Am 11 Oktober 1934 dirigierte Bruno Walter im Concertgebouw das Concertgebouworchester. Auf dem Programm stand die Uraufführung von Kurt Weills zweiter Symphonie. Davor spielte Sergej Prokofjew sein drittes Klavierkonzert. 83 Jahre später steht Lahav Shani vor Rotterdams Philharmonischem Orchester.  Auch er dirigiert Weills Symphonie Nr. 2 und nach der Pause das Orchester vom Klavier aus.

Lahav Shani © Marco Borggreve
Lahav Shani
© Marco Borggreve

Das Konzert begann mit The Unanswered Question von Charles Ives. Die hohen Streicher setzen unhörbar ein, der erste Akkord war einige Sekunden lang nur zu erahnen, bevor er sich hörbar manifestiert. Auf dieser Klangbasis im dreifachen pianissimo entwickelte sich ein spannendes Spiel zwischen vier Holzbläsern auf dem Podium einerseits und einer Trompete hinter der Bühne. Dieses Stück mit seinen schrillen Bläserakkorden und der klagenden Trompetenmelodie will auf den ersten Blick so gar nicht zu einem entspannenden Sommerkonzert passen. Und doch passte es hervorragend zu dem jungen Lahav Shani. Er dirigierte es mit Überblick und gewissenhaft aus der Partitur.

Das wiederum wunderschön geblasene Trompetensolo am Beginn des ersten Satzes von Kurt Weills Symphony Nr. 2 lädt zum Träumen ein. Es ruft Erinnerungen wach an Surabaya Johnny und Mackie Messer. Wir hörten aber auch den Beginn eines musikalischen Meisterwerks: Eine ausgefeilte Symphonie mit vielen atemberaubenden Bläsersoli und einem abwechslungsreichen Spiel zwischen rhythmischen und spannungsreichen Passagen und lyrischem Klangschwelgen. Im ersten Satz gefiel neben den Soli vor allem die prägnante Artikulation der Streicher.

Im zweiten Satz ging spätestens nach dem lyrischen Posaunensolo der Vorhang auf für kollektive Filmerinnerungen von Fernweh und Abschiedsschmerz. Shani ließ das Tempo hier stabil und sorgte für ein transparentes Ausbalancieren der harmonischen Entwicklungen. Beeindruckend gelang an diesem Abend das Paukensolo kurz vor Satzende. Der letzte Satz, ein Marsch, erinnert in einigen heftigen Passagen an die Symphonien von Dimitri Schostakowitsch. Auch hier verzichtet Shani auf Effekthascherei und wählt Tempi, die die Struktur des Satzes verdeutlichen helfen.

Nach der Pause saß Shani als Solist mit dem Rücken zum Publikum und dirigiert George Gershwins Rhapsody in Blue vom Klavier. Er beeindruckte mit mühelosem und unaufdringlichem Spiel. Da dem Flügel in dieser Aufstellung der Deckel als Resonanzfläche fehlte, waren manche Passagen etwas leiser als gewöhnlich. Man hörte in dieser Interpretation dafür echtes Zusammenspiel. Der dirigierende Solist ordnete sich unter und begleitet die Solisten seines Orchesters, wo das die Partitur vorschrieb. Es offenbarte sich hier eine der Stärken van Shani: es ging ihm ganz offenbar in erster Linie um das miteinander Musizieren und aufeinander Hören.

Zum Abschluss des Konzertes gab es Musik aus der West Side Story. 1960 zog Leonard Bernstein einige Nummern daraus zu einer Orchestersuite zusammen, die in der Abfolge den Geschehnissen des Musicals folgen. Aber auch ohne Sänger ist Bernsteins Musik jederzeit zu folgen. Lahav Shani dirigierte aus der Hüfte; seine Armbewegungen waren elegant und effizient. Einsätze zu den verschiedenen Instrumentengruppen gab er oft, indem er sich deutlich mit dem Oberkörper nach vorne beugte. Da er andauernd mit dem ganzen Orchester kommunizierte und sich stets von rechts nach links bewegte, wirkte es als tanze er die Musik vor. Das Orchester spielte wie eine Einheit; die Soli gingen unter die Haut. Nur das „Mambo“-Rufen in Bernsteins  Sinfonische Tänze aus der West Side Story klang etwas zaghaft, da diesen Part vor allem die hervorragenden Schlagzeuger auf ihre Schultern nehmen mussten.

Das tat dem Konzertgenuss aber keinen Abbruch und der lang anhaltende Applaus wurde mit der Ouvertüre aus Bernsteins Operette Candide belohnt.

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