Das Holland Festival programmierte am 24. Juni einen Konzertmarathon unter dem Namen „HF Proms": fünf Konzerte im Großen Saal und eine Musikinstallation im Kleinen Saal, dazu Konzerteinführungen und Auftritte kleiner Ensembles in den Foyers. Geboten werden sollte laut Programmheft „der Welt neueste und abenteuerlichste Musik“. Das zweite Konzert des Nachmittags trägt den Titel der einzigen Uraufführung des Programms: Sacred Environment.

Es beginnt mit dem kurzen Orchesterstück Lost and Found des in Frankfurt geborenen amerikanische Gitarristen und Komponisten Steven Mackey. Mackey begann seine Karriere als Gitarrist in verschieden Rockbands. Das 1996 für ihn selbst geschriebene sehr virtuose Stück für elektrische Gitarre solo verliert seine Spritzigkeit, seine Furore und seinen rhythmischen und klanglichen Witz in dieser Interpretation der Orchesterversion deutlich.

Esther Mugambi © Ada Nieuwendijk
Esther Mugambi
© Ada Nieuwendijk

Das Orchesterstück A haunted landscape von George Crumb ist etwas älter, aus dem Jahre 1984. Vor allem den Bläsern und Schlagzeugern gelingt es mit einer Vielzahl von Instrumenten eine mysteriöse Spuk-Atmosphäre hervorzubringen.

Diese bisher letzte Orchesterkomposition von Crumb ist eine gute Einleitung zu der mit Spannung erwarteten Uraufführung von Kate Moore. Und diese beginnt nach kurzem Umbau ungewöhnlich: mit einer Frau in weißem Gewand und einer Virtual Reality-Brille vor den Augen. Die australische Künstlerin Esther Mugambi liegt auf dem eigens für sie aufgebauten Podium in der vorderen Mitte des Zuschauerraums des Großen Saals des Concertgebouws. Ihre Rolle wird erst im Laufe des Stückes deutlich. Auf der Bühne befinden sich Orchester und Chor des holländischen Rundfunks: das groß besetzte Radio Filharmonisch Orkest und der Groot Omroepkoor. Vier Didgeridoos sind rechts vom Dirigenten Brad Lubman platziert, eine Sängerin steht links von ihm. Dahinter ist eine große Leinwand vor der Maarschalkerweerd-Orgel aufgebaut. Auf dem Videoschirm sieht das Publikum zu Beginn kleine Kugeln, die sich wie Planeten umkreisen und langsam vervielfältigen.

Dann beginnt Mugambi sich zu bewegen. Es dauert eine ganze Weile, bis das Bild abwechslungsreicher wird und erst dann kann sich der mit dieser Technik ungeübte Zuschauer einen Reim auf ihren Beitrag zur Vorstellung machen: Wenn ihm nämlich auffällt, dass sich ihre Kopfbewegungen in direkter Verbindung zu dem verhalten, was auf der Leinwand zu sehen ist. Nur das, was sie sich mit ihrer Brille in der vom Künstler und Regisseur Ruben van Leer geschaffenen virtuellen Bildwelt anschaut, wird auf die Leinwand übertragen. Mugambi befindet sich, laut Programmheft stellvertretend für die ausgezeichnete australische Sängerin Alex Oomens, auf einer Traumreise auf der Suche nach einem steinlosen Tempel. Leider ist der von der Komponistin geschriebene Text dieses Oratoriums nicht immer deutlich zu verstehen und so kann man die Reise erst nachempfinden, wenn auf der Leinwand Felsen und Bäume zu erkennen sind.

Es bleibt bedauerlicherweise oft bei verwirrenden Schwarz-Weiß-Bildern. Die Didgeridoo-Spielerin bewegt ihre rechte Hand im eigenen Rhythmus. Auch das durch die Kopfbewegungen von Mugambi sich ständig verändernde Bild ist ab und zu mühsam mit der Musik in Einklang zu bringen. Diese Musik besticht durch ihren klaren Aufbau, suggestiver Aussagekraft und Anklänge an lateinische Messen. Alex Oomens überzeugt stimmlich ebenso wie der exzellente Chor. Brad Lubman entlockt dem Orchester eine breite Palette dynamisch variierter Klangfarben und trägt wesentlich dazu bei, dass sich die Partitur gegenüber dem Videobild durchsetzt. Kate Moore erhält dieses Jahr den wichtigsten niederländischen Kompositionspreis (den Matthijs Vermeulenprijs). Sie hatte sich vorgenommen, den berühmten Niederländischen Kulturtempel (Concertgebouw) und die für die Australischen Ureinwohner geheiligten Stätten des Yengo National Parks in New South Wales zusammenzubringen: „I was curious about the intersection between nature and culture. I imagined an image of bringing the bush into the Concertgebouw where it was no longer possible to tell where architecture ended and giant trees and branches began, blurring the lines between the two.”

Dieses grandiose Konzept konnte an diesem Premierenabend aber leider nicht überzeugen, obwohl zum Ende des beinahe halbstündigen Werkes die Videobilder auch an die Decke und Mauern des Saales projiziert wurden. Zu wenig von der Suggestivkraft der einmaligen australischen Naturlandschaft kam in dieser subjektiven Umsetzung auf die Leinwand zum Tragen.

Trotzdem muss der Zuhörer die Hoffnung auf ein ganz besonderes Hör- und Seherlebnis noch nicht aufgeben: Das Publikum erhielt am Ausgang einen kleinen Pappkarton, um in Kombination mit dem eigenen Handy eine VR-Brille zu basteln. Im Laufe dieser Woche soll es dann möglich sein, mit eigenen Augen auf eine virtuelle musikalische Entdeckungsreise in den australischen Busch zu gehen.

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