Location, Location, Location. Die Kölner Philharmonie hat natürlich gar nichts mit Versailles gemein, mögen doch barocke Feiern historisch und atmosphärisch nicht in einen Konzertsaal passen. So offenkundig streng könnte der Aufhänger für die Beschreibung des gestrigen Programms sein, aber das ist nur ein Teil der gedanklichen Eindrücke – derjenige, der in den Hintergrund tritt.

Freiburger Barockorchester © Marco Borggreve
Freiburger Barockorchester
© Marco Borggreve

Vielmehr trifft die offenkundige Erkenntnis zu, dass Köln ausgelassen feiern kann, indem das Freiburger Barockorchester Festmusik vom Hofe des berühmtesten vorrevolutionären Regenten Frankreichs auf das Parkett brachte, um aus Anlass des 300. Todestages Louis XIV. Kompositionen von Lully, Marais, De Lalande, Campra und Rebel zu präsentieren. Denn zumindest dank der reichhaltigen instrumentalen Variationen konnte dem Publikum royaler Glanz vor Ohren und das imaginäre Auge geführt werden.

„Allez, allez!“ mochte man noch innerlich rufen, da legten sofort wirbelnde Pauken und majestätische Trompettes naturelles mit gleichsam strengen wie trillernd-verzierenden Streichern, Flöten und Oboen los und sorgten mit Lullys  PréludeEntrée d'Apollon und Menuet aus seinen Amants Magnifiques für einen würdigen wie galanten Auftakt einer pasticcioartigen Rekonstruktion der berüchtigten Feste des Sonnenkönigs. Für den Abend wählte das Orchester nicht die klassische französische Barockaufstellung mit rechts sitzenden Celli, sondern arrangierte die Bässe, die aus Cello, Basse de Violon, zwei Violonen und Kontrabass bestanden, in einem Halbkreis hinter den Streichern aus Violinen, Violen und Tailles de Violon. Ihre berauschend klar-röhrende Tiefe verlieh den gespielten Werken stets eine herrschaftliche Gravitas, Wichtigkeit und Struktur.

In der nachfolgenden Suite aus Les Plaisirs de l'ile enchantée konnte man sich von der üppigen, tänzerischen Vorlage von 1664 inspirieren lassen, mit der Louis XIV. in Erwartung der Fertigstellung Versailles' die eingeladene adlige Gesellschaft sechs Tage lang unterhielt. Im typisch französischen Klangbild mit hohen Flöten und federnd-feinen aber auch dichten Streichern gelangen dem Freiburger Barockorchester fließende, elegante Übergänge. Zudem hatte sich das Ensemble in den Variationen mit Oboen und Fagotten, lustigem Wechsel mit Flauto piccolo, dem Trio aus lieblichen Traversflöten und Violone sowie rhythmisch in kolorierter Aufmischung durch militärische Trommel, keckes Tambourin und Fingerschellen im Zusammenspiel griffiger sowie phrasierungstechnisch exponierter in den Groove eingefunden, zeigte es sich doch anfangs insgesamt noch leicht statisch und zurückhaltend.

Hille Perl © Uwe Arens
Hille Perl
© Uwe Arens
Farb- und Stimmungsunterschiede aus beruhigend-wiegendem und aggressiv-spielerischem Modus zogen sich durch die Stücke, so auch in MaraisLes folies d'Espagne. Ausgerechnet mit dieser in Spanien und Italien verbreiteten Follia-Melodie versuchte er diese auch französischem Geschmack anzupassen, lehnte er doch den immer weiter vorrückenden italienisch-vermischten Stil ab. Neben der Ornamentik sollten bei dem bedeutendsten Viola da Gamba-Spieler seiner Zeit davon auch die leichtere, vornehme Finesse und Harmonik zeugen. Zusammen mit der Begleitung aus Cello, Cembalo und Laute bzw. Barockgitarre meisterte Hille Perl an der Gambe die zweiunddreißig Variationen über das allseits bekannte, beliebte hispanische Tanzthema.

Mit Dynamik und Spannung beherrschte sie nicht nur das Griffbrett, sondern füllte ihr Instrument, das manchmal vor allem in den Höhen- und Mittellagen als kläglich, spröde, staubig oder näselnd wahrgenommen wird, mit Leben. Die Tempowechsel elegant nehmend, bewältigte Perl die Sätze mit zahlreichen wahnwitzigen Fingerläufen und Trillerfiguren mit bestechender Bogenphrasierung und präsentem Ton (nicht nur in markant-dröhnender Tiefe, sondern auch in schwierigen Höhen). Quasi ausatmende Schlusstöne komplettierten einen in sich schwingenden virtuosen Auftritt.

Scheinbar diese Energie übertragend wandte sich das Freiburger Barockorchester dann leichter und esprithafter dem italienisch-vermischten Stil zu, der – richtigerweise chronologisch Lully und Marais folgend – in den Werken de Lalandes, Campras und Rebels in italo-ouvertürenhaften Elementen und im nicht mehr konsequent typisch hohen Ton der Streicher neben den französischen Menuetten deutlich wurde. In der Deuxième Fantaisie ou Caprice „que le Roi demandait souvent“ aus den Symphonies pour les Soupers du Roy, besonders aber in der Suite Le Carneval de Venise wurde die Musik melodisch und strukturell kerniger, in den Variationen kompakter, wobei die Effekte mit weniger Trillern, aber im Verhältnis zum Orchester durch ausgeformtere Solo-Einsätze und Echos fühlbar waren.

Nach Rebels moderner wie auch verbindenden Sonate Tombeau de Mr. de Lully beschloss das Ensemble den Festabend mit De Lalandes Concert de Trompettes pour les festes sur le canal de Versailles. Wie zu Beginn erklangen dramatische, phänomenal knallend-wuchtige Pauken mit formidablen hell-klaren Trompeten (und gestochen scharf wie die Streicher), die alle Sätze feierlich und spektakulär einleiteten. In meisterhafter Intonation bewiesen Jaroslav Roucek und Hannes Rux, dass sie zu den Besten ihres Fachs zählen. Die Abschläge mit den Holzbläsern, den Streichern und die Tutti gerieten einheitlich, lebendig und befreit. Ein wahrlich königliches Schauspiel, von dem auch gerne mehr im Programm hätte auftauchen können.