Gerne entführt Dorothee Oberlinger die Zuhörer in die fantastische Welt des Barock beziehungsweise in die Fabelreiche noch früherer Zeiten, auf die sie Bezug nimmt. Ihr Instrument, die Blockflöte, symbolisiert darin neben der kompletten Ausdrucksform der Natürlichkeit und freudigen wie melancholischen Seele meist das Idyllische, Liebliche und Pastorale, so dass sich der Blick der Musikerin auch in der Funktion als Operndirigentin mit ihrem Ensemble 1700 auf Werke richtet, die mit derartigem Stoff gefüllt sind. Nach dem Instrumental-Sologesangs-Programm um das mystisch-verklärte Arkadien, Bononcinis Polifemo oder Scarlattis Il giardino d'amore fand die Intendantin der Musikfestspiele Potsdam zum Motto „Flower Power“ in Telemanns Pastorelle en musique oder Musikalisches Hirtenspiel eine passende Quelle, die – nach der Entdeckung Christoph Wollfs, Kirill Karabits, Einrichtungen von Peter Huth und schließlich ersten Aufführungen – im frisch renovierten Schlosstheater Friedrichs des Großen erneut zu sprudeln begann.

Pastorelle en musique
© Stefan Gloede | Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

In dieser Kurzoper, eine Hochzeits-Serenata, die von Telemann selbst als eine seiner zwanzig Frankfurter Feiermusiken als „Dramata zu besonderen Anlässen“ bezeichnet wurde – der kleinen Schwester zur danach groß aufgezogenen Saga um den Neumodischen Liebhaber und die komischen Satyrn – geht es natürlich um das mit seinem deutsch-französischen Text und der Figur des Knirfix durchaus leicht gallisch-parodiehafte Zueinanderfinden des einsam verliebten Schäfers Damon und der sich durch ihr Freiheitsbewusstsein extrem zierenden Nymphe Caliste. Außerdem gesellt sich mit Amyntas und Iris ein weiteres Pärchen in das Liebesdrama, das der Form und seiner Bestimmung getreu selbstverständlich in doppelt trautem Glück endet.

Florian Götz (Damon)
© Stefan Gloede | Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

Den Festcharakter und die Selbstkategorisierung des Komponisten belegt schon die Ouvertüre, die zum repräsentativen Stil und der bilateralen Librettierung passend, aber – damit nun einmal ganz Telemann – zur Beschlagenheit als größter Stilwandler seiner Zeit gehörend, ein ausgedehntes Opernserenaden-Concerto mit einigen, auch später wiederzufindenen italienischen Einschlägen ist. So beginnt es mit einem Spirituoso für ein vollständig besetztes Orchester aus Streichern, Cembalo, Basslaute, Oboen, Fagott, Hörnern, Trompeten und Pauken, das trotz der Akzente des Ensemble 1700 und eines kleinen Paukenintros wegen seiner Zaghaftig- und leichten temporalen wie phrasierenden Behäbigkeit geradezu Inspiration vermissen ließ. Sie hielt allerdings schnell – und dann fortdauernd – Einzug im dann knackigeren Allegro mit besonders heraushörbarer Emphase der Trompeten, Evgeny Sviridovs Violine und von Makiko Kurabayashis Fagott. Axel Wolfs Laute durfte das sinnliche Adagio mit einem Vorspiel beglücken, während die Streicher im Presto und das Tutti im finalen Allegro ihre präzise und kontrastvolle Agilität unter Beweis stellten. Mit dieser vermochten sie, die mit ripienoritornellen Sprenklern der Solovioline und der Oboen versehene handlungsgemäße Intrada zum Trauungs-Tamtam genauso zu schmettern, wie Calistes jubelnd-kämpferischen Freiheitsfingerzeig oder Iris' schwankendes Grübeln.

Lydia Teuscher (Caliste) und Ensemble
© Stefan Gloede | Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

Oberlingers Instrument spielten Shai Kribus und Max Volbers besonders köstlich zu den Arien des von Virgil Hartingers doch mit hellem Tenor gesungenen knurrend-tolpatschigen Knirfix, der sich als vermeintlich lockerer Dauerjunggeselle eher einen hinter die Binde gibt, als eine Bindung einzugehen. Neben dem letzten Tropfen auch die Hochzeit und eigentlich sein Schicksal riechend, probiert er sich an gesellschaftlicher Etikette, indem er Schritte vom Tanzmeister zu studieren dilettiert, die Tänzer und Geiger Yves Ytier in koordinationssensationellem und showimposanten Multitasking aufs Parkett zauberte. Es blieb nicht die einzige Bühnenmusik, nachdem schließlich noch Volbers als flötender Cupido vom Himmel abgeseilt wurde, um traumschön und ungestört von den Vivaldianischen Vögeln den sich jeder verzweifelnde Liebhaber wünschenden Herzensöffner-Sommeil zu untermalen. In ihn hatte sich tiefsinnig unter äußerst klanggewandter, selten so intensiv und rund tönender Oboe Kribus' die von Lydia Teuscher standfest, klar und blumig (selbst und natürlich erst recht wunderbar in höchster Gedankenakrobatik) gespielte Caliste begeben, musste sie zuvor selbstbewusst auf Unanbhängigkeit bedacht jede Charmeoffensive Damons scharfzüngig und in putzig lautmalerischem Jauchzen abblitzen lassen.

Marie Lys (Iris) und Alois Muehlbacher (Amyntas)
© Stefan Gloede | Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

Jener Damon konnte einem in Telemanns so menschlichem (durch die komödiantisch-selbstbemitleidende und irgendwie durch jedermanns eigene Erfahrung relativierende Art über sich selbst lachendem) Antlitz wirklich leidtun, selbst wenn er einfach zu siegessicher vom standesüblichen Einverständnis der Liebe ausging. Florian Götz besaß jedenfalls in der Tat baritonale, anziehende Vibes, die Caliste in parlierendem Französisch zwar nicht um-, als vielmehr Damon deshalb zu Todessehnsucht verstimmten, in deutscher Offenheit des letzten Flehens allerdings eher ungewöhnlich zu „bedenken“ gaben. Zum Umdenken zwang sie schlussendlich das schäumend-frohlockende Beispiel des befreundeten Paares, das sich in einem schwärmerisch-goldigen Duett einander versprach, wobei Marie Lys in ebenfalls reizender Versiertheit ihres Soprans zunächst – vom Lockruf der Freiheit angeturnt – ein debattierfreudiges Spiel mit ihrem relativ fix Auserwählten spielte, dem Alois Mühlbacher als rhythmisch-forscherer wie gleichfalls klettender und dann inbrünstig triumphierender Altus-Amyntas gewachsen war.

Am Ende rieselten unter den verflixt guten sieben Sinnen des Vocal Consort Berlins und den feierlichen Bordunwiegewonnen die Blumen von der Decke der Szenerie, die Oberlingers eigener Gatte Johannes Ritter in historischem Design kreiert und Nils Niemann mit selbig etikettierter Regie ausgefüllt hat. Alles nicht altbacken, sondern eben als künstlerisch stringente Einheit von Rhythmus, Mitteln, Elementen und Zeit, die die Aufmerksamkeit bündelt und sagt: Und sie blühet doch!


Die Vorstellung wurde vom Stream der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci rezeniert.

Lydia Teuscher (Caliste) und Ensemble
© Stefan Gloede | Musikfestspiele Potsdam Sanssouci
Pastorelle en musique
© Stefan Gloede | Musikfestspiele Potsdam Sanssouci
Florian Götz (Damon)
© Stefan Gloede | Musikfestspiele Potsdam Sanssouci
Marie Lys (Iris) und Alois Muehlbacher (Amyntas)
© Stefan Gloede | Musikfestspiele Potsdam Sanssouci