Welch ein Kontrast könnte größer sein als der zwischen Leben und Tod? Und doch ist das eigentlich Unvereinbare eng vom ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens umschlossen, ein gleichsam paradoxes wie harmonisches Miteinander. Dirigent Thielemann trieb diesen existentiellen Dualismus durch sein ausdrucksstarkes Dirigat der Berliner Philharmoniker und des Rundfunkchores auf die Spitze und konfrontierte das Publikum ebenso schonungslos wie emotional mit den musikalischen und menschlichen Wahrheiten des Deutschen Requiems.

Christian Thielemann © Matthias Creutziger
Christian Thielemann
© Matthias Creutziger
Das erste und das letzte, das der Zuhörer an diesem Abend zu hören bekommen sollte, waren lange Sekunden der Stille. Eine atemlose Stille, eine von solch spannungsgeladener Intensität, dass nicht einmal ein hartgesottener Konzerthuster sie zu unterbrechen wagte. Aus dem Nichts begann dann das Orchester, zunächst kaum hörbar, feinfühlig mit den ersten Takten des Requiems und übertrug jene demutsvolle Andacht in die Musik. In zartestem Pianissimo, das die präzise Strahlkraft des Chores um nichts schmälerte, besang dieser einen der zentralen Gedanken des Werkes: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ - Brahms' Requiem ist keine Messe für die Toten, sie soll den Trauernden Trost spenden.

Auch der zweite Satz, „Denn alles Fleisch es ist wie Gras“, begann besonnen. Ein verhaltener Trauermarsch, dessen Takt vom rhythmisch kreisenden Oberkörper des Dirigenten vorgegeben wurde. Die beherrschte Tristesse des Orchestervorspiels formierte sich mit dem Einsatz des Chores zu einer düsteren Verkündung der deprimierenden Wahrheit: Alles irdische Leben ist vergänglich. Diese bittere Erkenntnis ließ Thielemann bei der zweiten Wiederholung des Verses im Chor-Unisono regelrecht in die Welt hinaus schreien, der Schmerz des Unabwendbaren entlud sich leidenschaftlich, kraftvoll und laut. Der Rundfunkchor überzeugte hier wie im ganzen Requiem mit seinem starken Klang, der sich dabei aber nicht in schwelgender Theatralik verlor, sondern frisch und diszipliniert blieb. Besonders hervor stach seine präzise Aussprache mit dramatischer Betonung der Endkonsonanten, zu der Thielemann in seinem Dirigat stets mahnte. Nach wenigen Sekunden verschwand jedoch jene explosive musikalische Tragik, ja kehrte sich gar um in hoffnungsfrohe Leichtigkeit – Chor und Orchester ließen den Zuhörer im Glauben zurück, dass am Ende doch alles gut werden würde („So seid nun geduldig...“).

Thielemann nahm das Publikum an diesem Abend mit auf eine Reise durch die Gefühlswelten eines Trauernden. Mit seiner musikalischen Schärfung einer kontrastreichen Emotionalität wurde Thielemann Brahms, obgleich man das Deutsche Requiem auch häufig in gediegener Manier hört, durchaus gerecht. Brahms distanzierte sich mit seinem Requiem, das im eigentlichen Sinne eine Chorkantate ist, bewusst von der katholischen Totenmesse und stellte nicht die Schrecken des eigenen Todes, sondern den irdischen Schmerz der Hinterbliebenen in all seinen Facetten ins Zentrum des Werkes. Thielemann verwob das im Requiem angelegte, stetige musikalische Spannungsfeld zwischen dem Eindruck stiller Depression und entfesselten Schmerzes zu einem elektrisierenden Geflecht klanglicher Momente der Dunkelheit und des Lichts.

Christian Gerhaher © Hiromichi Yamamoto
Christian Gerhaher
© Hiromichi Yamamoto

Beide Ensembles reagierten stets wunderbar schnell und flexibel auf die musikalischen Gefühlsschwankungen ihres Dirigenten. Vor allem das Orchester hatte kaum eine andere Wahl, als dem energisch fordernden Gestus Thielemanns, der sich beinahe jeder einzelnen Instrumentengruppe detailliert zuwandte, zu folgen. Das musikalische Ergebnis sprach für sich: Extrem wandelbar und transparent zeigte sich der Klang der Philharmoniker an diesem Abend. Innerhalb weniger Augenblicke konnte sich ihr unprätentiöses Spiel, das sich in vielen Passagen als verlässliche harmonische und rhythmische Stütze für Solisten und Chor im Hintergrund hielt, in ein aufbrausendes Klanginferno verwandeln und das jüngste Gericht „zu der Zeit der letzten Posaune“ mit höllisch flink nach unten rasenden Streicherbewegungen plastisch werden lassen.

Teils wagemutig lehnte sich Thielemann auf seinem Pult nach hinten, um auch das souverän agierende Solistenpaar, Bariton Christian Gerhaher und Sopranistin Siobhan Stagg (für die erkrankte Sibylla Rubens), in sein expressives Gesamtgefüge zu integrieren – mit Erfolg. Gerhaher sang im dritten Satz Herr, lehre doch mich keine ganzen Phrasen, er legte durch sein vollmundig-dunkles Timbre und die hervorstechend scharfe Artikulation der Konsonanten all die Verzweiflung des Trauernden in jedes einzelne Wort. Auch Sopranistin Stagg gelang es, den Zuhörer in ihrer Solopartie Ihr habt nun Traurigkeit durch die zarte Sanftheit ihrer Stimme mitzureißen. Das gelegentlich - möglicherweise ihrer Nervosität geschuldete – fehlende Klangvolumen der jungen Sängerin tat ihrer Präsenz keinen Abbruch, auch weil der Chor die Worte „wie einen eine Mutter tröstet“ fast flüsternd (und im Sitzen) sang und Stagg so durch einen dezenten Klangteppich unterstützte.

Thielemanns Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens war nicht gerade eine behutsame. Energisch und unverschleiert vermittelte er den Zuhörern durch seine expressive Interpretation des Deutschen Requiems die Tragik der Vergänglichkeit. Er ließ den Hörer jedoch nicht hoffnungslos zurück. In seiner kraftvollen Konfrontation mit dem Schmerz lag die unerschütterliche Zuversicht des Überlebenden, die eigene Trauer überwinden zu können. Thielemanns Trost bestand nicht darin, den Leidenden zu besänftigen, sondern ihn im Angesicht des Todes zu stärken.

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