doch etwas zu sehr in die Länge gezogen wurden.

Es gab jedoch durchaus auch positive Aspekte: Der vierte Satz des Concertino beispielsweise bestach durch rhythmische Genauigkeit und scharfen Begleitakkorden, und in Bruchs Kol Nidrei, das durch zwei hebräische Hymnen inspiriert wurde, steigerte sich der undefinierte Klang des Streichorchesters zu einem lieblichen Klangteppich, der die vielvibrierten Soloparts der Bratsche untermalte.

Die Camerata überzeugte auch in Haydns Symphonie in g-Moll „La Poule“ (dt.: das Huhn), in der man das Gackern von Hühnern erahnen kann, vor allem in ihrem zweiten Satz. Violinen und Bratschen verstanden es, in einem langen Decrescendo allmählich so verschwindend leise zu werden, sodass die volle Aufmerksamkeit und Konzentration des Publikums sicher war und man als Zuhörer voll Spannung auf das plötzlich einsetzende Donnern des Orchesters wartete. Überdies waren die Seufzermotive mit besonders viel Nachdruck gespielt, was allerdings auf Kosten der Leichtigkeit ging.

Der Abend endete mit tosendem Applaus für den Dirigenten, meines Erachtens aber weniger für die durchschnittliche Leistung in diesem Konzert, sondern für seine Standhaftigkeit gegenüber einer Frage, die von einem Zuhörer auf einem großen Plakat dem Orchester, Dirigenten und Publikum vorgehalten wurde. „Mr. Bashmet, have you been supporting Russian aggression in Ukraine?“ (dt.: „Herr Bashmet, haben Sie die russischen Angriffe in der Ukraine unterstützt?“) stand in großen Lettern für jedermann lesbar darauf. Nach einer kurzen Stille begann das Publikum den Plakathalter auszubuhen, um daraufhin dem russischen Dirigenten umso heftiger zu applaudieren. Für mich war es in jedem Falle ein Abend, an dem ich mit sehr gemischten Gefühlen nach Hause ging.



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