Im gut besetzten weißen Saal des KKL spielte das Luzerner Sinfonieorchester unter dem jovial auftretenden Gastdirigenten Andrey Boreyko, der den ausgezeichnet vorbereiteten Klangkörper mit sicherer Hand leitete.

Andrey Boreyko © Archiv Kunstler
Andrey Boreyko
© Archiv Kunstler
Die erste Hälfte des Abends war vollständig König Salomo gewidmet: Den Beginn machte die Suite aus dem Ballett Belkis, Regina di Saba von Ottorino Respighi, die vom Besuch der Königin von Saba bei Salomo erzählt. Es ist eine faszinierende, tonmalerische Komposition, die leider viel zu wenig gespielt wird. Der Eröffnungssatz Il Sogno di Salomone beginnt leise, in dunklen Streicherfarben, wobei die Holzbläser, unterstützt von Harfen und Celesta, eine orientalische Traum-Atmosphäre erzeugen. Bereits hier zeigten sich die Vorzüge der Akustik im KKL: die durchwegs hervorragenden Bläser waren jederzeit lokalisierbar, zeichneten klar und deutlich. Der Saal trägt die Musik vom feinsten Pianissimo bis zur vollen Stärke des reich besetzten Orchesters, über den ganzen Tonraum, von warm klingenden Bässen bis zu den feinsten Silbertönen der Celesta – ein akustisches Vergnügen! Die Komposition steigert sich zu fast pompösen (Traum-)Bildern, mit teils dichtem Klang, dennoch transparent und differenziert, mit kontrollierter Dynamik. Vor allem im Forte gefielen mir die tragenden Bässe und der satte, homogene Streicherklang. Die Gesangslinie des Solocellos zeichnete gut, eingebettet in die Orchesterbegleitung.

Im kurzen, martialischen Folgesatz Danza guerresca glänzten Blech und Perkussion: die Musiker spielten agil, rhythmisch sicher, dazwischen karikierend das lustige Solo der Sopran-Klarinette in D. Das folgende La danza di Belkis all'aurora erinnerte mich streckenweise an Ravels Bolero (wenn auch ohne Trommel-Ostinato), aber auch an Debussys L'après-midi d'un faune. Das Stück ist durchweg meisterhaft instrumentiert, impressionistisch bezaubernd im himmlischen Sternenreigen der Celesta. Über diesem Klangteppich ist der Tanz stimmungsvoll inszeniert von sich windenden Soli auf Flöte, Englischhorn, Klarinette, und Solovioline. Der vierte Satz, Danza orgiastica, entfaltet nach dem einleitenden Unisono nochmals ein wahres Orchesterspektakel, doch blieben auch hier die Klangmassen gebändigt, manchmal an Tschaikowskys Fünfte erinnernd, hinreißend insgesamt. Interessant die Ferntrompeten aus einem Korridor zur Orgelempore, vielleicht stellenweise eine Spur zu tief intoniert – ein Eindruck, der sich in den nachfolgenden Fanfaren von der Empore selbst nicht wiederholte.

Ernest Blochs hebräische Rhapsodie Schelomo (Salomo) ist, wie die Suite von Respighi, ebenfalls äußerst raffiniert instrumentiert, und in der Dynamik sorgfältig disponiert; wiederum profitierte die Musik von der analytischen Akustik, und der Dirigent hatte den Klangkörper sehr gut unter Kontrolle, bis zum Schluss, der sich, wie notiert, „quasi im Nichts verliert“. Schelomo zeichnet einen zweifelnden, in Gedanken versunkenen, meditierenden König. Gautier Capuçon spielte diesen Part auf seinem hervorragenden Instrument mit rundem, warmem Klang, ausgezeichnet gestützt von der Akustik des Saals, wundervoll tragend über dem Orchester, selbst bei tiefen Noten im Pianissimo.

Gautier Capuçon © Michael Tammaro
Gautier Capuçon
© Michael Tammaro
Capuçon spielte trotz relativ starkem Vibrato mit klarer Intonation und sauberer Artikulation; faszinierend war, wie er das Instrument aus dem Ensemble herauswachsen lassen konnte. Das Vibrato störte hier gar nicht, weil das Cello explizit eine Singstimme darstellt. Im ganzen Werk steht diese Stimme im Zentrum, eigentlich ein einziges, langes Rezitativ, dessen Tonumfang denjenigen des menschlichen Organs aber weit übersteigt, lautmalerisch, erzählend, oft klagend. Gautier Capuçon gestaltete seinen Part wunderbar, aber ohne den jüdischen „Volkston“ wirklich auszuspielen: manchmal hätte ich mir zum Beispiel Tonübergänge/Intervalle etwas mehr verschliffen gewünscht. Auch die eine Passage mit dem explizit notierten Viertelton-Intervall im dritten Teil (Andante moderato) war selbst dann nur knapp wahrnehmbar, wenn man darauf achtete.

Im zweiten Teil des Konzerts folgte mit Antonín Dvořáks Siebter Symphonie Musik aus einer ganz anderen Sphäre, wenn auch in der harmonischen Sprache nicht allzu weit entfernt von den vorangehenden Kompositionen. Andrey Boreyko begann das Werk zügig, im Charakter eher Allegro denn maestoso, elegant, mehr auf Melodielinien und Phrasierung fokussiert als auf detaillierte Artikulation. Dafür bestand nie die Gefahr, dass der musikalische Fluss ins Stocken geriet. Dvořáks Instrumentierung ist wesentlich schlanker als diejenige Respighis oder Blochs, dementsprechend waren jetzt die Streicher exponierter. Ich fand die Violinen weniger homogen, die leisen Stellen klangen gelegentlich etwas dünn.

Das Poco adagio war betont langsam, sehr stimmungsvoll, aber nie schwülstig, mit viel Detailarbeit sorgfältig gestaltet (speziell die Pizzicati) und mit kontrollierter Dynamik; bei den Bläsern fielen die exzellenten Hornstimmen auf. Das Scherzo ist ein beschwingter Satz, technisch nicht ohne Tücken. Das Zeitmaß ließ genügend Raum für Feinheiten und Details, die leichte Artikulation verhalf zu guter Transparenz. Hier gefielen mir die Violinen wieder wesentlich besser, ihr Spiel klar und homogen. Insgesamt fand ich Andrey Boreykos Dvořák-Interpretation eher instrumental denn volkstümlich, mir fehlte manchmal etwas das slawische Temperament. Das Luzerner Sinfonieorchester präsentierte sich (mit geringfügigen Abstrichen) an diesem Abend in ausgezeichneter Form, erbrachte eine sehr beachtliche Leistung: ein bereicherndes Konzerterlebnis allemal!

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