Der Traum vom ewigen Leben bewegt die Menschen seit Jahrtausenden, vom Überdauern der Zeit alterslos, in andauernder Schönheit. Eine der Möglichkeiten wird im Libretto von Leoš Janáček nach einer Komödie von Karel Čapek beschrieben. Von einer Komödie findet sich in der Oper und auch der Inszenierung der Deutschen Oper nicht die Spur. Geschildert wird ein Dasein von sinnloser Leere, die zum Fluch wird.

Evelyn Herlitzius (Emilia Marty) und ihre Verehrer © Bernd Uhlig | Deutsche Oper
Evelyn Herlitzius (Emilia Marty) und ihre Verehrer
© Bernd Uhlig | Deutsche Oper

Ende des 16. Jahrhunderts befahl Kaiser Rudolf II. seinem Leibarzt Hieronymus, ein Elixier der Unsterblichkeit zu kreieren, mit dem er seine Regentschaft fortzusetzen hoffte. Die Arbeit gelang mit einer Mixtur, die das Leben immerhin um drei Jahrhunderte verlängern würde. Die Mixtur sollte zunächst erprobt werden. Hieronymus wählte dazu seine Tochter Elena aus, die daraufhin für ein paar Wochen ins Koma fiel. Der König meinte, das Experiment sei misslungen und warf seinen Leibarzt in den Kerker. Als Elina Makropulos erwachte, konnte sie nicht ahnen, was ihr bevorstehen würde: ein Leben von 337 Jahren, das nach Ablauf dieser Frist mit einer neuen Mixtur fortgesetzt werden müsste. Das Problem: die Rezeptur ist verschwunden.

Sie wiederzubeschaffen ist das Bestreben der Operndiva Emilia Marty, die letzte in einer Reihe von Identitäten. Um dieses Ziel zu erreichen ist ihr jedes Mittel recht. Die unverändert attraktive Dreißigjährige übt eine Faszination aus, der alle Männer verfallen. Sie sind unrettbar verloren bis in den Wahnsinn, den Tod, die Selbstverachtung. Emilia Marty bedeuten sie nichts. Evelyn Herlitzius spielt E.M. in der Regie von David Hermann zynisch; die Oper bietet in ihrer Vielschichtigkeit für Herlitzius ein großes Gestaltungsspektrum, das sie kraftvoll ausfüllt, im Sinne der Interpretation mit Aggression, die sie unsympathisch erscheinen lässt. Erst im Laufe der Handlung  wird sie auch stimmlich nuancierter mit vibrierendem Schmerz. Es ist der weite an Facetten reiche Bogen der Wagner – Sängerin.

Ihre Stimme in den ersten drei Akten ist hart, schroff, abweisend. Nur in einer Szene gibt es für sie Erstaunen und Wehmut, als ein einstiger Geliebter in Gestalt eines Clowns sie an ihre Zeit als Zigeunerin erinnert und sie in diese offenbar glückliche Zeit zurückholen möchte.

Sie ist gerührt. Er verspricht, wiederzukehren. Erst im vierten Teil, der Zeit von Läuterung, Erkenntnis und Tod, der Zeit, in der sie sich ihrer Verzweiflung bewusst wird, vollzieht sie in ihrer Dramatik und in ihrem Abschiedsschmerz auch stimmlich eine Wandlung, in der Verständnis und Mitleid versöhnlich wirken. Evelyn Herlitzius gibt dieser Figur darstellerisch enorme Ausdruckskraft, ist eine Ausnahmesängerin und Schauspielerin für diese Rolle. Sie ist Täterin und Opfer, Verführerin und Verführte, Mutter und Hure. David Hermann hat für seine Inszenierung zusammen mit Christof Hetzer für Bühne und Kostüme eindrucksvolle theatralische Mittel gefunden. Er erzählt eine spannende Geschichte als großes Theater.

Evelyn Herlitzius (Emilia Marty) © Bernd Uhlig | Deutsche Oper
Evelyn Herlitzius (Emilia Marty)
© Bernd Uhlig | Deutsche Oper
Zu Beginn wird die juristische Aufarbeitung des Falles auf einer Seite gezeigt, während gleichzeitig eine Doppelgängerin aus der Vergangenheit im Kostüm auftritt. Die Diva greift in den einhundert Jahre währenden Erbschaftsstreit mit Details aus der Vergangenheit ein, die niemand außer ihr wissen kann. Die zweite Szene führt den Zuschauer in einen Vorraum des Theaters, in dem die verblendeten Verehrer Martys auf das verführerische Weib warten und selbst Janek, der Verehrer Kristas, ihr verfällt. Als sie sich dem Baron zum Sex hingibt, um so in den Besitz des Schriftstücks mit dem Rezept zu gelangen, empfängt er von ihr nur Eiseskälte und ekelt sich vor sich selbst. Sie hat ihr Ziel erreicht und erhebt sich ohne Regung. Das dritte Bild ist die Bühne, auf der die Wiedergängerinnen Elina Makropulos' in Kostümen aus drei Jahrhunderten erscheinen, doch entkleidet verlieren sie ihre (alte) Identität und verschwinden so. Konfrontiert mit ihrer über 300 Jahre währenden Geschichte, den Ereignissen und Affären, mit einer unübersichtlichen Zahl von Nachfahren, begreift sie den Verlust jeglicher Gefühle; nur der Tod kann ihr Erlösung bringen. So entsteht eine spannende, wirkungsvolle Handlungslinie, die auch musikalisch stimmig ist.

Dabei widmet Hermann auch den Männern viel Raum: mit Ladislav Elgr als Albert Gregor, Paul Kaufmann als Vitek und Gideon Poppe als Janek allesamt gut besetzt, machen sie diese Inszenierung zum Ensemblespiel, ergänzt durch Jana Kurucová als Krista. Davor hebt sich Evelyn Herlitzius als bejubelte, rothaarige, hexengleiche Emilia Marty deutlich ab. Viel Lob auch für Donald Runnicles' Dirigat: Der Orchesterchef beweist gerade mit Janáček wie bei Benjamin Britten, zwei der musikalischen Schwerpunkte im Spielplan der Deutschen Oper, seine Flexibilität bei der durchaus komplizierten Komposition, in der vielfältige Einflüsse miteinander verwoben sind. Zu Beginn die schrille Zerrissenheit, kontraststark, im vierten Akt eine harmonische Eleganz, in der die Einflüsse Richard Strauß' unverkennbar hervor scheinen. Expressiv, detailgenau folgt ihm das Orchester bei dieser hochkomplex vielschichtigen Partitur in blendender Form. Im Gegensatz zu Janáček verweigert David Hermann der Diva Emilia Marty jedoch am Ende die Erlösung. Sie kehrt über die Bühne in das erste Bild zurück und muss weiterleben. Ein Fluch. Und ein großer Opernabend.