Es scheint zu den grundlegenden Gesetzen der Ästhetik zu gehören, dass Spätwerke, es mag sich nun um Werke der bildenden Kunst, der Literatur oder der Musik handeln, stets eine besondere Herausforderung für ihre Betrachter, Leser oder Hörer darstellen. Woran dies liegt, ist nicht einfach festzumachen. Oft sprengen sie als gewohnt angesehene Grenzen und hinterfragen damit meist das Gesamtwerk ihres Schöpfers. Ihnen wohnt, so gesehen, eine gewisse Doppeldeutigkeit inne: auf der einen Seite werfen sie den Schatten des Abschiednehmens, aber auf der anderen Seite brechen sie zu neuen Ufern auf. Sie sind damit, wie es der Literaturwissenschaftler Sandro Zanetti formuliert hat, „nicht Schlussstriche, sondern Anhaltspunkte für das, was noch kommt“.

Daniel Barenboim © Peter Adamik
Daniel Barenboim
© Peter Adamik
Dieser Aura kann sich auch Gustav MahlerSymphonie Nr. 9, sein letztes vollendetes Werk, nicht entziehen. Der biographische Hintergrund ihrer Entstehung macht es leicht, in dieser Symphonie einen Schwanengesang, ein Werk von Trauer, Resignation und Abschiednehmen zu sehen. Doch, und dieser Aspekt wird dabei übersehen, die Musik in ihrer Neu- wie Eigenartigkeit stellt sich einer solchen Interpretation vehement entgegen. Es ist damit wohl das eigentümlichste Kind der „kleinen Familie“, wie Mahler seine Symphonien in einem Brief an Bruno Walter bezeichnete.

Vieles ist und bleibt an dieser Symphonie, über deren ersten Satz Alban Berg einmal urteilte, er sei das Allerherrlichste, das Mahler je geschrieben habe, ungewöhnlich. Da wäre einmal die Disposition der Sätze ins Spiel zu bringen. Statt dem im 19. Jahrhundert traditionell gewordenen Schema zu folgen, bilden zwei eher als langsam zu bezeichnende Ecksätze den Rahmen für zwei bewegte Sätze im Mittelteil. Auch die Verwendung der Tonarten ist außerordentlich, denn sie werden voll und ganz Mahlers Konzept der progressiven Tonalität unterworfen, was bedeutet, dass hier kein klassischer Tonartenplan vorliegt, sondern auf den ersten Satz in D-Dur einer in C-Dur, dann einer in a-Moll und zuletzt einer in Des-Dur folgt. Außerdem ist auch die Verwendung der Harmonik alles andere als gewöhnlich. Sie tastet sich schon vorsichtig dem an, was man im weiteren Verlauf des 20. Jahrhundert als Klangmontage bezeichnen wird.

Den genannten Aspekten ist sich die Interpretation, die die Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim beim Festkonzert anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der Vereinten Nationen und der 60-jährigen Mitgliedschaft der Republik Österreich in dieser Organisation boten, vollauf bewusst. Barenboim, der ausgerechnet an diesem Tag auch seinen eigenen Geburtstag feiern durfte, brachte diese wohl zu den schwierigsten gehörende Symphonie Mahlers als ein Geburtswerk der neuen Musik zu Gehör.

Dabei zeigte sich einmal wieder, dass der berühmte Klang, welcher den Wiener Philharmonikern nachgesagt wird, bei weitem kein Mythos ist. Das Orchester trifft einfach den richtigen Ton: dort, wo es sanft zuzugehen hat, ist dies auch zu hören, und dort, wo die Komposition ein Zupacken verlangt, wird dies auch getan. Dies ließ sich eindrücklich schon in den ersten Takten des ersten Satzes hören. Dort, wo das erste Thema des Satzes wie aus dem Nichts entsteht, saß einfach jede Regung des Orchester. Ob dies nun die im feinen Pianissimo agierenden Celli, die mystischen Harfenklänge oder das gedämpfte Hornsolo, dass das Thema der zweiten Violinen vorwegnimmt, betrifft, hier wird auf höchsten Niveau und mit großer Hingabe musiziert.

Die Spannung, die den nächsten circa 25 Minuten innewohnte, wurde in diesen wenigen Takten so subtil verweggenommen, dass man sie schon hier, bildlich gesprochen, in der Luft greifen konnte. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch die Wahl der Tempi, die Barenboim dem Orchester mit auf den Weg gab. Gerade das Andante comodo nahm er nicht zu schnell, so dass der Satz vom ersten bis zum letzten Takt in einem wiegenden Fluß blieb.

Diesen Eindruck bestätigte auch der zweite Satz. Der wohl gespenstischste Tanzsatz, den Mahler je komponiert hat, und der in seiner Faktur zwei Ländler mit einem Walzer vereint, ließ die beeindruckende Interpretation Barenboims Bilder von Totentänzen des Mittelalters vor dem geistigen Auge entstehen. Dies gelang wiederum durch eine sublime Tempowahl und dem gestalterischen Esprit, den die verschiedenen Instrumentalsolisten mit ihren oftmals nur sehr kurzen Soli an den Tag legten. Daraus enstand ein Sog, dem man sich nur schwerlich entziehen konnte.

Diese soghafte Wirkung entfaltete auch der dritte Satz, jene Rondo-Burleske, die über sich selbst lachen sollte, aber daran fast erstickt. Barenboim stellte in seiner Interpretation vor allem den Zusatz "Sehr trotzig", der dem Allegro assai beigegeben ist, in den Vordergrund und machte aus diesem Satz damit einen Tanz am Abgrund.

Über den letzen Satz lässt sich nur ein sehr subjektives Urteil abgeben: er war zum Weinen schön. Herrlich wurde die eröffnende Streicherkantilene musiziert, und zum wahren Höhepunkt gerieten die abschließenden Takte, da sie der Anweisung „ersterbend“ wirklich gerecht wurden. Barenboim ließ den Satz mit einer solchen Spannung verebben, dass auch hier, wie zum Anfang der Symphonie, die Spannung in der Luft greifbar wurde.

Dieses Konzert wird den Anwesenden sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben als ein starkes Plädoyer für das Mahlersche Spätwerk.

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