Ein warmer Sommerabend in Amsterdam. Am Kai liegt das deutsche Kreuzfahrtschiff Mein Schiff 4 und verspricht auf seinem mächtigen Schiffsrumpf Inspiration und Erlebnisse. Der Ozeanriese überragt das direkt neben dem Passagierterminal gelegene moderne Muziekgebouw aan `t IJ , in dessen großen Saal an diesem Abend im Rahmen des Holland Festivals zeitgenössische Musik aus Indonesien aufgeführt wird.

Sieben junge Komponisten sind aus verschiedenen Teilen des großflächigen Inselreiches in die holländische Weltstadt gekommen, um ihre 2015 und 2017 entstandenen Stücke zu begleiten oder als Solisten zusammen mit dem in Frankfurt ansässigen Ensemble Modern aufzuführen.

<i>Ruang Suara</i> © Katrin Schilling
Ruang Suara
© Katrin Schilling
Indonesien ist eines der Themenschwerpunkte des diesjährigen Holland Festivals. Im Mittelpunkt des Konzertes mit dem Titel Ruang Suara (Klangräume) stand die Uraufführung der Komposition Musim Timur (Season of the East) des Duos Senyawa, die am Abend zuvor mit ihrer sehr einzigartigen Rockmusik im Amsterdamer Poptempel Paradiso aufgetreten waren. Der in Sulawesi geborene Sänger Rully Shabara kann mit seiner Stimme extrem rauhe und tiefe Geräuschteppiche und beinah im selben Atemzug sehr hohe Töne erzeugen. Sein Gesang besteht aus Anklängen an Trance-erzeugende Ritualmusik seiner Heimat, Heavy Metal Adaptionen, virtuosen Stimmexperimenten und von feinen Handgebärden untermaltem rhythmischen Sprechen.

Sein Duopartner Wukir Suryadi spielt dazu auf Kombinationen von indonesischen, elektrisch verstärkten Zupf- und Streichinstrumenten. Optisch und akustisch sucht dieses Solistenduo seinesgleichen. In ihrer Komposition für das hier klein besetzte Ensemble Modern besticht die kammermusikalische Qualität und die feinsinnige Verschmelzung von rhythmischem Material, Klängen und Klangfarben. Der dreiteilige Aufbau strukturiert das Stück deutlich und lässt Raum für sowohl Improvisation als auch auskomponierte Formen. Als Zuhörer kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Die Mitglieder des Ensemble Modern sind sichtbar engagiert; gleichberechtigte Partner in der Aufführung. Senyawa überrascht und überzeugt mit dieser Auftragskomposition des Holland Festivals so sehr, dass man sich mehr Kompositionen aus dieser Feder für westliche Ensembles oder Orchester wünschen würde.

Der Abend begann mit den Klängen einer Bambusflöte und endete mit einem Gongschlag von Rainer Römer und dem Suluk genannten liedhaften Gesang von Joko Winarko in diesem Programm dessen fünf andere Kompositionen schon 2015 in Frankfurt zur Uraufführung kamen. Diese entstandene Zusammenarbeit zwischen indonesischen Komponisten und dem Ensemble Modern ist ist auch der Kreditanstalt für Wiederaufbau zu verdanken, die dieses Projekt mit dem Ziel gefördert hat, wirklichen interkulturellen Austausch in der Musik anzuregen.

<i>Ruang Suara</i> © Katrin Schilling
Ruang Suara
© Katrin Schilling

Die flammend rot angestrahlten Wände des Muziekgebäudes sind der ideale Hintergrund für das Eröffnungsstück des Abends: Balaya von Taufik Adam. In fünf Sätzen wird eine Reise beschrieben vom Abschied, übers Heimweh bis zur Rückkehr. Schiffsreisen sind für die Küstenbewohner von West-Sumatra schon seit Jahrhunderten eine ökonomische Notwendigkeit und gehören somit zum sozialen und kulturellen Kontext dieser Region. Die Kombination von indonesischen Instrumenten (neben der Bansi auch die Sarunai) und traditionellem Gesang mit Streichern, Bläsern, Pauken und Schlagzeug liefert ein spannendes Hörerlebnis.

Beim folgenden Stück geht das Licht aus. Stevie J. Sutanto hat für sein Mata dan Senar (Augen und Saiten) auch eine Videoinstallation erstellt. Raffiniert ist, dass die Projektion der Bilder von den Klängen des Klavierquartetts und der Rebab gesteuert wird. Dadurch ist der Projektor nicht durchgehend eingeschaltet und es entsteht eine abwechslungsreiche, zur Musik passende Abfolge von gefilmten Augen. Zum Nachteil der Sichtbarkeit hatte sich der Komponist entschieden, die Bilder nicht auf eine Leinwand projektieren zu lassen.

<i>Ruang Suara</i> © Katrin Schilling
Ruang Suara
© Katrin Schilling

Open my door ist das letzte Stück vor der Pause. Der auf Bali geborene Dewa Alit beschreibt im Programmtext, dass er mit seinem Stück neue Wege beschreiten will und nach einer Verbindung von Gamelan und westlicher Musik sucht. Das Ergebnis ist hörenswert! Das groß besetzte Ensemble spielt die anspruchsvolle Partitur sehr virtuos, mit viel Elan und Spielfreude. Besonders erwähnenswert ist hier der Pianist Ueli Wiget, der mühelos von Strawinskyaden zu Jazzgrooves umschaltet und so das Stück zusammen mit den Schlagzeugern trägt.

Nach der Pause ist die Bühne bis auf den Dirigenten leer. Hinter der Bühne hört man laute Stimmen, dann kommt ein Flötensolo aus dem rechten Saalgang vermischt mit urlautmalerischem Grummeln. Von links hört man eine Klarinette. Das Ensemblemitglied und der indonesische Solist im auffallend bunten Gewand treffen sich rechts vom Dirigenten, inzwischen sind auch die Schlagzeuger in Aktion: Sie lässt Erbsen in eine Schale tropfen und er schlägt mit Bambusrohren. Der theatrale Auftritt erreicht seinen Höhepunkt mit den Streichern die rhythmisch auf ihre Instrumente klopfend zu ihren Plätzen laufen. Die Idee zu Da-Dha-Dha fand Gema Swaratyagita nach eigenen Worten bei Kurt Schwitters Ursonate. Die atmosphärische Musik entführt das Publikum aus dem Konzertsaal in eine andere Welt.

Mit Mihrab von Gatot Danar Sulistiyanto findet ein Festivalkonzert sein passendes hochwertiges Ende, das den Zuhörer glücklich preisen lässt, auf der Suche nach Inspiration und außergewöhnlichen Erlebnissen das Ensemble Modern im Amsterdamer Muziekgebäudes am IJ gefunden zu haben.