Ostfriesland – da denkt man zuerst an Tee, an plattes Land, grüne Wiesen, natürlich an die Witze und neuerdings sogar an Windkrafträder. Vielleicht auch an den vermutlich vom römischen Geschichtsschreiber Tacitus formulierten Ausspruch „Frisia non cantat“. Schnell kommen dem Ortskundigen dann die vielen kleinen Dörfer mit ihren roten Häusern und alten Kirchen samt Glockentürmen in den Sinn, wo vielfach herrliche Schätze aus der Vergangenheit – etwa prächtige Altäre und historische Orgeln – ihre Besucher erwarten. Und seit zwei Jahren gibt es hier nun noch dazu ein Musikfestival, welches unter der künstlerischen Leitung von Matthias Kirschnereit in seinen „Gezeitenkonzerten“ vor allem auswärtige Künstler nach Ostfriesland führt, aber auch heimische Meister präsentiert und sich dadurch schon bundesweit einen Namen gemacht hat. Ein besonders inniges Erlebnis war dabei in diesem Jahr das Abschiedskonzert von Inka Drengemann-Steudtner – einer herausragenden Kantorin der Region und Leiterin diverser musikalischer Ensembles, die in „ihrer“, der St. Magnus Kirche zu Esens, mit Joseph Haydns Oratoriumsklassiker Die Schöpfung ihren Ruhestand einläutete.

Joseph Haydn © Thomas Hardy
Joseph Haydn
© Thomas Hardy

Der lichtdurchflutete, neogotische Sakralraum mit seinen in den Himmel ragenden Pfeilern und eleganten Gewölberippen (allerdings fast alle nicht-tragende Attrappen aus Holz, wie das Programmheft verriet), den großen, hellen Fenstern, den farbenfrohen Verzierungen, der holzverkleideten Empore und nicht zuletzt der imposanten Rohlffs-Orgel (1848-60) an der Rückwand bot die perfekte und fast bis auf den letzten Platz besetzte Kulisse für die auf allen Ebenen absolut gelungene Aufführung.

Das etwa zwei Stunden beanspruchende Werk gehört zu den Highlights des Repertoires und wurde in Esens auf originalen klassischen Instrumenten respektive originalgetreuen Nachbauten dargeboten. Die Mitglieder des Nordwestdeutschen Barockorchesters, das von dem Musiker Martin Fliege dem jeweiligen Anlass entsprechend zusammengestellt wird und an diesem Abend in ansehnlicher Zahl kaum auf der (sogar noch extra  erweiterten!) Bühne vor dem Altarraum Platz fand, sind allesamt Spezialisten der historisch informierten Aufführungspraxis, wovon man sich in diesem Konzert auf 430 Hertz Stimmtonhöhe überzeugen konnte.

So schon gleich zu Beginn in der instrumentalen Einleitung: Auf einen dumpf-dröhnenden Akkord-Schlag folgen undefinierte Klänge als musikalisches Symbol für das Chaos vor dem göttlichen Akt der im Alten Testament beschriebenen Schöpfung – das Ensemble zeigt sich in den kräftigen, tosenden Passagen als ausdrucksstark und leidenschaftlich, dann wieder zurückgenommen und einfühlsam, ebenso in der späteren Generalbassbegleitung der Rezitative. Nach dieser Ouvertüre wird im ersten Teil des Oratoriums die Erschaffung von Licht, Wasser und Pflanzen besungen, Abschnitt Zwei befasst sich dann mit der Kreation von Tieren und Menschen. Im dritten Teil schließlich erscheinen konkret Adam und Eva als liebendes, dem Schöpfer Dank bezeugendes Paar und führen das Werk zum jubilierenden Abschluss.

Inka Drengemann-Steudtner leitet Orchester und Chor mit ruhiger Hand, klar und präzise. Ohne Schnickschnack dirigiert die schlanke Frau mit dem charakteristischen langen, dunklen Zopf, nichtsdestoweniger, nein, gerade dadurch die Aufmerksamkeit aller Ausführenden fesselnd und sie solcherart zu Bestleistungen anspornend. Apropos Bestleistung: Inka Drengemann-Steudtner hat in den knapp vier Jahrzehnten ihrer hauptamtlichen Kantorenschaft in Esens eine Kirchenmusik aufgebaut, die einen Vergleich mit den Topadressen der Bundesrepublik nicht zu scheuen braucht, im Gegenteil.

Aus einem Kirchenchor mit einer Handvoll Teilnehmern ist unter ihrer Leitung eine stattliche Kantorei geworden, deren brillanter, voller Klang wie aus einem Munde zu kommen scheint, obwohl das Ensemble altersmäßig sehr gemischt ist – doch niemand fällt stimmlich aus dem Rahmen, kein ungewolltes Vibrato verzerrt die akustische Homogenität. Das ist beachtlich und zeigt die Wirkung von Drengemann-Steudtners ausgefeilter Stimmbildung, die offenkundig von ihren engagierten Sängern gerne angenommen wird. Neben der Klangschönheit mangelt es dem Chor auch nicht an Dramatik, rhetorischem Vermögen und Ausdrucksfreude – und würde Tacitus in Verlegenheit bringen: „Frisia cantat“ – und wie!

Bleibt schließlich noch das Solistenteam als Sahnehäubchen auf eine außerordentliche Ensembleleistung. Die aus Neuengland stammende Margaret Hunter ist stimmlich ein wahres Wunder – ihr glockenreiner Sopran gleitet wie warmes Wachs mühelos durch alle Oktaven, erreicht die Höhe spielerisch und ist dabei von betörender Sinnlichkeit. Ein rechtes Feuerwerk an Expression, stimmlichem Geschick und dunkel-kraftvoller Klangfülle war denn auch Jan-Bernd Strauß. Besonders lustvoll gelangen die Liebesduette von Adam und Eva, in denen Hunter und Strauß einander nicht nur via voce umgarnten, sondern sich zudem äußerst charmant in die Augen blickten... Übrigens: Strauß ist in Ostfriesland beheimatet und leitet das Niedersächsische Internatsgymnasium Esens.

Perfekt die Trias ergänzend fügte sich der Hamburger Tenor Mirko Ludwig in das Solistenensemble. Seine elastische, facettenreiche Stimme fühlt sich in allen Lagen zu Hause. Rezitative wie Arien gestaltet er wunderbar, ist dabei mitreißend in Ausdruck und Hingabe – ein Genuss, ihm zuzuhören! Sein Timbre klingt ein bisschen nach Belmonte, dazu eine Prise Tristan, abgerundet mit einem Hauch von Florestan. Kein Wunder, dass der Applaus schließlich kein Ende nehmen wollte und so manche Träne verstohlen weggetupft wurde. Was für ein Konzert und was für ein Abschied!