In seinem Rezital präsentierte Radu Lupu ein reines Schubert-Programm mit den Moments musicaux und zwei Sonaten – allesamt komponiert zwischen 1823 und 1828. Die zum Konzertsaal umfunktionierte Maschinenhalle der Druckerei Baden bot dafür einen besonders intimen Rahmen, stilvoll und zugleich nüchtern, den Blick fokussierend auf den bedächtig, zurückhaltend auftretenden Pianisten. Dieser saß ruhig, in sich und die Musik versunken auf seinem Stuhl, wie meditierend im Spiel, besonders in den Sonaten gelegentlich mitsummend, als ob er das Publikum nicht wahrnehmen würde. Gefühlsregungen zu zeigen ist nicht seine Art; umso mehr drückt er diese in seiner Musik aus. Radu Lupu ist bekannt als ein Meister der feinen Zwischentöne, des gefühlvollen, subtilen Musizierens. Das hat er von den ersten Tönen an bis hin zur Zugabe exemplarisch dokumentiert.

Radu Lupu © Klaus Rudolf
Radu Lupu
© Klaus Rudolf

Schon das erste Moment musical erklang gemessen, gedankenvoll, versonnen, ausgesprochen weich im Anschlag (oft leicht arpeggiert, vor allem bei Schwerpunkten), mit sehr sorgfältig dosierter, um nicht zu sagen zurückhaltender Dynamik. Diese war nie laut, nie reinfahrend, Akzente wurden öfters nur angedeutet. Der Ton war singend, dabei jedoch durchaus nicht immer legato. Letzteres setzte Lupu gezielt ein, vermehrt im sanften Mittelteil. Die Nummer Zwei in As-Dur folgte (wie auch die weiteren Kompositionen des Op.94) quasi attacca, wie ein kleines Intermezzo. Im zentralen Segment ist ein verhaltener Gesang zu hören, die Rückkehr des ersten Teils ist etwas lebendiger, das Aufbegehren bei der Wendung nach A-Dur aber ganz momentan, bevor die Musik sich gleich wieder besänftigt, versöhnt – oder war das schon Trauer, leise Verzweiflung, Resignation?

Beim kurzen Allegro moderato lag die Betonung auf moderato. Der Satz klang zögerlich, wehmütig, allenfalls verspielt-gedankenvoll. Auch im Moderato blieb der Künstler seinem verträumten, bedächtig fließendem Stil treu. Behutsam waren ebenso die Akzente in der linken Hand, Agogik vor allem in mehrtaktigen Phrasen, immer sehr vorsichtig im Anschlag, lieber fehlende Töne riskierend als eine zu stark angeschlagene Note. Resoluter im Zugriff wurde der Pianist erst im fünften Satz, Allegro vivace, blieb aber besonnen und hielt sich im ff zurück, stets auf die Nebenstimmen achtend: irgendwie schien hier auch der Vivace-Aspekt gebrochen. Im letzten Moment musical spielte Radu Lupu wieder sehr introspektiv, milderte Akzente durch Arpeggieren und zog sich sogleich wieder ins Verhaltene zurück.

Der düsteren a-Moll Sonate ließ der Pianist eine ebenso gereifte Interpretation angedeihen, in der Ausbrüche eher wie Erinnerungen an rebellische Zeiten in der Jugend erschienen. Meist klang die Musik im Affekt gebrochen, die Dynamik gemildert, am heftigsten noch in der Durchführung des Eingangssatzes, bevor die Musik wieder in zögerndes Absterben zurückfiel. Die Stärken der Interpretation lagen in den leisen Partien, im Aushorchen vor und in der Coda. Es war keine Aufführung in glatter Perfektion, aber das war (ebenso wenig wie Eleganz) bestimmt auch nicht das Ziel.

Nicht anders war der Ansatz in der A-Dur Sonate. Radu Lupu zeigte das Verhaltene, große, jedoch rhythmisch und dynamisch gemilderte Gesten mehr denn kurzzeitige Eruptionen, keine Wut, eher Reflexion und Reminiszenz als Verzweiflung, Resignation und Einsamkeit im Folgesatz. In der zweiten Hälfte der Sonate schlichen sich gelegentliche (geschickt überspielte) Gedächtnislücken ein, auch technische Mängel und Oberflächlichkeiten. Ein schwieriges Werk, dessen Schluss dennoch mit seinem Ersterben, dem Stocken des Atems beeindruckte.

Die Zugabe, das Impromptu in As-Dur, versöhnte mit den kleinen Unzulänglichkeiten der Sonate und bot pure, einfache, besinnliche, verklärte Heiterkeit.

Nie entstand der Eindruck, die Musik sei zelebriert oder mit einer feierlichen Aura umgeben; zweifelsohne war jeder Takt echt empfunden. Es sind alles Spätwerke, komponiert vermutlich in der Zeit, in der Schubert bereits um seine fatale Diagnose wusste. Der resignative Ton scheint daher berechtigt. Allerdings zeigen Werke wie die Wanderer-Fantasie und die letzten Klaviersonaten, dass der Komponist durchaus aufbegehrte, seiner Verzweiflung, seinem Hadern mit dem Schicksal Ausdruck verlieh. Hier aber klang die Musik gebrochen wie durch den Schleier der Erinnerung aus einem Alter, das Schubert nicht mal zur Hälfte erreicht hatte.