Mit den letzten fünf Kantaten zu Neujahr und Epiphanias Georg Philipp Telemanns Französischen Jahrgangs 1714/15 ging das Telemann Project um Felix Koch, sein Neumeyer Consort und die Gutenberg Soloists nach fast genau fünf Jahren zu Ende. Der gewaltigen Unternehmung, alle 72 Werke der kalendarischen Gottesdienstmusik größtenteils erstmals neuzeitlich aufzuführen und für das umfassende Telemann-Œuvre von cpo einzuspielen sowie 51 Kantaten durch die Edition Peter Youngs (Canberra Baroque) für die Welt zugänglich zu machen. Und das natürlich auch an damaliger Wirkungsstätte des Komponisten sowie dessen Nachfolgers, Kapellmeisters und Kopisten einiger Beispiele daraus, Johann Balthasar König: der Katharinenkirche im Frankfurter Altstadtzentrum an der Hauptwache, die neben der Barfüßer-, heute für Deutschland geschichtsträchtige Paulskirche, zweite evangelische Hauptgemeinde der Freien Reichsstadt am Main zu Zeiten Telemanns als Musikdirektor gewesen war.

Telemann Project © Roland Kellner
Telemann Project
© Roland Kellner

Hatte Koch also bereits 67 der formwunderbaren, stets neuerfundenen Jahrgangs-Kantaten geleitet, fiel er jedoch ausgerechnet für jenes Finale krankheitsbedingt aus. An seiner Stelle übernahm Markus Stein als Maestro al cembalo Proben und Dirigat, das in seiner völlig genüsslichen, schmucken und souveränen Art ein Baustein des überschwappenden Commitments der Musiker sein sollte, Telemann in den Stücken mit textidentifikatorischer Freude, An- und Demut, unprätentiöser, aber zugleich affektvoller Wirkkraft sowie generell stilistisch stimmiger Überzeugung zu begegnen.

Begonnen mit der Neujahrskantate Danket dem Herrn, TWV 1:159, entfaltete sich so in Ausdruck und Phrasierung berüchtigt ansteckender Telemann-Swing, besonders im oft wiederkehrenden Chorritornell „Seine Güte währet ewiglich“ beziehungsweise der wiederholten chorischen Segnungs-Dicti, die die bewegliche Leichtigkeit, Homogenität und Beseeltheit der zwölfköpfigen Gutenberg Soloists – mit sehr glasig-schlanken, erquickenden und akkuraten Sopranen – und des Neumeyer Consorts unterstrichen.

Weiter ganz persönlichen Geschmack trafen sie übrigens mit der Umsetzung der versverbindenden, zügig-flüssigen, eher drängenden und daher nicht allzu modernprotestantisch-öd wahrgenommenen Interpretation der Choralzeilen, die dadurch einen dramaintegraleren Zweck erhalten. Solch zuträglicher Gusto und die einlassungsoffensive Zuneigung zu Telemanns eingängig-charmantem Geist offenbarte sich zudem in den Arien, Ariosi und Rezitativen der Solisten, deren Stil- und Intonationssicherheit sowie Deutlichkeit das Herz aufgehen ließen. Ob Agnes Kovacs‘ feiner, bächleinfrischer, bedachter Sopran, Susanne Langners äußerst klarer, verständlicher, flaumiger Mezzo, Fabian Kellys sehr hoher, bestechender und süßlich beschlagen-gewandter Tenor oder Hans-Christoph Begemanns angenehm einnehmender, diktionsbewusster, mal dezenter, mal theatralischerer Bariton, sie bewährten sich ausgesprochen verlässlich.

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Telemann Project
© Roland Kellner

Nach der Eingangskantate mit Streichern, zwei Hörnern, Oboen, Basso continuo und arienobligater Traverso folglich auch in der Schlusskantate zum Sonntag nach Neujahr, Gott verlässt die Seinen nicht, TWV 1:689, die nochmals alle vier Solisten aufbot. Und mit übermitteltem Gottesschutz Telemanns Pracht mit drei vorzüglichen Barockhörnern, Verspieltheit und Erfindungsreichtum par excellence selbst, der mit uns Hörern und hoffentlich einigen neuen Telemann-Fans war. Dazwischen erklangen die drei Kantaten für Epiphanias sowie den ersten und zweiten Sonntag nach Dreikönig: Stern aus Jacob, Licht der Heiden, TWV 1:1398, Fraget nicht, was mich betrübet, TWV 1:553, und Warum betrübst du dich, mein Herz, TWV 1:1499. Derweil sich in ersterer die Trompeten formidabel behaupten und festlich strahlen konnten, erfüllten die anderen beiden Werke den dramatischeren Angang aufgrund der biblischen Grundlage, wiederum mit für Telemann typischen Überraschungen und Reizen, wie den vokalfigürlich freieren Satzübergängen, dem mit zwei Takten kürzesten Choral, den bildlichen Kontrasten und Beiständen (u.a. der Solovioline Jonas Zschenderleins) sowie der in jenem Jahrgang einzigen Addition der Gambe (daran Sophie Johnson).

Das Telemann Project machte sich höchst verdient um die Erkundung und Verbreitung Telemanns Schaffens, so dass mit den transportierten Hoffnungsspeisungen der herrlich tanzsätzigen Kantatenschlüsse und der gewonnenen Erfahrung wie Begeisterung von Neumeyer Consort, Gutenberg Soloists und Felix Koch zu wünschen bleibt, sich alsbald ebenso lohnend dem nächsten Heben des reichen Telemann-Schatzes zu widmen.

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